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TV Kritik "Eins gegen Eins" Kein Platz für verbale Ausschweifungen

Zum Auftakt der neuen politischen Sat.1-Talkshow gingen Außenminister Guido Westerwelle und der Journalist Gabor Steingart miteinander in den Clinch. Die Konfrontation zweier Meinungsgegner gehört zum Prinzip der von Claus Strunz geleiteten Reihe.

Claus Strunz, Chefredakteur des "Hamburger Abendblatts", moderiert den neuen Polittalk "Eins gegen Eins". Foto: dpa

In einem Trailer hatte Claus Strunz, im Hauptberuf Chefredakteur des „Hamburger Abendblatts“, für seine neue Sendung mit den Worten geworben: „So haben Sie Talk noch nicht erlebt.“ Diese Behauptung geriet ihm etwas zu vollmundig, denn das Modell der von Focus TV produzierten Sat.1-Reihe „Eins gegen Eins“ ist schon sehr alt. In Deutschland kennt man es spätestens seit „Pro + Contra“. Die Sendereihe wurde ab 1968 vom Süddeutschen Rundfunk ins ARD-Programm eingespeist; mit ihr erhielt die relativ offene Form politischer Gesprächssendungen eine präzis festgelegte Struktur.

Ähnlich geschieht es auch bei „Eins gegen Eins“. Zu einem redaktionsseitig festgelegten Thema werden zwei Vertreter gegensätzlicher Standpunkte geladen, die im Rahmen der Sendung ihre Argumente austauschen. Der Ablauf ist konfrontativ und streng kontradiktorisch; der Moderator Claus Strunz mahnte seine Gäste denn auch wiederholt, das Entweder-Oder-Prinzip einzuhalten. Was die meiste Zeit gelang, obwohl insbesondere die geladenen Berufspolitiker nach alter Gewohnheit immer wieder zu ausschweifenden Erklärungen ansetzten.

Die Fragestellung des Abends lautete: „Werfen unsere Politiker alle Prinzipien über Bord? - Hauptsache, die nächste Wahl wird gewonnen“. Die Pro-Seite vertrat der „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart, für den Contra-Part hatte man den Außenminister und FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle gewinnen können. Vor der eigentlichen Debatte gibt es jeweils einen ebenfalls nach These und Gegenthese strukturierten Einspielfilm. Deutschlands Enthaltung im Weltsicherheitsrat bei der Abstimmung über ein militärisches Eingreifen in Libyen und die abrupte Kehrtwende in der Atompolitik dienten dort als aktuelle Beispiele für die Behauptung, die schwarz-gelbe Regierung habe sich in entscheidenden Punkten von ihren Wahlaussagen entfernt. Anschließend stimmte, wie seinerzeit bei „Pro + Contra“, das Saalpublikum zur Sache ab. Das Ergebnis des Votums über die Frage, ob Wählen noch sinnvoll sei: 80 Prozent sagten ja, 20 Prozent nein.

Aufgesetzt staatsmännisch

Ebenfalls aktuellen Bezug hatte Claus Strunz’ Eröffnungsfrage an Guido Westerwelle: Ob der Schlingerkurs der Regierungsparteien die Bürger von Sachsen-Anhalt von der Wahl abgehalten und namentlich der FDP geschadet habe, wollte der Journalist vom Vizekanzler wissen. Westerwelle parierte routiniert mit dem Hinweis, dass Siege wie Niederlagen zum politischen Leben gehören und dass jede nicht abgegebene Stimme den radikalen Parteien zugute komme.

Gabor Steingart, Chefredakteur der Wirtschaftszeitung „Handelblatt“ und an diesem Abend in der Rolle des Herausforderers, nahm die Nichtwähler gegen den Vorwurf in Schutz, unpolitisch zu sein. Er interpretierte die beunruhigend starke Wahlenthaltung als „Alarmfunktion“, als Warnsignal an die Politiker und Ausdruck von Unzufriedenheit.

Westerwelle versuchte nochmals, sich mit aufgesetztem staatsmännischen Habitus von den Niederungen der Tagespolitik abzusetzen. Er zählte von der DDR bis Ägypten Gesellschaften auf, deren Bürger sich ihr Wahlrecht unter Gefahren erkämpft haben, und verwies auf andere Völker, die sich die Möglichkeit zur Wahl innigst wünschen.

Steingart ließ sich nicht beirren und skizzierte, inspiriert von der Predigt in einem Kindergottesdienst, eine „Verabredung“ zwischen Wähler und regierenden Politikern. Diese Verabredung würde immer häufiger gebrochen. Parteienübergreifend zitierte Steingart Wahlversprechen von Gerhard Schröder über Westerwelle bis Angela Merkel, die nicht nur nicht eingehalten, sondern ins Gegenteil verkehrt wurden.

Von Claus Strunz straff geführt und durch eigene Zwischenfragen gelenkt, nahm der verbale Schlagabtausch einen Verlauf vom Allgemeinen zur jüngsten Tagespolitik. Gabor Steingart agierte, wie es sein Part vorsah, provokant und pointiert und damit genau in jener Manier, die man sich wünschte, als sein Gesprächspartner Guido Westerwelle vor der vergangenen Wahl in nahezu jeder Talkshow mit der verwegenen Behauptung auftrumpfte, der „Staat habe Geld wie Heu“, Steuersenkungen seien daher ohne weiteres möglich.

Westerwelle seinerseits rechtfertigte sachlich die von Steingart in Frage gestellte Libyen-Entscheidung, nannte das zu hohe Risiko, gerade auch unter Einbeziehung der Erfahrungen mit Irak und Afghanistan, als Entscheidungsgrundlage und sah die deutsche Regierung keineswegs isoliert, sondern an der Seite vieler anderer Länder, die gleichfalls keine Soldaten entsenden werden. Dafür gibt es Applaus vom Studiopublikum.

Bei „Eins gegen Eins“ gelingt es durch die Konstellation der Akteure und das vergleichsweise straffe Reglement, das Ausufern der Wortbeiträge zu vermeiden. Auch vermochte Claus Strunz relativ problemlos zum zweiten Thema des Abends, die jüngsten atompolitischen Beschlüsse, überzuleiten. Wobei Gabor Steingart allerdings eine bestechende Vorlage geliefert hatte, als er Westerwelle vorwarf: „In so vielen Bereichen regieren sie heute links von Rot-Grün; sie regieren heute links von Claudia Roth ...“

Parallel zu Beckmann

Mit der baden-württembergischen Umweltministerin Tanja Gönner kam alsdann auch eine - gerade im Wahlkampf stehende - CDU-Politikerin zu Wort. Für Wahlslogans fand sie freilich keinen Raum, vielmehr hatte sie einige Mühe, den plötzlichen Sinneswandel ihrer Partei in Sachen Atomenergie zu begründen. Westerwelle, mit feinem Gespür für die Stimmung im Studio gesegnet, agierte geschickter und räumte ein, dass er nicht für möglich gehalten habe, was sich jüngst in Fukushima zugetragen hat. Er stand dazu, in dieser Sache heute eine andere Meinung zu vertreten als vor einem Jahr.

Als neutraler Experte war mit Dr. Gero Neugebauer ein Parteienforscher von der FU Berlin zugegen, der von Claus Strunz zwischendurch zum Thema Politikverdruss und Wahlverhalten befragt wurde.

Gegen Ende erhielten die Kontrahenten 30 Sekunden Zeit für ihre Schlussplädoyers. Danach wurde das Saalpublikum ein zweites Mal zur Abstimmung aufgefordert, das Ergebnis aber erst nach dem ersten und einzigen Werbeblock preisgegeben: es hatte sich nicht verändert.

„Eins gegen Eins“ lief zeitweilig parallel zu „Beckmann“, der Montags-Talkshow des Ersten. Dort befassten sich unter der Gesprächsleitung Reinhold Beckmanns die Gäste Margot Käßmann, Ex-Umweltminister Klaus Töpfer und der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat mit verwandten Themen. Zwei Talkshows, zweierlei Struktur: Bei „Beckmann“ wurden verschiedene Gesichtspunkte aufgeworfen, wurden die Sujets umspielt und durchdekliniert. Die Gäste argumentierten, vom Moderator bewusst auf dieses Feld gelockt, teils auf sehr persönlicher Ebene und schufen so im Gespräch eine aus mehreren Blickwinkeln zusammengesetzte Erzählung, die kaum analytisch angelegt war, aber unterschiedliche Gesichtspunkte vorstellte und damit Denkanstöße lieferte.

Ein solcher Vergleich zeigt, wie müßig die Debatte darüber ist, ob es im deutschen Fernsehen zu viele politische Talk-Sendungen gibt. Jede hat ihren eigenen Charakter und ihr eigenes Publikum, einige sind verbesserungswürdig, manche Ausgaben missraten völlig. Alle zusammen sind jedoch Teil der Fernsehpublizistik und tragen zur Meinungsbildung bei – wohl nicht in Kreisen der Informationselite, aber, und das ist viel wichtiger, bestenfalls bei jenen, die schon lange keine Zeitung mehr zur Hand nehmen.

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