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TV-Kritik Maybrit Illner Die Rente ist so kompliziert

„Milliarden für Senioren – wie gerecht ist die neue Rente?", fragt Maybrit Illner ihre Talkgäste. Und siehe da, es herrscht Einigkeit. Darin, dass die staatliche Finanzierung der Seniorenzeit so fürchterlich kompliziert ist.

24.01.2014 07:45
Jana Schulze
Maybrit Illner. Foto: dpa

Wer sich als Thema-Rente-Anfänger am gestrigen Donnerstagabend vor die Glotze setzte, kam gewiss schnell in Schwulitäten, was aus welchem Geldtopf finanziert wird und werden soll. Denn: Die staatliche Finanzierung der Seniorenzeit ist höchst kompliziert. Und nun hat die große Koalition (GroKo) auch noch drei Neuerungen festgeschrieben – die sogenannte Mütterrente mit Ausgaben von 6,7 Milliarden Euro, die „Rente mit 63“ mit einem Batzen von 3,1 Milliarden Euro und eine Verbesserung bei der Erwerbsminderungsrente. Kosten: eine Milliarde Euro. 10,8 Milliarden Euro Ausgaben – ja, sagte die frischgebackene SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles, das koste, das sei richtig – aber das sei der Kern des deutschen Sozialsystems. „Alle stehen für alle ein!“

Die gleiche Politikerin, die noch im Wahlkampf gegen die Idee der CDU gewettert hatte, das neue Rentensystem aus den Sozialkassen zu finanzieren. Nun und auch bei Maybritt Illner sagte Andrea Nahles: „Wir müssen die Lücken in Rentensystem schließen!“. Sie finde es nur richtig, dass Menschen, die 45 Jahre gearbeitet und eingezahlt haben, eine angemessene Rente bekämen. Und gerade Mütter, die „keine Betreuung und Anerkennung hatten“ das Geld bekämen – schließlich beträfe das 9,5 Millionen Mütter.

So weit, so verständlich. Aber, und das wiederholt der jüngste Bundestagsabgeordnete Sven Christian Kindler von den Grünen an diesem Abend gebetsmühlenartig, wo bliebe denn da die Generationsgerechtigkeit?! Die junge „Generation Praktikum“ habe heute schon Unsicherheiten, arbeite in Selbstständigkeit und könne sich nicht auf eine staatliche Rente verlassen. Der Grüne holt noch weiter aus und wettert gegen Schwarz-Rot: Das Thema Altersarmut gehe die GroKo überhaupt nicht an!

Rückendeckung bekommt er vom Bund der Steuerzahler: Reiner Holznagel, Chef des Verbandes, meint: „Die Rentenbeschlüsse sind zu teuer und politisch das falsche Signal!“ Als Sprecher der größten Gruppe der Rentenbezieher fordert er „Das System muss transparenter werden! Die Rente muss sicher bleiben!“ Holznagel soll in dieser Illner-Runde einer bleiben, der den Blick hin zur gesamten Altersvorsorge weiter öffnet, der sachlich gut und vor allem logisch verständlich argumentiert.

Und dabei gern mit dem leicht überheblichen IG-Metallchef Detlef Wetzel aneckt. Für den Gewerkschaftschef ist die Renten-Novellierung „ein Stück mehr Gerechtigkeit - und zwar für die, die die mit 16 früh angefangen zu arbeiten und die 45 Jahre lang eingezahlt haben“. Über das Problem der Altersarmut solle man da jetzt gar nicht reden. Das tut Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbandes Deutsches Handwerks, auch gar nicht. Sein größtes Problem an diesem Talkshow-Abend: Die Rente mit 63, denn seine Mitgliedsbetriebe bräuchten Fachpersonal und auch älteres, und keinen Anreiz, dass nun ein Angestellter nach dem anderen früher in die Pension geht. Fast sanftmütig trägt er in der Fast-Herrenrunde immer wieder seine Bedenken vor.

Ohne Selbstzweifel

Die Bundesarbeitsministerin gab sich die gesamte Redezeit selbstbewusst und ohne jede Selbstzweifel, verteidigte das Rentensystem, das sich nun wandelt. Immer wieder verwießt sie auf die Mütter, deren Kinder vor 1992 geboren wurden und wie sehr diee jetzt profitieren würden – dass diese Regelung erst ab 2017 gilt, darauf weisst dann der Grüne Kindler dezent hin. Und dass Studiogast Maria Mayer, Rentnerin aus München und lebendiges Beispiel für Altersarmut in Deutschland – sie lebt von zehn Euro am Tag – erklärt, sie hätte zwar den Anspruch auf die Mütterrente, aber sie würde ihr von der Grundsicherung, die sie als Aufstockung zur Rente aktuell bezieht, abgezogen, da meint Andreas Nahles, dass ihr dies leid tue.

Erwerbminderungsrente, Grundsicherung, kalte Repression – das Vokabular der Runde erwartet ein fundiertes Wissen beim Zuschauer. Als die Bundesarbeitsministerin dann beginnt vorzurechnen, was sie mit dem Finanzminister ausbaldowert und nun wie viel Milliarden bis zu welchen Jahr zur Verfügung hat, wird’s unübersichtlich. Auch das ZDF präsentiert im Hintergrund und Schnelldurchlauf eine Grafik, die erklärt wie viel der Steuerzahler in einigen Jahren doch Mehr-Steuern zahlen muss. Die Darstellung ist wichtig und klärte auf – aber sie hätte mehr Zeit als die wenigen Sekunden zum Begreifen gebraucht.

Die Bundesarbeitsministerin versuchte im Laufe des Abends Kritik geschickt abzuwenden, in dem sie meint, die Rentenreform sei ja nur ein Baustein des großen Koalitionsvertrages: „Wir investieren in Bildung, in Infrastruktur – wir müssen schauen, was wir insgesamt politisch machen!“ Den Vorwurf von Seiten der Grünen und des Ex-Wirtschaftsweisen Bert Rürupp, von den neuen Rentenregelungen profitieren doch vor allem die Männer – und die seien schon heute weniger als Frauen von Altersarmut betroffen, wischt sie lieber zur Seite. Auch von Steuererhöhungen mag sie nicht recht reden – schließlich war das ja ein Wahlkampfversprechen, keine Steuern hochzuschrauben.

Beim Thema junge Menschen und Arbeit wird’s noch mal lauter in der Runde - der IG-Metall-Chef schwört auf Mindestlohn und ordentliche Arbeitsverträgem, um die Einzahlung in die Rente zu sichern. Nahles argumentiert mit demografischer Entwicklung. Der Handwerkspräsident meint, dass die Eltern- und Großelterngeneration schon heute alles für die Jugend zahle. Und der Bund der Steuerzahler glaubt nicht mehr an ein funktionierenden Generationenvertrag.

Einig sind sich am Ende alle schließlich in einem: „Die Rente ist sehr kompliziert!“

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