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TV-Kritik: „Die Anstalt“ Bilder, die den Wahnsinn zeigen

Die aktuelle Folge der "Anstalt" beschäftigt sich mit den verheerenden Folgen der Troika-Diktate für Griechenland. Die Folge ist bereits vorab in der ZDF-Mediathek zu sehen. Im März hatte die "Anstalt" für den Auftritt eines Flüchtlingschors den Grimme-Preis erhalten.

31.03.2015 07:58
David Segler
Claus von Wagner und Max Uthoff. (Archivbild) Foto: imago/APress

„Die Anstalt“ gibt es schon vorab in der ZDF-Mediathek zu sehen, den ursprünglichen Ausstrahlungstermin vor einer Woche hat der Sender wegen des Flugzeugabsturzes um eine Woche verschoben, sie läuft nun also heute Abend im Zweiten. „Morgen ab 12 Uhr gucken, worüber sich andere erst am Di aufregen“, hatte Claus von Wagner auf seiner Facebook-Seite gepostet, als feststand, dass man die Sendung noch vor Ausstrahlung im Internet würde sehen können. Doch worüber man sich aufregen soll, bleibt ein Rätsel, denn jeder, ob er nun Ahnung von Satire hat oder nicht, wird erkennen müssen: Max Uthoff und Claus von Wagner ist wieder einmal großes Fernsehen gelungen.

Die Stärke dieser Show ist, dass sie schafft, die großen und komplexen Themen und vor allem die Flut, in der sie auf einen einprasseln – Flüchtlingspolitik, PEGIDA, Steuersysteme, korrupte Medien - aufzugreifen, zu abstrahieren und schließlich in verständlichen Bildern auf die Bühne zu bringen. Es geht diesmal um Griechenland und den Umgang mit dem in Schwierigkeiten geratenen Staat. Auch hier finden Uthoff und von Wagner geeignete Bilder um darzustellen, wie verheerend beispielsweise das Eingreifen der Troika in Griechenland war und ist.

Serdar Somuncu, einer der Gäste in dieser Ausgabe,  spielt einen griechischen Tavernen-Betreiber; die Herren der Troika statten ihm einen Besuch ab und sagen, er müsse sich an die Regeln halten. Er  bekomme sein Geld nur, wenn er alle ihre Bedingungen akzeptiere. Das heißt: neuer Name (deutsch), neue Speisekarte (schwäbisch), und alles Inventar wird privatisiert, um die Schulden zu tilgen. Als Wirt Somuncu später mit einem Strick um den Hals auf einem Stuhl steht, weil er nicht mehr weiter weiß (bekanntlich ist die Selbstmord-Rate in Griechenland exorbitant gestiegen seit Beginn der Krise), kommt von Wagner als Troika-Repräsentant erneut in seine Taverne und bemerkt:  Es sei ja noch gar nicht alles in die Schuldentilgung gegangen. Der Stuhl auf dem Somuncu stehe, müsse auch noch weg. Ein so erschreckendes wie präzises Bild der Situation.

Immer mehr kommt Sendung für Sendung zum Vorschein, dass die Gäste, so sehr sie sich auch bemühen, nicht mit den beiden Anstaltsleitern mithalten können. Im Ensemble funktionieren die wechselnden Gäste gut, ihre Soli fallen jedoch stark ab.  In einem Artikel der Süddeutschen Zeitung heißt es, die Gäste würden fremden Text lernen, also schreiben ihn auch Uthoff, von Wagner und Dietrich Kraus, der dritte Autor, der nicht auf die Bühne geht. Vielleicht wäre es eine Idee, weniger Gäste einzuladen, es sind zurzeit in jeder Sendung drei, und sich auf das zu konzentrieren, was diese Sendung so unnachahmlich macht, die Dialoge zwischen Uthoff und von Wagner, die in aller Schärfe über das Weltgeschehen und dabei auch den Umgang der anderen Medien mit dem Weltgeschehen reflektieren. Von Wagner sagt in dieser Sendung einen Satz, der – man hat die Berichte über den  Flugzeugabsturz im Kopf –  treffender kaum sein könnte. „Wer die Bild liest, um sich zu informieren, trinkt auch Schnaps, wenn er Durst hat“.

Am Ende dann schaffen sie es wie schon in ihrer November-Ausgabe, als ein syrischer Flüchtlingschor auf der Bühne stand, den Sprung von einer sehr guten und witzigen Sendung zu einer Fernsehshow, die man tatsächlich gesehen haben muss. Als sie die Argumente entkräften, die Reparations-Forderungen an Deutschland seien nur eine Schnapsidee von gierigen Griechen, wie oft in  Medien behauptet, sitzt in der Taverne ein alter Mann aus Griechenland, der als kleines Kind durch den Terror der Nazis seine ganze Familie verloren hat. Entschuldigt hat sich lange Zeit keiner bei ihm, Entschädigung gezahlt hat man ihm nie. Was soll man tun? fragen die Gastgeber. „Sich an die Regeln halten“, antwortet der Mann. Es ist eine berührende und wichtige Szene, die hoffentlich viral viel Zuspruch finden wird. Doch angesichts der erodierenden Medienlandschaft in Deutschland betreiben Uthoff und von Wagner wahrscheinlich einen Kampf gegen Windmühlen. Aber selten hatte man nach einer Satiresendung so viel Lust, sich diesem bedingungslos anzuschließen.

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