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TV-Kritik: Die Liebesfalle Die Lotterie mit der Lust

Zwei ARD-Reporter haben sich die Partnerschaftsbörsen im Internet genauer angesehen – und kommen zu einem alarmierendem Ergebnis.

Auf der Suche nach dem Partner fürs Leben wenden sich Singles häufig an Kontaktbörsen im Internet. Foto: ard

choDas Internet ist ein Müllhaufen, hat vor Jahren mal einer seiner Pioniere gesagt. Daran hat sich nichts geändert. Nur ist der Haufen noch größer geworden und die Chance, unter all dem Abfall etwas Verwertbares zu finden, noch geringer. Was die allermeisten von uns nicht daran hindert, täglich dort zu suchen, seien es Informationen, Unterhaltung oder Kontakte. Auch die sogenannten Partnerbörsen haben Konjunktur im Netz.

Denn anders als die Kleinanzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften scheint es hier leichter für Einsame, jemanden zu finden. Inzwischen sollen sieben Millionen Singles – oder solche, die sich dafür ausgeben – auf den Seiten einschlägiger bundesdeutscher Portale registriert sein. Sie alle haben Geld ausgegeben für ihre Hoffnung auf einen realen Kontakt, und fast alle hoffen vergebens. Gerade mal sechs Prozent der Suchenden finden über eine Partnerbörse zueinander.

Das ist nur eine der aufschlussreichen Informationen, die Katharina Adami und Josef Streule bei der Recherche zu ihrem Film „Die Liebesfalle“ gefunden haben. Die beiden Reporter berichten allerdings nicht nur von den geringen Erfolgsaussichten der Einsamen, sie decken auch die Gründe dafür auf: Betrug. Wer der Werbung glaubt, „bei uns finden Paare wirklich zusammen“ und dann meint, er flirte oder maile mit einer Schönheit aus etwa Polen, der irrt meistens. Das vermeintlich attraktive Gegenüber ist – ein Mann, der dafür eigens ausgebildet und angestellt worden ist von einer Partnerbörse. Er hat als Berufsbezeichnung „Moderator“, wahlweise – und treffender – auch „Animateur“ oder „Controller“. Im Netz finden sich für diese Tätigkeit zahlreiche Arbeitsstellen: als „IKM-Schreiber“, wobei die Abkürzung für „Internet-Kontaktmarkt“ steht.

Nun sind die Getäuschten zum Teil sicher selbst schuld, wenn sie an den Weihnachtsmann (oder -frau) glauben. Und zudem haben die Anbieter solcher Flirtseiten in ihren AGB sogar stehen, dass die verlockenden Damen gar keine sind: „Sämtliche weiblichen Profile sind fiktive Profile“ schreibt dort etwa der Anbieter „Single Jungle“ – da ist der Name wohl Programm.

Fotos von Facebook-Seiten geklaut

Die Reporter Adami und Streule haben sich dann auf die Reise gemacht – mit dem ARD-Exklusiv-Budget kann man sich das leisten – und solche Partnerbörsen besuchen wollen. Sie standen dann oft vor verschlossenen Türen oder leeren Büros. Sie haben auch die Spuren von „Olga“ aus Russland verfolgt, die dem 57-jährigen Mechaniker Frank Richter erst Liebe vorgegaukelt und dann einige hundert Euro abgeknöpft hat. „Romance Scamming“ heißt der Begriff dafür. Olgas Bild wurde von einer Facebook-Seite geklaut, und ihre Adresse in dem russischen Städtchen Yoshkar Ola teilt sie mit einigen anderen so liebeswilligen wie nicht existenten Russinnen. Den Reportern gelang es sogar, einen der Betrüger vor die Kamera zu bekommen. „Wir arbeiten wie Psychologen“; sagt der, jeder Mann würde „auf eine Frau reinfallen, die seine Interessen teilt und dasselbe will wie er“.

„Romance Scamming“ ist kriminell, selbstverständlich – allein: die Täter werden kaum einmal dingfest gemacht. Die Staatsanwaltschaft Flensburg etwa, in deren Bereich sich einige Adressen von Kontaktbörsen finden, hat Verfahren eingestellt, Begründung: „Es fehlt an der erforderlichen Täuschung“, weil diese Versuche ja „in einem frühen Stadium“ der Kontaktaufnahme geschähen. Der Berliner Anwalt Niko Härting sieht das ganz anders, ebenso die Verbraucherschützer, die von immer mehr Beschwerden berichten. Denn die Flirt-Anbieter tricksen auch mit Abo-Angeboten, die sich als Kostenfallen erweisen, oder fehlendem Widerrufsrecht: Selbst die bundesweit bekannteste Börse „parship“ macht keine Ausnahme bei fragwürdigen Tricks, wie Adami und Streule erfahren haben.

Und wer glaubt, er könne bei einem Vergleichsportal mehr Sicherheit und Information finden, der irrt. In schöner Offenheit erzählt der Chef einer solchen Webseite, dass die Börse am besten abschneidet, die „die Kunden am besten motiviert, Geld zu bezahlen“. Denn das Vergleichsportal verdient kräftig daran mit, bis zur Hälfte dessen, was die Opfer löhnen. Da wäscht eine Hand die andere – sauber werden sie davon aber nicht.

Der Film mag ein typisches Sommerthema behandeln (schon am Dienstag Abend geht es um einen Bordellbesitzer...), aber er ist gründlich recherchiert und allemal ein Stück Aufklärung für gutgläubige Seelen, die immer noch meinen, bei der Lotterie mit der Lust eine Chance zu haben. Das zweite von Adami und Streule porträtierte Opfer, ein 53-jähriger Ingenieur aus dem Schwäbischen, hat dann übrigens seine große Liebe noch gefunden. Nicht im Netz, im Nachbarhaus.

„Die Liebesfalle“, ARD. Montag, 21.Juli, 21.45 Uhr.

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