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TV-Kritik: „Goodbye G.I.“ (Das Erste) Leis' erklingt der Abschieds-Blues

Aus der Entfernung sieht das Patrick-Henry-Village aus wie eine typische bundesdeutsche Wohnsiedlung aus den Nachkriegsjahren. Gleichförmige Wohnblöcke, in Reihen aufgestellt – an Straßen mit Namen wie Alamo Circle oder Little Big Horn Street.

Die amerikanische Fahne wird mit dem Abzug der US Army aus Westdeutschland eingeholt. Foto: SWR/kurhaus production

Bevölkert wurde das mittlerweile verwaiste 97 Hektar große Areal von US-amerikanischen Soldaten, Armeemitarbeitern und deren Angehörigen. Eine Enklave mit eigener Sprache und eigener Infrastruktur, darunter ein Supermarkt nach US-Muster: rund um die Uhr geöffnet, und die Einkäufe wurden von einer Hilfskraft in Tüten verpackt und gegen ein Trinkgeld bis zum Auto gebracht.

Ende 2013 wurde die Heidelberger Siedlung, die bis zu den Terroranschlägen 2001 auch problemlos von Deutschen betreten werden konnte, aufgegeben. Die Militärs sind weitergezogen. Heidelberg war mal Hauptquartier der in Europa stationierten US-Streitkräfte und damit auch für die 250.000 in ganz Deutschland verteilten US-Soldaten. Heute sind die Aufgaben in Wiesbaden zusammengefasst. Etliche Armeeangehörige, vor allem die Pensionäre, von denen einige Heidelberg zu ihrer Heimat gemacht hatten, mussten zurück in die USA.

 

Bittersüße Momente

 

Die Filmautoren Uli Gaulke und Agnes Lisa Wagner haben die Abschiede und die Auflösung der Einrichtungen im Patrick-Henry-Village mit der Kamera begleitet. Aus den Erzählungen ihrer Protagonisten und gelegentlichen Rückblenden ergibt sich ein vielfältiges, hoch informatives Porträt einer Ära, die ihren Anfang nahm, als US-Truppen nach Ende des Zweiten Weltkriegs in Heidelberg einmarschierten. Sie kamen als Kriegsgegner, mehr oder weniger mit der Waffe im Anschlag – 68 Jahre später wird verstohlen die eine oder andere Träne weggedrückt, als sich der letzte US-Standortkommandant im Zuge einer öffentlichen Zeremonie von den Heidelbergern verabschiedet und in gebrochenem Deutsch von einem „bittersüßen Moment“ spricht. Im Soldatensender AFN singt Joy Fleming, deren Karriere in US-Armee-Clubs begonnen hatte, einen improvisierten Abschiedsblues. Der Pensionär Rex Gribble, ehemals Kampfpilot und ab 1951 Pressesprecher der US-Armee Europa, macht sich Sorgen um den Golfplatz. Auch die wirtschaftliche Seite klingt an – der Abzug der US-Amerikaner wird negative Auswirkungen haben auf Heidelbergs Handel und Handwerk.

 

Veteranentreffen beim Afghanen

 

Meisterlich, wie die Filmautoren ohne aufdringlichen Erklärkommentar auskommen. Auch gibt es keine Archivschnipselrevue mit altbekannten Wochenschaubildern. Die Vermittlung der Inhalte geschieht über eine intelligente, sorgfältig gestaltete Fotografie (Kamera: Sebastian Bäumler), vor allem aber verdankt sie sich den klug ausgewählten Gesprächspartnern. Obgleich der Film von einer gewissen Wehmut durchzogen ist, wird hier nichts nostalgisch verbrämt und vernebelt. Vergangene und aktuelle Konflikte kommen offen zur Sprache. Gerade in diesem Sinne arrangieren die Autoren interessante Gegenüberstellungen und Begegnungen. Der Afroamerikaner Darnell Stephen Summers, ein Veteran, der einst von Deutschland aus nach Vietnam ausrücken musste, wurde nach seinem Ausscheiden aus der Armee zum Friedensaktivisten. Vor der Kamera tauscht er sich mit dem aktiven Unteroffizier Khris Pelley aus, der seinerseits auf dramatische Irak-Erfahrungen zurückblickt. Sie treffen sich bei Hakim Mossa, einem Exil-Afghanen mit gewinnendem Naturell, der in seinem gemütlich eingerichteten Schnellrestaurant viele US-Soldaten bewirtet und mit seinen „weltberühmten“ Spareribs selbst skeptische Texaner überzeugt.

Von deutsch-amerikanischen Partnerschaften muss zwangsläufig die Rede sein. Uli Gaulke und Agnes Lisa Wagner entgehen den einschlägigen Klischees, indem sie, ungewöhnlich genug, mit dem Militärangehörigen Jeffrey Ganoe, einem Finanzanalysten, und dem IT-Berater Wilfried Knörzer ein schwules Paar vorstellen.

Auch darin zeigt sich die umfassende inhaltliche und formale Sorgfalt, die den 80-minütigen Dokumentarfilm, eine SWR-Produktion, im Verbund mit einer unaufgeregten Machart zu einem vorzüglichen Vertreter des Genres machen.

„Goodbye G.I.“, Dienstag, 12.8., 22.45 Uhr, Das Erste

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