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TV-Kritik „Gangsterläufer“ (Arte) Kriminelle Karriere mit Staatsförderung

Regisseur Christian Stahl begleitet den Neuköllner „Intensivtäter“ Yehya über mehrere Jahre hinweg mit der Kamera. Herausgekommen sind bemerkenswert tiefe Einblick in die „arabische Parallelgesellschaft“.

Ein Schüler auf dem Weg zum Unterricht in der berüchtigten Neuköllner Rütli-Schule. Foto: dpa

Vermutlich wäre mir mulmig zumute, wenn ich Yehya und seinen beiden Brüdern nachts auf der Sonnenallee begegnete. Drei Jungs palästinensischer Herkunft, die auf einem anderen Planeten leben und einen wie mich bestimmt als „Opfer“ betrachten würden. Aber das wäre womöglich mein Problem. Denn „eigentlich ist Yehya ein lieber Kerl“, sagt Filmregisseur und Autor Christian Stahl über seinen Protagonisten. Und in den folgenden 90 Minuten dieser Dokumentation findet der Zuschauer das Urteil zusehends angemessen. Obwohl der 18-Jährige drei Jahre Gefängnis abzusitzen hatte wegen eines brutalen Überfalls auf ein Hamburger Ehepaar.

Und auch sonst 54 mal „auffällig“ geworden ist, also so viel auf dem Kerbholz hat, so dass er der bundesdeutschen Justiz als „Intensivtäter“ gilt. Christian Stahl hat ihn kennengelernt, weil er im gleichen Haus wohnte, und begleitete den jungen Mann über mehrere Jahre. Es sei ihm überhaupt nicht schwergefallen, in die „arabische Parallelgesellschaft“ hineinzukommen, er sei geradezu Familienmitglied geworden.

Das hat zu einem bemerkenswert tiefen Einblick in eben jene Gesellschaft geführt und zu einem hervorragenden Film, der unbedingt einen besseren Sendeplatz verdient als um 23.45 Uhr auf Arte. Da das Kleine Fernsehspiel vom ZDF mitproduziert hat, gibt es Hoffnung.

„Gangsterläufer“, ein unglücklicher Titel, nennen die Jungs von Neukölln den Sieger eines Spiels, bei dem sie durch die Stadt rennen und einen fangen wollen. Aber natürlich meint Stahl damit die kriminelle Karriere des jungen Palästinensers, bei der die Justiz kräftig mitgeholfen hat. „Ich hab' Angst, dass ich hier das Gefühl bekomme, ich könnte es doch schaffen mit der Kriminalität“, sagt Yehya nach 24 Monaten Haft. Denn dort, im Knast, müsse einer sich entscheiden, ob er Opfer sein will oder Täter. An seinem 18. Geburtstag wird auch sein Bruder Mohamed eingeliefert, 20 Tage Haft als „Terminversäumer“.

Böse Pointe

Kein Wunder, dass der Vater Rached nicht versteht, was mit seinen Kindern ist. Er habe in  17 Jahren in Deutschland nicht einmal eine Strafe wegen Schwarzfahrens bekommen. Aber er ist auch schon vom Leben gestraft genug: Erfolgreich in Kuwait, hat er zurück im Libanon sich eine solide  Existenz aufgebaut, die durch den Bürgerkrieg vernichtet wurde.

Nach dem Massaker im Flüchtlingslager Schatila wanderte er mit Frau und kleinen Kindern nach Deutschland aus – wo man ihm 14 Jahre lang verwehrte zu arbeiten. „Der Krieg in der Heimat und das deutsche Ausländerrecht haben aus den in Deutschland lebenden Palästinensern gebrochene Männer gemacht“ hält Autor Stahl fest, und sein Film ist im Grunde der Bericht vom  Versuch einer Familie, in Würde in der Fremde zu leben.

Denn zurück können sie nicht mehr: Die erschütternden Aufnahmen vom Besuch des Vaters im Libanon, als er  nach vielen Jahren sein zur Ruine zerfallenes Haus betritt, sind ein eindringliches Bild für Heimatlosigkeit. Und es ist eine böse Pointe, dass der deutsche Staat den „Intensivtäter“ Yehya  nicht in die „Heimat“, abschieben will – sondern in die Ukraine.

Noch bis 26. Juni auf Arte +7 online zu sehen.

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