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TV-Kritik Jauch über Snowden „Sie können sich aufregen wie Sie wollen“

… die US-Überwachung aller deutschen Bürger und Firmen werde trotzdem weitergehen. Der Satz des Ex-US-Botschafters John Kornblum fasste die Gesprächsrunde bei Günther Jauch trefflich zusammen. In der Sendung überwog freilich die Aufregung.

TV-Moderator Günther Jauch. Foto: dpa

In einer besseren Welt gäbe es vielleicht kein Ausschnüffeln von Völkern und Firmen befreundeter Nationen. Aber wenn es sie gäbe, dann würden öffentlich-rechtliche TV-Sender es zumindest als ihre Aufgabe sehen, Vorgehen und Motive der Spione zu erhellen und den Überwachten Ausmaß und Bedeutung des Skandals klarzumachen. In unserer Welt gibt es nicht nur die NSA-Überwachung, die der IT-Experte Edward Snowden enthüllt hat. Sondern auch die Vorstellung, dass dem Fernsehzuschauer und Gebührenzahler Informationen vor 23 Uhr nur in Form von Infotainment serviert werden kann.

Am Sonntagabend bedeutete das konkret, dass die ARD ihr weltexklusives und durchaus informatives Interview mit NSA-Enthüller Edward Snowden erst nach der Talkrunde von Günther Jauch ausstrahlte, der sich mit der schon tausendfach beantworteten Frage befasste: „Snowden – Held oder Verräter?“ Im Internet erzeugte diese Entscheidung viel Unmut; das Interesse an der Sendung war dennoch so groß, dass „#Jauch“ zum weltweiten Twitter-Trend aufstieg.

Nun kann man es freundlich betrachten und der ARD unterstellen, dass sie das Thema, das die Mehrheit der Deutschen bisher relativ kalt ließ, breitenwirksam behandeln und für das Interview vorab trommeln wollte.

Hauptsache, es gibt Krawall

Gegen diese Lesart spricht leider, dass Jauchs Gästeschar nach dem inzwischen üblichen Schema zusammengesetzt war, das für Konflikt also Krawall also Entertainment sorgen soll. Dieses Mal gab Hans-Christian Ströbele, Bundestagsabgeordneter von Bündnis90/Die Grünen, der Snowden als einziger deutscher Politiker getroffen hat, den Chef-Ankläger und John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Berlin, den Hauptverteidiger. Das Experten-Ticket ging an den NDR-Journalisten Hubert Seipel, der besagtes Interview geführt hatte; das Jugend-Ticket an Marina Weisband, ehemalige Piraten-Politikerin und heute eine Art intellektuelles It-Girl mit großem IT.

Als obligatorischer Hofnarr war Julian Reichelt geladen, der als Chefreporter der „Bild“-Zeitung nicht nur deren frische Selbsternennung zur „Außerparlamentarischen Opposition“ ad absurdum führen durfte, sondern auch gegen die Mehrheit der Runde, des Studio- und Internetpublikums sowie gegen besseres Wissen argumentieren durfte.

Snowden: Wohltäter oder Störenfried?

Das ergab zwar eine lebhafte Runde, aber keinerlei neuen Erkenntnisse. Immerhin waren die Gäste Profi genug und haben sich bereit so oft zum Thema geäußert, dass die Kurzstatements saßen. Wer also seit vorigem Sommer unter einem Stein – oder auf dem flachen Land in Texas – gelebt hat, bekam so immerhin einen kurzweiligen Austausch der bekannten Argumente geboten.

Ströbele nannte Snowden einen der größten Helden unserer Zeit, Weisband forderte deutsches Asyl für ihn – „einfach, weil es das Richtige wäre“. „Bild“-Reporter Reichelt widersprach, „Snowdens Enthüllungen haben die Welt massiv unsicherer gemacht“, blieb aber Belege schuldig. Immerhin konnte er aufzählen, dass Snowden Schäden am transatlantischen sowie am russisch-amerikanischen Verhältnis verursacht habe, außerdem Vertrauensverlust in die Geheimdienste. Zudem nannte er es naiv von Ströbele, wenn der so tut, als sei er als Parlamentarischer Geheimdienstüberwacher davon überrascht, dass Spione lügen.

Atomare Bedrohung? War da was?

Marina Weisband brachte darauf den klugen Einwand, das würde bedeuten, dass wir Institutionen im im Staat haben, die durch keine demokratische Gewalt kontrolliert werden kann. Aber die Runde verfolge diesen Strang nicht weiter. Es mussten noch die üblichen Vorwürfe ausgetauscht werden, wonach hinter der Verehrung Snowdens im Grunde Anti-Amerikanismus stecke bzw. es eben ja wohl kein Anti-Amerikanismus sein könne, die NSA-Machenschaften abzulehnen. Selbst darüber ließe sich sicher spannende Essays schreiben, nur halt nicht in einer einstündigen Talkshow.

Irgendwann verstieg sich Kornblum gar zu der Behauptung, die Europäer seien heute mehr auf den Schutz der USA angewiesen als 1990 – womit er unwidersprochen die atomare Bedrohung im Kalten Krieg unterschlagen durfte. Dass kein Terroranschlag von London bis Boston durch die flächendeckende Überwachung hatte verhindern werden können, deutete der Ex-Diplomat nicht etwa als Indiz dafür, dass der Schutz der USA so wertvoll nicht sein kann. Sondern als klares Zeichen, dass die NSA noch viel so wenig Befugnisse habe. Zu der von Snowden in einem der eingespielten Interview-Schnipsel sagte er einfach, an diese behauptete Wirtschaftsspionage glaube er nicht. Schließlich würden dann die Firmen dagegen klagen, dass einer ihrer Konkurrenten diese Infos erhält. Das fand Herr Reichelt offenbar nicht naiv.

Snowdens Aussagen hätten tiefere Betrachtung verdient gehabt

Eine gute halbe Stunde nach Jauchs Abschlussrunde folgte das Snowden-Interview in ganzer Länge – und erwies sich trotz allem als informativ. Bei vielen Details hätte man sich eine Vertiefung gewünscht: Welche Experten sind das, die die NSA-Praxis laut Snowden für teuer und sinnlos halten? Was sagen die deutschen Behörden zu dem Vorwurf, dass die hiesigen Geheimdienste einen intimen Kontakt zur NSA pflegen, um an Daten deutscher Bürger zu gelangen, die ihnen deutsches Recht vorenthält? Wenn das britisch-amerikanische No-Spy-Abkommen rechtlich nicht bindend und deshalb wertlos ist, wieso ist die einzige Antwort der Bundesregierung auf die Affäre der Ruf nach so einem Vertrag? Wie kann es sein, dass private, gewinnorientierte Firmen so sensible Aufgaben vom Staat übernehmen wie Geheimdienstarbeit?

Bei Jauch waren die meisten dieser Aspekte nicht einmal angesprochen worden, geschweige denn vertieft. Aber Hauptsache, es wurde mal wieder ergebnislos gestritten in einer deutschen Talkshow.

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