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TV-Kritik „Die Toten vom Bodensee“ Der Zorn der Götter

Der kühle Krimi ist der Gegenentwurf des ZDF zum betulichen „Tatort“ aus Konstanz.

03.11.2014 08:16
Tilmann P. Gangloff
Der grenzübergreifende Fall bringt die österreichischen Ermittler Thomas Komlatschek (Harry Prinz, l.) und Hannah Zeiler (Nora von Waldstätten, 2.v.l.) mit den deutschen Micha Oberländer (Matthias Koeberlin, 2.v.r.) und Holger Dieckmann (Peter Prager, r.) an einen Tisch. Foto: ZDF/Hubert Mican

Jahrzehntelang ist die abwechslungsreiche Landschaft rings um den Bodensee viel zu selten als Drehort genutzt worden; dabei zeigt die Gegend je nach Wetter immer wieder ein anderes Gesicht. 2002 kürte der SWR Konstanz zur „Tatort“-Stadt, und seither scheint der südwestliche Südwesten als Schauplatz für den „Bodensee-Tatort“ reserviert. Aber nun schickt sich auch das ZDF an, sich den ganz speziellen Reiz der Region zunutze zu machen. Von einer Reihe will man noch nicht sprechen, aber ein zweiter Film ist bereits in Arbeit.

Mit den Krimis aus Konstanz, die sich meist irgendwo im Spektrum zwischen beschaulich und betulich bewegen, hat „Die Toten vom Bodensee“ im Grunde nur den Handlungsort gemeinsam, und selbst das bloß aus der Ferne betrachtet: Der Film spielt auf der anderen Seeseite, weshalb Michael Oberländer von der Kripo Lindau auch nicht mit der Schweizer Polizei, sondern mit einer Kollegin aus dem österreichischen Bregenz zusammenarbeitet. Allein diese Kombination ist schon sehenswert. Matthias Koeberlin und Nora von Waldstätten sind ein prima Paar, was jedoch vor allem an ihr liegt: Während Koeberlins Kommissar als freundlicher Familienmensch fast automatisch zum Sympathieträger wird, ist Kriminalinspektorin Hannah Zeiler eine ausgesprochen kühle und distanzierte Person, deren Benehmen mitunter fast dissozial wirkt. Mit ihrem Sphinxgesicht und den unergründlichen Katzenaugen ist Nora von Waldstätten wie geschaffen für diese Rolle.

Aber nicht nur das Ermittler-Duo ist spannender als viele „Tatort“-Teams, auch die Geschichte ist äußerst interessant: Nacheinander fallen mehrere Männer tödlichen Anschlägen zum Opfer, die sich offenbar auf einen alten keltischen Ritus beziehen. Leicht zu beeinflussende Zeitgenossen sind überzeugt, sie seien das Ziel des Zorns der Götter geworden, weil eine Unterwasserexpedition nach den Überresten keltischer Schiffe suchen soll, aber Oberländer glaubt eher an einen weltlichen Hintergrund: Alle Spuren führen zur wohlhabenden Bregenzer Familie Pfeilschifter. Das Ehepaar Ludwig und Christa (Stephan Kampwirth, Doris Schretzmayer) hat den Keltenkult in den Neunzigerjahren mit dem Fund einiger Göttermasken begründet. Diese Masken sind nach einem Einbruch ins keltische Museum der Pfeilschifters gestohlen worden und nun bei den Leichen wieder aufgetaucht. Das erste Opfer war Ludwigs Bruder, das zweite sein Schwiegervater. Kurz nachdem Zeiler rausfindet, dass auch ihr Chef (August Schmölzer) in die Sache verwickelt ist, gilt ihm der dritte Anschlag.

Mindestens so reizvoll wie die Handlung (Buch: Thorsten Wettcke) ist die personelle Konstellation, und das nicht nur, weil sich deutsche und österreichische Ermittler in Mentalität und Methoden unterscheiden; selbst wenn die Diskrepanzen bei den Nebenfiguren nicht so extrem ausfallen wie bei Oberländer und Zeiler. Auch die weiteren Rollen sind gut und treffend besetzt (Inez Bjørg David als Oberländers Frau, Peter Prager als sein Chef, Karl Fischer als Pfeilschifter senior). Besonders sehenswert ist (wie schon in „Wer’s glaubt, wird selig“) Marie Leuenberger; und selbstredend der Bodensee, auch wenn er sich dank der vorwinterlichen Drehzeit von einer wenig einladenden Seite zeigt (Kamera: Jo Molitoris). Regisseur Andreas Linke hat seit „Experiment Bootcamp“ (2003) nur fünf weitere Filme inszeniert, darunter aber immerhin „Go West“ und „Baron Münchhausen“; „Die Toten vom Bodensee“ ist nicht minder sehenswert.

„Die Toten vom Bodensee“, ZDF, 20.15 Uhr.

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