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TV-Kritik: „Die Schneekönigin“ Kalte Pracht, kaltes Herz, toller Film

Die Andersen-Verfilmung "Die Schneekönigin" war mit Abstand das beste der diesjährigen Weihnachtsmärchen.

26.12.2014 18:07
Tilmann P. Gangloff
Die Schneekönigin (Linda Zilliacus) ist mächtig, aber ohne Gefühle. Foto: ZDF/Anniina Nissinen

Die Menge ihrer gemeinsamen Arbeiten ist beeindruckend, die Zahl ihrer Auszeichnungen imposant: Nur wenige Autoren sind im Kinderfernsehen derart versiert wie das gleich drei mal mit dem Robert-Geisendörfer-Preis und einigen „Goldenen Spatzen“ geehrte Duo Anja Kömmerling und Thomas Brinx. Gerade ihre Märchenadaptionen zeichnen sich immer wieder durch eine moderate Aktualisierung aus, die dem Geist der Vorlage treu bleibt, aber moderne Aspekte wie etwa den Emanzipationsgedanken in „König Drosselbart“ (ARD) in den Vordergrund rückt. Mit Hans Christians Andersens „Schneekönigin“ hat sich das Autorenpaar an ein besonders vielschichtiges Märchen gewagt. Anders als viele Erzählungen der Brüder Grimm besteht die Geschichte nicht bloß aus wenigen Absätzen, selbst wenn sich der Inhalt auf einen Satz reduzieren lässt: Als die kaltherzige Schneekönigin den jungen Kay entführt, macht sich seine Freundin Gerda auf die beschwerliche Reise gen Norden, um ihn zu befreien. Im Unterschied zu den meisten bekannten Arbeiten Andersens nimmt die Odyssee allerdings ein gutes Ende. Trotzdem mussten Kömmerling und Brinx zunächst die Komplexität der Vorlage reduzieren, was ihnen hervorragend gelungen ist. Für den modernen Charakter hat der Autor bereits selbst gesorgt: Anders als in den meisten Märchen, in denen schöne junge Frauen auf die Erlösung durch einen Prinzen warten, ist hier das Mädchen die treibende Kraft; „Die Schneekönigin“ ist die Geschichte einer Heldinnenreise.

Bestechend ist auch die Umsetzung durch Karola Hattop, die ebenso wie Kömmerling/Brinx schon oft für die Erfurter Produktionsfirma Kinderfilm gearbeitet hat, hier aber erstmals ein Drehbuch des Duos inszeniert. Schon allein die Optik ist berauschend, zumal Sebastian Hattop, der Sohn der Regisseurin, bei der Bildgestaltung seines ersten Langfilms die intensiven Kontraste betont: Das Domizil der Schneekönigin ist ein Eispalast, der inmitten einer Schneewüste thront. Hattop sind hier Bilder wie aus einem Film von Ulrike Ottinger gelungen. Gerdas erste Station ist dagegen die knallbunte Welt der rothaarigen Frau Flora, die der wonnige Traum jedes Blumenliebhabers ist; fast vermeint man, den satten Blütenduft zu riechen. Bei Andersen ist die Floristin eine alte Zauberfee; Annette Frier jedoch verkörpert die fröhliche Flora als personifizierten Frühling und damit als konsequenten Gegenentwurf zur kühlen Schneekönigin, die im Unterschied zu der munter mit ihren Blumen plappernden Flora auch nicht mehr sagt als unbedingt nötig.

Trotz ihrer vielstimmigen Gesellschaft ist Flora jedoch einsam, und deshalb gibt sie Gerda einen Trank, der sie Kay vergessen lässt; erst nach geraumer Zeit kommt ihr das Ziel ihrer Reise wieder in den Sinn. Bei den nächsten Stationen trifft sie ebenfalls auf Menschen, die sie nicht gehen lassen wollen: Erst überhäufen ein Prinz und eine Prinzessin sie mit Luxus, dann fällt sie unter die Räuber. Wirklich uneigennützig handelt allein eine alte Frau im hohen Norden, die Gerda vor dem Erfrieren rettet und ihr den Weg zum Eisdom weist, wo schließlich ihre Liebe zu Kay über das kalte Herz der Schneekönigin triumphiert.

Ähnlich herausragend wie die Bildgestaltung sind Kostüm (Friederike Tabea May) und Szenenbild (Josef Sanktjohanser). Bei den Schauspielern gibt es keinen einzigen Ausfall, gerade die beiden jungen Hauptdarsteller Flora Li Thiemann und Kristo Ferkic sind sehr gut geführt. Besonders markant ist die Finnin Linda Zilliacus in der Titelrolle: Sie spielt die emotionslose Schneekönigin, die kaum Dialog hat und sich allenfalls mal die Andeutung eines Lächelns gönnt, charismatisch und kühl bis ans Herz. Trotzdem gelingt es ihr, die stille Sehnsucht dieser Frau zu vermitteln, denn im Grunde ist sie eine Gefangene der kalten Ewigkeit. Bei Andersen scheitert Kay daran, dieses Wort aus Eisblöcken zu bilden. Kömmerling und Brinx lassen ihn statt dessen vergeblich versuchen, die Schönheit einer Rose zu bewahren. Aus der Ewigkeit wird bei ihnen die Unendlichkeit, die sich unter anderem in einem eisigen Scherz der Königin manifestiert, als sie mit ihrem Schlitten eine liegende Acht in den Schnee fährt.

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