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TV-Kritik: „Die letzten Männer von Aleppo“ Auch die Retter sind Partei

Ein beim Sundance Festival ausgezeichneter Dokumentarfilm zeigt die Tätigkeit der „Weißhelme“ im syrischen Bürgerkrieg.

Dokumentation
Die letzten Männer von Aleppo Foto: (SWR)

Seit sechs Jahren ist Syrien in unserem Bewusstsein. Seit Beginn des Krieges machen wir uns mit Bildern von Zerstörung, Schmerz und kleinen menschlichen Gesten vertraut und denken, dies sei Syrien. Nicht „auch dies ist Syrien“ oder „so ist es in Teilen Syriens jetzt“. Das Land ist schon jahrzehntelang relativ abgeschlossen. Kaum jemand kann die Meldungen, die uns erreichen, in Bezug zu politischen, sozialen oder ökonomischen Realitäten vor Ort setzen. Nachrichten seien nicht unabhängig zu überprüfen, betonen verantwortungsbewusste Medien immer wieder. Wie verhält es sich vor diesem Hintergrund mit den für das Ausland hergestellten Dokumentarfilmen, die auf europäischen und amerikanischen Festivals gezeigt werden? Die von menschlichen Schicksalen im Krieg erzählen, ganz ohne Politik.

„Die letzten Männer von Aleppo“ des syrischen Regisseurs Firas Fayyad (Koregie: Steen Johannessen) ist so ein Film. Die syrisch-dänisch-deutsche Koproduktion wurde im Januar auf dem renommierten Sundance Film Festival in den USA mit dem Preis für den besten Dokumentarfilm in der Kategorie World Cinema ausgezeichnet. Er kam im März in die deutschen Kinos und wird nun auf Arte ausgestrahlt. Der Sender hat, wie der SWR und öffentlich-rechtliche Kanäle skandinavischer Länder, der Niederlande und der Schweiz, den Film mitfinanziert.

„Die letzten Männer von Aleppo“ folgt über den Zeitraum von fast einem Jahr drei Männern vom syrischen Zivilschutz, den Weißhelmen, in Aleppo. Khaled, Mahmoud und Subhi machen sich zum Einsatz bereit, wenn sie Flieger des syrischen Regimes oder dessen russischer Verbündeter am Himmel sehen. Nach den Bombeneinschlägen springen sie in ihren Einsatzwagen, um Verwundete und Tote aus dem Schutt zu bergen.

Die Weißhelme nehmen Aufräumarbeiten in zerstörten Gegenden vor, machen Strassen wieder passierbar, sorgen dafür, dass sich keine Trümmer von zerbombten Häusern lösen. Viel Zeit verbringen die Protagonisten mit Warten in der Zentrale ihrer Organisation und manchmal bei Khaled zu Hause. Dann sind dessen Kinder dabei. Ist der Vater in Bereitschaft und von der Familie getrennt, senden seine Tochter und er sich Sprachnachrichten, in denen es um die Routine daheim geht, das Abendessen oder das Taschengeld. Ob er in die Türkei gehen solle, um die Seinen in Sicherheit zu bringen ist eine Frage, die Khaled umtreibt. Mahmoud lügt seiner Familie schon lange vor, in der Türkei zu leben, damit sie sich nicht um ihn sorge.

Der Syrische Zivilschutz stellt sich stets als rein humanitäre und unparteiische Organisation dar und wurde als solche Ende letzten Jahres mit dem Right Livelihood Award, dem alternativen Nobelpreis, ausgezeichnet. Fayyad’s Film folgt diesem Narrativ strikt. In der Realität sind die Weißhelme Teil der Opposition. Max Blumenthal's sehr gut belegte Recherche “How the White Helmets Became International Heroes While Pushing U.S. Military Intervention and Regime Change in Syria” zeigt ihre Interessen und internationalen politischen Verbindungen auf. 

Im Zuge der mitunter unsachlichen Kampagne gegen die Nominierung der Organisation für den Friedensnobelpreis 2016 wurden Videos verbreitet, auf denen Weißhelme unbestreitbar mit Victory-Zeichen auf Leichen von Soldaten der syrischen Armee posieren oder Erschießungen von Personen beiwohnen, deren leblose Körper sie dann wegräumen. Während das Motto des Syrischen Zivilschutzes „Wir handeln neutral, unparteiisch und für alle Syrer“ lautet, agieren sie ausschließlich in von Rebellen gehaltenen Gebieten. Wie die Weißhelme mit den Ordnungskräften kooperieren, beziehungsweise in das System der öffentlichen Ordnung eingebunden sind, wo sie sich gesellschaftlich verorten oder wie im Falle dieses Filmes die Drehgenehmigungen im Kriegsgebiet aussahen, lässt die Dokumentation nicht erkennen. 

Bildtotalen gibt es fast nur, wenn von Rettungswagen oder Drohnen aus die Zerstörung ganzer Straßenzüge gefilmt wird. Fahren die Männer durch intakte Gegenden, zoomt die Kamera auf die Gesichter der Protagonisten. Die Außenräume sind so kaum zu erkennen. Wenn sie in Weißhelm-Uniform an Anti-Assad Demonstrationen teilnehmen, singen und Parolen skandieren, sind Aufnahmen der Menge kaum vermeidbar. Dann sieht man mal jihadistische Banner im Bildanschnitt oder kann einen Eindruck von den anderen Demonstranten erhaschen. Für die Kameraarbeit verantwortlich zeichnen Mitglieder des Aleppo Media Center, das, wie andere Medienzentren auch, als Teil des Aufstandes bereits 2011 aus Zusammenschlüssen oppositioneller Bürgerjournalisten hervorgegangen ist.

Unterstützt wurden der Regisseur und die Kameraleute von der in Kopenhagen ansässigen International Media Support (ISM), einer Organisation, die lokale Medien in von bewaffneten Auseinandersetzungen oder politischer Transformation betroffen Ländern unterstützt. Firas Fayyad hat Syrien lange vor den Dreharbeiten verlassen. Regie geführt hat er über Facebook, wie er in einem Publikumsgespräch in Berlin erzählte und in der Pressemappe der Produktionsfirma nachzulesen ist. Mit einem strikten Cinéma-Vérité-Ansatz, so heißt es auf der Filmwebseite hätten die Regisseure an dem Werk gearbeitet.

Cinéma Vérité ist eine Methode des Dokumentarfilms, die in den 1960er Jahren, in Zeiten sozialer Unruhe und anti-kolonialer Kriege, in Frankreich entwickelte wurde. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass die Filmemacher für das Publikum erkennbar in das Geschehen vor der Kamera eingreifen, hinterfragen, irritieren und provozieren, um die Komplexität der von ihnen abgebildeten Realität zu erfassen.

Davon ist in „Die letzten Männer von Aleppo“ nichts zu erkennen. Auch nicht von den Sinnfragen, und schon gar nicht dem Ringen mit Gott, einer griechischen Tragödie, als welche der Film auf der Webseite ebenfalls bezeichnet wird.

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