Lade Inhalte...

TV-Kritik: „Heinz Erhardt – Geld sofort!“ (NDR) Vor dem Vergessen gerettet

Der NDR zeigt erstmals einen bislang unbekannten Kurzfilm mit dem Komiker Heinz Erhardt. Vorweg war von einer „kleinen Sensation“ die Rede. Ein gelungener Reklamecoup. Aber ein bisschen übertrieben.

Der Schauspieler, Kabarettist, Schriftsteller, Komponist und Filmproduzent Heinz Erhardt im Dezember 1978 in seinem Haus in Hamburg. Foto: dpa

„Heinz Erhardt ist Kult!“ meldet der Norddeutsche Rundfunk und betitelte so auch eine Dokumentation über den Komiker. Die stammt aus dem Jahr 2013, ihre jetzige Wiederaufführung steht in Zusammenhang mit der Ausstrahlung des Kurzfilms „Geld sofort“. Dabei handelt es sich, 35 Jahre nach dem Ableben des Künstlers, um eine Premiere. Die szenische Humoreske wurde in einem Nachlass entdeckt und gelangte, wie dem nachfolgenden zehnminütigen Bericht „Geld sofort – die Geschichte zum Film“ zu entnehmen ist, auf Umwegen an den Erhardt-Sammler Helmut Werner, der seinerseits Kontakt zu Heinz Erhardts Enkelin Nicola Tyszkiewicz aufnahm.

Bestform nur auf der Bühne

Eine kuriose Geschichte, aber beileibe keine Sensation. Auch zeigt der kurze Film den Meister des Wortspiels wahrlich nicht in „Bestform“, wie der Norddeutsche Rundfunk in seiner Vorschau verspricht. Generell war der Film nicht Erhardts angestammtes Metier, seine ganze Brillanz entwickelte er auf der Bühne, mit Nonsens-Gedichten, Wortverdrehungen und Sprachakrobatik, die er auch musikalisch umzusetzen wusste. In den meisten seiner Kinofilme, in denen er den etwas tapsigen Durchschnittsbürger mimte, kamen diese Qualitäten nur eingeschränkt zur Geltung. Erhardt, dessen Biografen Rainer Berg und Norbert Klugmann notorische Arbeitssucht attestieren, war bei seinen Leinwandengagements wenig wählerisch. Darum unterliefen ihm auch Auftritte unter Niveau.

In dem wiederentdeckten Kurzfilm spielt er wiederum den typischen Erhardt-Kleinbürger. Der stößt in der Zeitung auf eine Anzeige mit dem bekannten Versprechen „Geld sofort“. Weil er heiraten möchte und sich mit dem Kauf von Fernseher – der Kultur wegen – und Kühlschrank übernommen hat, benötigt er einen Kleinkredit. Der von Oskar Sima gespielte Darlehensgeber Direktor Ehrlich (sic!) drängt ihm eine weitaus höhere Summe auf. Dann sind noch etliche Formalitäten zu erledigen. Und alle kosten Geld …

Anrufen heißt scheitern

„Geld sofort“ ist eine dieser kleinen moralischen Erzählungen mit warnendem Unterton, wie sie in den Hörfunk- und Fernsehprogrammen der 1950er- und frühen 1960er-Jahre häufig zu finden sind. Die Entstehungsgeschichte des Films liegt offenbar weiterhin im Dunkeln. Der österreichische Erhardt-Sammler und Künstlermanager Helmut Werner – er brüstet sich auf seiner Web-Seite damit, Joey Heindle in den Dschungel gebracht zu haben – hat einige Recherchen unternommen, erzählt in der Kurzdokumentation unter anderem von Anrufen bei diversen Fernsehsendern. Wenn es dabei blieb, ist freilich nicht verwunderlich, dass keine validen Ergebnisse präsentiert werden können. Bei programmhistorischen Recherchen reagieren die meisten Sender abweisend. Man bekommt am Telefon sogar Lügen serviert. Ein Erlebnis mit dem Hessischen Rundfunk: Auf Anfrage hieß es, eine bestimmte, für wissenschaftliche Zwecke gesuchte Produktion aus den 1960ern sei nicht mehr vorhanden – einige Monate später erschien sie auf DVD.

Hoffnung auf eine Goldgrube

Der nun wieder aufgetauchte Erhardt-Film, der im ansonsten gut dokumentierten OEuvre des Künstlers, der umfassend Tagebuch schrieb und Presseartikel sammelte, bislang nirgendwo Erwähnung fand, könnte in Zusammenhang stehen mit einer gewissen Goldgräberstimmung Ende der 1950er-, Anfang der 1960er-Jahre. Damals befand sich mit der Freies Fernsehen GmbH (FFG) ein zweites Programm in den Startlöchern, ursprünglich geplant als werbefinanzierter Sender, initiiert von einem Zusammenschluss aus Werbewirtschaft und Verlagen, direkt beeinflusst von der damaligen CDU-geführten Bundesregierung – und deshalb, wie später höchstrichterlich entschieden wurde, verfassungswidrig.

Der Programmbedarf des neuen Senders sollte überwiegend von freien Produktionsfirmen bezogen werden. Im Hinblick darauf, in der Hoffnung auf eine neue Goldgrube, wurden eilig Produktionsunternehmen gegründet, auch von namhaften Künstlern, darunter Hans-Joachim Kulenkampff – und eben Heinz Erhardt, der mit seiner kurzlebigen, weil unrentablen Firma Heinz Erhardt Productions (HEP) sechs Episoden für eine TV-Reihe mit dem Titel „Heinz Erhardt Festival“ herstellte, die 1962 und 1963 nach dem vorzeitigen Ende der FFG mehrheitlich in dem als Überbrückung bis zum Sendestart des öffentlich-rechtlichen ZDF eingerichteten zweiten Programm der ARD ausgestrahlt wurden. Diese Filme dauerten um die 40 Minuten – „Geld sofort“ hat eine ähnliche Sendezeit, die dem 45-Minuten-Schema des Fernsehens entspricht. Denkbar, dass der für die Realisierung verantwortliche Regisseur und Produzent Alexander Hübler-Kahla (1902-1965) seinerseits den neuen TV-Anbieter im Auge hatte, als er Heinz Erhardt für den Kurzfilm verpflichtete. Jedenfalls ist dokumentiert, dass der FFG-Programmchef Ernest Bornemann den Publikumsliebling Erhardt für seinen Sender gewinnen wollte.

Es wäre möglicherweise noch einiges herauszufinden über die Herkunft dieses Fundstücks. Der NDR beließ es bei Interviews mit Helmut Werner, Heinz Erhardts Enkelin Nicola Tyszkiewicz und dem Produzenten und NDR-Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt. Eine echte „Sensation“ hätte wohl ein bisschen mehr Aufwand verdient gehabt.

Der Heinz-Erhardt-Abend am Dienstag im NDR: „Heinz Erhardt ist Kult!“, NDR, 20.15 Uhr / „Heinz Erhardt – Geld sofort“, 22.00 Uhr / „Geld sofort – Die Geschichte zum Film“, 22.35 Uhr

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen