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TV-Kritik „Ein blinder Held – Die Liebe des Otto Weidt“ Denkmal für einen Gerechten

Die Geschichte des Berliner Bürstenherstellers Otto Weidt mag nicht so spektakulär sein wie die Leistung John Rabes, der einst 250.000 Chinesen gerettet hat; aber auch Oskar Schindler ist den meisten Deutschen erst durch den Kinofilm von Steven Spielberg ein Begriff geworden.

06.01.2014 00:28
Tilmann P. Gangloff
Edgar Selge spielt den Berliner Bürstenfabrikanten Otto Weidt. Foto: dpa

Der fast blinde Otto Weidt beschäftigte in seiner kleinen Manufaktur auch dann noch blinde jüdische Mitarbeiter, als die Nationalsozialisten Berlin bereits als „judenfrei“ proklamierten. Es gelang ihm wiederholt, seine Arbeiter zu beschützen, indem er die zuständigen Behörden mit großzügigen Geschenken bedachte. Die deutsch-israelische Journalistin Inge Deutschkron, mittlerweile eine betagte, aber immer noch hellwache Dame von über neunzig Jahren, hat dafür gesorgt, dass die Taten des bereits 1947 verstorbenen Otto Weidt nicht in Vergessenheit geraten sind. Der NDR hat seine Geschichte nun mit Unterstützung weiterer ARD-Sender verfilmen lassen.

Da „Der blinde Held“ zu großen Teilen auf Deutschkrons Erinnerungen basiert (Buch: Heike Brückner von Grumbkow, Jochen von Grumbkow), wurde sie kurzerhand als Erzählerin in den Film integriert. Auf diese Weise ist das Werk ein Dokudrama geworden, das mit seinen vielen Innenaufnahmen an klassische Fernsehspiele erinnert. Die kurzen zeitgenössischen Einschübe in grobkörnigem Schwarzweiß sind eher stilistische Abwechslung als historische Ergänzung, zumal Zeitzeugin Deutschkron, die damals Weidts Sekretärin war, dank ihrer lebhaften Schilderungen auch die ansonsten in Filmen dieser Art unvermeidlichen Historiker überflüssig macht.

Große Leistung Edgar Selges

Herausragend aber wird das Werk durch Edgar Selge, dessen Darstellung des Arbeitgebers durchaus differenziert ausfällt, und das nicht nur, weil Weidt je nach Gegenüber unterschiedliche Haltungen vermittelt: voller Fein- und Mitgefühl, wenn es um seine Schutzbefohlenen geht, kumpelhaft, wenn er mit der Gestapo (Uwe Bohm als personifizierter Judenhasser) verhandelt.

Fast noch reizvoller aber ist eine dritte Ebene, denn sie zeigt Weidt von seiner verletzlichsten Seite: Seine Lieblingsangestellte ist Alice Licht, die schließlich wie alle anderen Mitarbeiter doch noch verschleppt wird. Als Weidt erfährt, dass sie von Theresienstadt ins Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau verlegt worden ist, reist er ihr kurzerhand nach; am Ende gelingt es der jungen Frau dank seiner Hilfe tatsächlich, sich zu retten. Dank der Leistung Selges und der Inszenierung durch Kai Christiansen droht nie die Gefahr, dass „Der blinde Held“ zur Tragödie eines lächerlichen Mannes wird, selbst wenn von Anfang an klar ist, dass Weidts Liebe zu Alice allen Hoffnungen zum Trotz vergeblich ist.

Dank ihrer klar konturierten Gesichtszüge wirkt Henriette Confurius in historischen Rollen wie in dem Dreiteiler „Die Wölfe“ oder dem Dokudrama „Eichmanns Ende“ besonders glaubwürdig. Auch hier ist sie eine hervorragende Besetzung, selbst wenn Alices jugendliche Schwärmerei für den ungleich älteren Fabrikanten auf diese Weise einen besonders bittersüßen Beigeschmack bekommt.

ARD, Mo., 6. Januar, 20.15 Uhr.

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