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TV-Kritik: „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von …“ (WDR) Guckt mal, was wir uns trauen

Der WDR versucht sich an einer Comedy-Sendung in der Tradition von „Saturday Night Live“ und „RTL Samstag Nacht“. Jan Böhmermann produziert, Gast der Premierenausgabe ist Frank Elstner.

Voll integriert: Frank Elstner in der neuen WDR-Show „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von …“ Foto: WDR/Jens Öllermann, Jakob Beurle

John Belushi. Eddie Murphy. Bill Murray. Billy Crystal. Mike Myers. Tina Fey. Kristen Wiig. Die Liste ließe sich nicht endlos, aber noch eine gute Weile fortsetzen und ergäbe ein Who-Is-Who der US-amerikanischen Comedy-Szene. Die Genannten sind Absolventen der Fernsehshow „Saturday Night Live“, die sich seit 1975 mit Höhen und Tiefen und Pausen, aber doch relativ kontinuierlich im Programm des US-Networks NBC gehalten hat. Nicht nur bringt die Sendung immer wieder neue Talente hervor, sie wirft obendrein allerlei ‚Nebenprodukte‘ ab, Kinofilme wie „Blues Brothers“ und „Wayne‘s World“ oder TV-Serien wie „30 Rock“.

„Saturday Night Live“ ist ein 90-minütiges buntes Potpourri aus Klamotte, Satire, Parodie und Slapstick plus einer gehörigen Portion zeitgenössischer Pop- und Rockmusik. Die Erstausstrahlung an der US-Ostküste geht live über den Sender, was in der Vergangenheit einige Skandale ermöglichte, etwa wenn ein Komiker spontan verbotenes Vokabular verwendete.

In Deutschland startete 1990 mit „RTL Samstag Nacht“ ein verwandtes Format, Sprungbrett für mehrere Beteiligte wie Wigald Boning, Esther Schweins, Olli Dittrich. Der neuen WDR-Reihe „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“ diente „Saturday Night Live“ ebenfalls als Vorbild.

Ein entscheidender Faktor für den Erfolg des US-Originals ist die Mitwirkung prominenter Gaststars, die sich im Rahmen der Sendung bar jeder Eitelkeit gehörig zum Narren machen. Mehrfach dabei waren zum Beispiel Tom Hanks, Drew Barrymore, John Goodman, Justin Timberlake, Ben Affleck. „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“ setzt im Vergleich dazu etwas weiter unten an. Erster Gast ist der 72-jährige Frank Elstner. 

Der Intendant als Nebendarsteller 

Comedy bietet die Möglichkeit, die Not in eine Tugend zu wenden. Also lassen die Autoren eine Reihe von imaginären Gremienvertretern aufmarschieren, die ihre besten Wünsche und vorbeugend auch ein paar Verhaltensmaßregeln zur Premiere der neuen Sendung mitbringen. Der „Sprecher des CSU-Freundeskreises im Rundfunkrat des Westdeutschen Rundfunks“ freut sich: „Sie, Herr Elstner, sind der lebende Beweis dafür, dass der Westdeutsche Rundfunk durchaus junges, frisches und unterhaltsames innovatives Fernsehen machen kann.“

Selbstironie ist noch das Beste, was man der Krise der deutschen Fernsehunterhaltung abgewinnen kann. Und immerhin reicht der Humor bis in die Chefetage. WDR-Intendant Tom Buhrow ließ sich nicht lumpen und absolviert einen kleinen Gastauftritt neben Bettina Böttinger bei einer Trauerfeier für den angeblich verstorbenen Frank Elstner. Der sich dann natürlich im offenen Sarg aufrichtet und die Anwesenden bei „Verstehen Sie Spaß?“ willkommen heißt. Buhrow raunt mit klammem Optimismus Richtung Böttinger: „Vielleicht ist das die Auferstehung der deutschen Fernsehunterhaltung –“.

Einer der Produzenten der Reihe heißt Jan Böhmermann und der stets und wohl auch in den kommenden Jahren noch als Nachwuchskraft gehandelte 33-Jährige ist ein großer Freund und Kenner der deutschen Fernsehgeschichte. Als er 2012 die Arbeit an der Talkshow „Roche & Böhmermann“ aufnahm, hatte er sich erst einmal ins Archiv zurückgezogen und eingehend die legendäre Radio-Bremen-Talkshow „III nach 9“ studiert. Genauer gesagt deren Anfangsjahre, als Kontroversen noch fröhlich ausgetragen und nicht unterdrückt wurden. So ist auch „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“ optisch wie inhaltlich von einem Retrolook geprägt.

Parodie auf „Die Montagsmaler“

Auf einem eingeblendeten Panorama von New York steht das alte World Trade Center noch, und in den Sketchen und Moderationen treffen Fernseherinnerungen der heutigen Mittdreißiger plus x – wenn Frank Elstner schon mal da ist, gibt es natürlich eine Parodie auf „Die Montagsmaler“ – auf Slang und Marotten der Jugend von heute. Da hört Frank Elstner im Taxi den nicht mehr ganz frischen Hit „Mambo No. 5“ und kommt partout nicht auf den Interpreten. Jetzt findet die moderne Technik in Gestalt von Shazam und Google Anwendung. Nicht etwa ausgeklügelte Algorithmen, wie der Taxifahrer wähnt, sondern am anderen Ende der langen Leitung wirken sehr alberne Mitarbeiter, die es auch nicht besser wissen als der Droschkenkutscher, der Mr. President als Interpreten vermutete.

Wenn denn das Autorenteam, darunter der aus der „Harald Schmidt Show“ bekannte Ralf Kabelka, schon auf die bundesdeutsche Fernsehgeschichte abhebt, muss es sich natürlich auch an den Vorbildern messen lassen – Dieter Hallervorden hat einstens bei „Nonstop Nonsens“ mit dem Sketch „Der Mittelteil von Doktor Schiwago“ aus der gleichen Idee eine weitaus durchgeknalltere Nummer gemacht.

Und das ist typisch für die erste Ausgabe dieser Reihe, die im Laufe des Jahres mit fünf weiteren Sendungen fortgesetzt werden soll. An schwarzen Humor traut man sich heran, auch an augenzwinkerndes Sticheln wider den eigenen Sender und dessen Gremien, aber der Spaß bleibt im Rahmen und auf einem Niveau, das immer ein verständnisvoll-billigendes Nicken der Verantwortlichen finden wird, so wie man nachsichtig auf kleine Kinder schaut, die mit ihren Patschehändchen ein wenig Schmöttke durch die Gegend werfen. Das macht nichts, das kann man abwaschen, sagt Mutti in solchen Fällen. Im Fernsehen kann man notfalls noch schneiden, denn „Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“ wird anders als das Original aufgezeichnet, weshalb auch die dort üblichen tagesaktuellen Bissigkeiten nicht möglich sind.

Frechheiten mit eingebautem Stoßdämpfer

Wenn einmal etwas einer Provokation nahekommt, dann wird es garantiert von einer unsichtbaren Botschaft begleitet: Guckt mal, was wir uns trauen. Produzenten und Autoren renommieren zudem gern, aber arg platt mit ihrer popkulturellen Bildung. Wenn Frank Elstner als Produzent viraler Videos auftritt, wird natürlich kräftig aus der Kinogeschichte zitiert, das Laserschwert aus Sie-wissen-schon, die wippende Penisskulptur aus „Uhrwerk Orange“ (sollten Sie anschauen, wenn er demnächst, vermutlich bei Tele 5, mal wiederholt wird). Aber wenn man dergleichen nicht en passant und mit leichter Hand serviert, dann befördert es die Komik nicht, sondern wird zum lähmenden Ballast.

Wie dem zu begegnen wäre, liegt auf der Hand: runter von der Metaebene und hinab ins tiefe Tal des schieren Blödsinns. Und man muss auf der Suche nach Inspiration gar nicht immer gen Amerika gucken. 1973 zeigte der WDR samstags im Spätprogramm des Ersten drei Ausgaben von „Peters Bastelstunde“ mit Peter Frankenfeld. Der Inhalt: Klamotte, Satire, Parodie und Slapstick. So gut gemacht, dass manches davon heute noch funktioniert.

„Die unwahrscheinlichen Ereignisse im Leben von ...“, Sonntag, 20.7., 22.15 Uhr, WDR 

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