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TV-Kritik „Kindkind“ (Arte) Hier fliegt die Kuh

Hätte Astrid Lindgren jemals einen Serienkillerroman geschrieben und Jacques Tati die Verfilmung übernommen, dann sähe er wohl so aus wie der französische Vierteiler „Kindkind“. Oder doch sehr ähnlich.

Kindkind (Alane Delhaye), Jordan (Corentin Carpentier) und Kevin (Julien Bodard) haben viel Spaß dabei, andere beim Autoskooter zu ärgern. Foto: © Arte France/Roger Arpajou

Kindkind (französisch „P‘tit Quinquin“) ist ein Lauser, wie er im Buche steht. Er erschreckt die Mutter mit Knallfröschen, veralbert die Gendarme, zwingt als Ministrant durch Betätigen der Schellen den Priester statt nur einmal gleich mehrfach zum Niederknien und provoziert ausgerechnet in einer Totenmesse einen Lachanfall. Aber wir befinden uns mitnichten in Astrid Lindgrens freundlicher Kinderwelt. Kindkind durchstöbert auch die alten Bunker des Atlantikwalls, sammelt Handgranaten und beschimpft Ausländer in den deftigsten Worten. Eigentlich beschimpft er alles und jeden und ahmt dabei nur die Erwachsenen nach, die einen unglaublich vulgären Tonfall pflegen.

Kindkind lebt im Norden Frankreichs an der Kanalküste, die bevölkert wird von rotwangigen Mondgesichtern, ausgemergelten Spargelköpfen und verhärmten Schlaksen. Der Autor und Regisseur Bruno Dumont stammt von dort, und er blickt offensichtlich weniger verklärt auf seine Landsleute, als sein Kollege Dany Boon es in seinem Kinohit „Willkommen bei den Sch'tis“ tat. Aber Dumonts „Kindkind“ muss auch nicht im Kino Kasse machen, sondern wurde als TV-Vierteiler für Arte France produziert. Dumont, der zuvor nur für die Leinwand inszenierte, darf also etwas wagen und liefert ein kompromisslos finsteres und dabei hochkomisches Krimimärchen ab.

Ein vierbeiniger Sarg

Die Geschichte beginnt grotesk: Der zwölfjährige Kindkind (Alane Delhaye) hat Ferien und vertreibt sich die Zeit mit allerlei Unfug. Gemeinsam mit Freunden jagt er auf dem Fahrrad einem Hubschrauber hinterher. Der wurde für einen bizarren Einsatz herbeordert: Eine Kuh ist in einen alten Bunker gestürzt und kann nur per Helikopter herausgehoben werden. Es wird noch befremdlicher: Im Inneren des Kadavers finden sich menschliche Gliedmaßen. Ein Mörder geht um in dem kleinen Ort am Meer, und er findet noch weitere Opfer.

Die gesamte Region ist, glaubt man diesem Film, von Sonderlingen bevölkert. Die Kriminalbeamten machen da keine Ausnahme. Commandant Van der Weyden (Bernard Pruvost) zuckt und gestikuliert unkontrolliert, poltert und schimpft und wird von seinem tollpatschigen Adlatus Carpentier (Philippe Jore) schon mal im Übereifer zu Boden gerissen. Carpentier ist im Herzen ein Rebell, zahnmedizinisch unterversorgt und ein lausiger Autofahrer, bringt es aber fertig, den Dienstwagen auf nur zwei Reifen über die Feldwege zu lenken. Und er weiß seinen Zola zu zitieren.

Zwei Gärtner zu Böcken gemacht

Während weitere Leichen gefunden werden und Van der Weyden und Carpentier ziemlich planlos ihren Ermittlungen nachgehen, nimmt sich Regisseur Bruno Dumont immer wieder viel Zeit für die Bräuche und Rituale des ländlich geprägten Ortes. Der Umzug des Spielmannszuges, eine Heilige Messe, ein Talentwettbewerb werden ausgiebig beschrieben und entwickeln eine ganz eigene, höchst skurrile, oft auch makabre Komik bis hin zum Slapstick in der Tradition Jacques Tatis. Doch nach beglänzter Landlust-Romantik hält man hier vergebens Ausschau, und die Todesfälle – nicht allen geht ein Mord voraus – sind im Grunde nur die Eruptionen all dessen, was seit je unter der Oberfläche brodelt.

Das komödiantische Genre war absolutes Neuland für Bruno Dumont, der mit dramatischen Filmen wie „Das Leben Jesu“ und „Humanität“ hervorgetreten ist und mehrfach beim Filmfestival von Cannes ausgezeichnet wurde, und doch erweist sich Dumont auf diesem Gebiet als Könner. Seine Figuren sind im besten Sinne ver-rückt; sie agieren immer eine Spur neben dem Bekannten und abseits des Erwartbaren. Das irritiert und sorgt für die Fallhöhe, die gute Komik ausmacht. Dieser Effekt verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass die Rollen mit Laien besetzt wurden – Bernard Pruvost und Philippe Jore beispielsweise sind, wie Dumont im Interview mit Arte verriet, im Hauptberuf Gärtner.

Erinnerungen an den klassischen Krimi

„Kindkind“ ist sehenswert und eine Perle des schrägen Humors. Zugleich reiht sich die Produktion aber ein in den unerfreulichen Trend, Krimistoffe wüst zu überdrehen und mit Anleihen beim Horrorfilm anzureichern. Diese Machart geht beinahe immer auf Kosten der Logik – zu beobachten schon bei der skandinavisch-deutschen Produktion „Die Brücke“ (das US-Remake ist insbesondere in der zweiten Staffel deutlich weniger abstrus), bei Jane Campions „Top of the Lake“, auch bei der kürzlich bei der Emmy-Verleihung bissig bespöttelten US-Serie „True Detective“ und anderen. Gerade solche Serien finden Beachtung und werden von der Kritik gefeiert. Größere Anerkennung aber verdient es, wenn ein Kriminalfall über eine längere Strecke hinweg erzählt und am Ende einer plausiblen Lösung zugeführt wird. Auch solche Serien gibt es noch – „Murder in the First“ in den USA oder „Broadchurch“, „The Guilty“, „Five Days“ in Großbritannien, wobei gerade die Briten meisterhaft auch von den psychologischen und sozialen Auswirkungen eines Verbrechens erzählen und gerade daraus eine besondere Spannung beziehen.

Man sollte nicht vergessen, dass angestammte Fernsehautoren ebenfalls hochwertige und nicht selten sogar bessere Seriendrehbücher zustande bringen als manche Kollegen vom Kinofilm, die, was wirtschaftlich durchaus Vorteile bringen kann, einen Abstecher zum Fernsehen machen und allein dafür bereits mit großer Aufmerksamkeit belohnt werden. Nicht immer verdient.

„Kindkind“, 18. und 25.9., 21.45 Uhr (Arte), jeweils zwei Episoden en suite

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