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TV-Kritik "Maischberger" Mit Engeln in Kontakt

Seher und Propheten hatte Sandra Maischberger in ihrer Sendung zu Gast. Als ihr die Hand gelesen wird, ist die Moderatorin noch amüsiert, doch am Ende muss sie zusehen, dass ihr die Sendung nicht entgleitet. Von Felix Ehring

06.01.2010 08:01
Felix Ehring
Sandra Maischberger. Foto: ddp

Nach dieser Sendung von Sandra Maischberger wussten wohl viele Zuschauer nicht, ob sie all das wirklich in der ARD gesehen und gehört hatten, ob sie darüber lachen sollten oder einfach nur den Kopf schütteln.

Zum Thema "Seher und Propheten - Geheimwissen oder fauler Zauber?" sind die Wahrsagerinnen Viorica Winterling und Lilo von Kiesenwetter sowie die "Engeldolmetscherin" Alexa Kriele geladen. Dazu kommt Jürgen Fliege, der sich selbst wahrsagerisch beraten lässt, Esoteriker auf seiner Homepage empfiehlt und bei Maischberger gleich zu Anfang bekennt, auch schon einmal ein halbes Jahr nur getrommelt zu haben, um herauszukriegen, ob es Geister gibt.

Der Wissenschaftler Amardeo Sarma und die Journalistin Heike Dierbach sollen diesem esoterischen Quartett bei Maischberger Paroli bieten. Sie kommen erst nach 45 Minuten dazu. So lange dürfen die drei telepathischen Frauen mit freundlicher Fürsprache Flieges ihre vermeintlichen Kenntnisse in der ARD ausbreiten: Lesen in der Hand oder im Kaffeesatz oder eben die Kontaktaufnahme mit Engeln. Alle drei Frauen können in Zukunft wohl mit vielen neuen Kunden rechnen nach soviel kostenloser Werbung.

Voraussagen weit oben auf der Skala der Beliebigkeit

Anfangs ist es noch harmlos, doch das wird sich ändern. Am Ende muss Maischberger zusehen, dass ihr die Sendung nicht entgleitet. Zunächst lacht sie, als Winterling ihre Hand liest. Winterling sagt, dass Maischbergers schlanke Finger etwas bedeuten. "Dass ich schlank bin", ulkt Maischberger. Danach verspricht sie, wieder ernsthaft sein zu wollen. Winterling verspricht ihr im Gegenzug, dass Maischberger lange leben werde. Sie werde immer Geld haben und immer arbeiten. Aha.

Als Nächster ist Fliege an der Reihe, der Winterlings Dienste auch privat in Anspruch nimmt. Er selbst lässt sich von Winterling die Karten legen. Winterling erkennt, dass Fliege wenig geschlafen hat. Das stimme, sagt Fliege freudig verblüfft. Winterling sieht außerdem 2010 eine Person mit Uniform oder einen Arzt in Flieges Leben. Vielleicht auch ein Richter?, fragt Fliege. Auch das ist für Winterling nicht ausgeschlossen. Wahnsinn.

Später kritisiert die Journalistin Heike Dierbach, dass Fliege auf seiner Homepage auch gefährliche Wahrsager empfehle. Fliege lässt sich nicht beirren. Er sagt, man müsse nur darauf achten, dass die Menschen, von denen man sich beraten lassen wolle, ihre Klienten auch "lieb" hätten. Dann sei man auf der sicheren Seite. Einer von vielen absurden Höhepunkten der Sendung.

Auch die sogenannte "Seherin vom Rhein", Lilo von Kiesenwetter, sagt die Zukunft von Maischberger und Fliege voraus. Kiesenwetter vermutet ebenso wie Winterling ein paar Allgemeinplätze: Maischberger werde irgendwann verreisen und umziehen, Fliege solle auf seinen Magen aufpassen. Angela Merkel bekomme eine Brille, sieht Kiesenwetter vor ihrem geistigen Auge. Alle anderen Deutschen konnten diese Brille schon bei Merkels Neujahrsansprache im TV sehen.

Wer Engel für sich sprechen lässt, kann viel Wirres behaupten

So geht es noch weiter und der Abend wäre wohl harmlos-überflüssig ausgegangen, wäre nicht Alexa Kriele dabei gewesen. Kriele denkt, sie könne mit Engeln Kontakt aufnehmen, die es an vielen Orten gebe und bestimmt auch in Maischbergers Studio. Kriele sagt, Engel fügten, was zu fügen ist. Das sei ein ziemlich harter Job für Engel. Der skeptische Diplom-Ingenieur Sarma, der schon eine Reihe vermeintlicher Hellseher als Nichtskönner entlarvt hat, schlägt Kriele vor, einmal gemeinsam mit ihr Engel zu befragen. Dazu habe sie keine Zeit und auch keine Lust, entgegnet Kriele kurz angebunden.

Dann wird es für Kriele sehr unangenehm. Die Journalistin Dierbach wirft ihr vor, dass sie in ihrem Buch behaupte, Opfer von Krankheiten seien wegen des reinkarnierten Lebens oft auch Täter, die nur verspätet zur Verantwortung gezogen werden. Laut Dierbach soll das im Buch auch über Aids-Kranke in Afrika gesagt werden. Maischberger bestätigt das. Kriele redet sich damit heraus, dass sie es nicht selbst sei, die so etwas behaupte. Die Engel hätten es gesagt und sie habe es aufgeschrieben. Damit ist sie fein raus: Wer Engel oder andere reden hört, kann sich von jeder Verantwortung freisprechen.

Dierbach kritisiert außerdem, dass der Glaube an Übersinnliches mit Psychotherapie vermischt werde. Es gebe immer mehr Anbieter, die vorgeben, zum Beispiel Depressionen heilen zu können. Hilfebedürftige Patienten begäben sich in die Hände von Esoterikern und seien diesen dann oft ausgeliefert. Die Zahl Geschädigter infolge esoterischer Methoden steige. Kriele ist inzwischen aufgebracht und weist jegliche Kritik fahrig zurück. Schließlich hat sie einiges zu verlieren, ihr Honorar liegt laut Dierbach bei 180 Euro - pro Stunde. Engel dolmetschen: Lukrativ scheint das allemal, aber man muss es natürlich auch können.

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