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TV-Kritik „Hollywoods Spaßfabrik – Als die Bilder lachen lernten“ (Arte) Das goldene Zeitalter der Slapstick-Komödie

Arte lässt die große Zeit der Slapstick-Komik Revue passieren. Die Filmausschnitte sind um die 100 Jahre alt – aber der Humor von unsterblichen Größen wie Charlie Chaplin, Buster Keaton, Laurel & Hardy, Harold Lloyd funktioniert noch immer.

Comedy-Produzent Hal Roach machte in der Serie "Die Kleinen Strolche" (Originaltitel: "Our Gang") auch Kinder zu Superstars. Foto: © Cinematographische Commerz Anstalt (CCA)

Unglücklich, dieser deutsche Untertitel: „Als die Bilder lachen lernten“. Er spielt an auf eine britische TV-Reihe aus den 1960er-Jahren, in der der britische Komiker Bob Monkhouse Ausschnitte lustiger Stummfilme präsentierte. Der NDR überschrieb die Reihe „Mad Movies oder Als die Bilder laufen lernten“. Ein Titel, der zum geflügelten Wort und oft variiert wurde. „Als die Bilder lachen lernten“ aber ist natürlich barer Unsinn. Nicht die Bilder, sondern das Publikum des Kintopps wurde zum lachen animiert, wenn die frühen Filmkomiker auf der Leinwand ihre Kapriolen schossen. Der französische Untertitel, bei Arte wird ja immer zweisprachig gedacht, sagt es besser: „Das goldene Zeitalter der Komödie“.

„Golden“ war die Ära in doppeltem Sinne. Talentierten Bühnenkomikern und Seiteneinsteigern bot die aufblühende Filmindustrie im kalifornischen Los Angeles eine Fülle an Möglichkeiten. Traumkarrieren nach dem Muster „Von der Gosse zu den Sternen“ waren tatsächlich noch möglich. Die populärsten der Filmkomiker waren Hollywoods Gagenkönige, vor allem die Produzenten schnitten nicht schlecht ab, wenn sie nur das richtige Händchen hatten.

Vom Kleindarsteller zum Millionär

Einer davon war Hal Roach. Roach verdingte sich als 16-Jähriger beim Eisenbahnbau in Alaska, arbeitete als Goldsucher, Cowboy, Eis-Auslieferer und LKW-Fahrer. 1912 verschlug es ihn nach Los Angeles. Eine Filmproduktion suchte Statisten, mitzubringen war eine Cowboy-Kluft. Die hatte Roach noch im Koffer, er bewarb sich und bekam den Job. Der Einstieg in eine imposante Karriere. Roach spielte weitere Komparsenrollen, wechselte dann hinter die Kamera, wurde zunächst Regieassistent, dann Produzent. Ein erster Versuch, sich selbstständig zu machen, scheitert. Er betätigte sich eine Zeitlang bei der Essanay Film Manufacturing Company als Regisseur im Schatten Charlie Chaplins, erneuerte dann die Zusammenarbeit mit dem befreundeten Filmkomiker Harold Lloyd und wurde zu einem der erfolgreichsten Produzenten auf dem Gebiet der Slapstick-Komödie. Als 91-Jähriger erhielt Roach einen Ehren-Oscar, 1992 war der 100-jährige Roach Ehrengast der Berliner Filmfestspiele und gastierte bei zahlreichen Partys. Anschließend machte er noch einen Abstecher nach Las Vegas. Einige Monate später starb er.

Roachs Biografie liefert der Arte-Dokumentation von Andreas Baum den roten Faden. Eine passende Wahl, denn Roach kreuzte direkt oder indirekt die Wege der wichtigsten und erfolgreichsten Stummfilmkomiker: Charlie Chaplin, Harold Lloyd, Buster Keaton, Laurel & Hardy, Die kleinen Strolche. Zugleich lassen sich anhand seines Lebenslaufes wichtige Stationen und Ereignisse der filmischen Entwicklung nacherzählen.

Neben zahlreichen repräsentativen Filmausschnitten kann Baum auch einige Raritäten und Kuriositäten aufbieten, so Bilder von Hal Roachs Besuch in Rom, wo er mit Vittorio Mussolini, dem Sohn des Diktators Benito Mussolini, ins Geschäft kommen wollte. Nur wenige Jahre später drehte Roach gallige Burlesken über die deutschen und italienischen Faschisten.

Morddrohungen für einen Komikproduzenten

In einzelnen Punkten liefert der Autor wesentliches Hintergrundwissen zum Beispiel über die oft abenteuerlichen und gefährlichen Produktionsbedingungen. Auch widerlegt er die noch immer gelegentlich kolportierte Mär, in Hollywood habe es stets eine strikte Trennung zwischen der Kino- und Fernsehproduktion gegeben. Ein von Herablassung oder Unkenntnis geprägter Blick auf das Fernsehen, der den historischen Tatsachen widerspricht. Bedeutsam zudem, dass Hal Roach, anders als andere Filmstudios, zu seiner Zeit schwarze Schauspieler beschäftigte – und sich dafür Morddrohungen radikaler Rassisten einhandelte.

Vorwiegend jedoch bleibt Andreas Baum bei einer simplen chronologischen Reihung. Zeitzeugen und Experten kommentieren das Geschehen, überflüssigerweise auch Zeitgenossen wie der deutsche Komiker Olaf Schubert oder das Duo Mundstuhl, die allesamt nichts Nennenswertes beizutragen wissen. Nicht minder unpassend fallen die Versuche aus, der visuellen Komik sprachlich gerecht zu werden. Das gerät mitunter arg gedrechselt, wenn es etwa heißt, Roach „will das Metier von A bis Z beherrschen, damit ihm niemand ein X für ein U vormachen kann.“ Kein schlauer Zug, in einer Dokumentation über die Größen der Filmkomik selbst humoristisch wirken zu wollen.

Trotz der kleinen Ärgernisse: „Hollywoods Spaßfabrik“ ist ein unterhaltsamer, in Teilen auch informativer Bilderbogen, bestens geeignet gerade für jene, die nicht mit retrospektiven TV-Sendungen wie „Als die Bilder laufen lernten“ oder „Väter der Klamotte“ aufgewachsen sind.

Eine Randbemerkung noch: Ergänzend zeigt Arte ab 0.00 Uhr zwei Kurzfilme mit dem Komikerpaar Laurel & Hardy und nennt sie im Programm, wie früher zwar üblich, aber inzwischen als unangemessen eingestuft, „Dick & Doof“. Ein Fauxpas, der gerade in diesem Rahmen nicht passieren sollte.

 

„Hollywoods Spaßfabrik – Als die Bilder lachen lernten“, Sonntag, 15.6., Arte, 22.30 Uhr

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