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TV-Kritik Der Mann der Udo Jürgens liebte

Am 30. September feiert der Musiker Udo Jürgens seinen 80. Geburtstag. Durchaus ein Anlass für Rückbesinnungen und eine Würdigung durch das Fernsehen, aber kein Grund zum Innehalten. Am 31. Oktober beginnt der Musiker seine nächste Tournee. Trotziges Motto: „Mitten im Leben“.

Sänger Udo Jürgens feiert am 30.September seinen 80. Geburtstag. Foto: dpa

Nur nicht abschrecken lassen. Am Anfang der Dokumentation über Udo Jürgens erscheinen, eingeschnitten zwischen kurze Konzertszenen, Iris Berben, Hape Kerkeling und Jessica Schwarz und versuchen sich an einer Einschätzung des Künstlers. Diese Ouvertüre deutet auf ein Filmporträt läppischer Machart, zusammengepappt aus Archivmaterialien, aufgepeppt mit aktuellen Kommentaren mehr oder weniger prominenter Zeitgenossen. Billig herzustellende Bilderbögen, oft für irgendwelche Reihen im Gros produziert, meist ohne nennenswerte Aussage.

Die Autoren Hanns-Bruno Kammertöns und Michael Wech setzen dem jedoch einen 90-minütigen Dokumentarfilm entgegen, der mehr ist als ein Künstlerporträt, weil er über die Hauptfigur hinaus Erkenntnisse speziell über das Musikgeschäft, aber auch über gewisse Zeitströmungen offeriert.
Aus der Gegenwart blenden die Filmemacher zurück zum entscheidenden Angelpunkt in der Karriere des Sängers, dem Gewinn des Grand Prix Eurovision de la Chanson – heute Eurovision Song Contest – im Jahr 1966 mit dem Lied „Merci, Chérie“. Schon dieser biografische Moment ist reich an Dramatik. Jürgens nahm zum dritten Mal in Folge an dem Liederwettbewerb teil, widerwillig, nachdem er die ersten beiden Male nach eigenem Empfinden zu schlecht abgeschnitten hatte. Erneut trat der Österreicher als Außenseiter an – und ging am Ende des Abends im Triumph von der Bühne.

Misserfolge

Bemerkenswerterweise war Udo Jürgens zu diesem Zeitpunkt bereits 32 Jahre alt und hatte viele fruchtlose Jahre im Musikgeschäft erlebt. Mit 17 war ihm ein glänzender Einstieg gelungen; er hatte in Wien gegen starke Konkurrenz einen Komponistenwettbewerb gewonnen. Doch dann folgte eine Phase des Tingelns und erfolgloser, zweitklassiger Veröffentlichungen unter dem Direktorat einer Plattenfirma, die mit Udo Jürgens‘ Talenten offenbar nichts anzufangen wusste.

Im Rahmen der Dokumentation, einer Gemeinschaftsproduktion von WDR, MDR, SWR, SRF und ORF, wird der Auftritt in Luxemburg, der Jürgens‘ Weltkarriere einleitete, dramaturgisch ein wenig überhöht. Jürgens‘ war beileibe kein Niemand, als er den Grand Prix gewann, er selbst hatte bereits Hits verbucht und Weltstars wie Shirley Bassey und Sammy Davis jr. hatten Songs aus seiner Feder in ihr Repertoire aufgenommen. Aber diese kleine Überbetonung ist verzeihlich, weil sie den Empfindungen der damals mittel- und unmittelbar Beteiligten entspricht.

Die Filmautoren begnügen sich bei all dem freilich nicht mit einer Aneinanderreihung von Erfolgen, sondern sparen, auch in Gesprächen mit Udo Jürgens und seinem familiären Umfeld, Rückschläge, Krisen und persönliche Defizite nicht aus. Enthalten sind sogar Szenen eines Galaauftritts, bei dem der an überschwängliche Konzertbesucher gewöhnte Star auf ein unterkühltes Publikum trifft und geneigt scheint, den Abend vorzeitig zu beenden. Spannend genug, wie es mit diesem Auftritt weitergeht …

Wagnisse

Udo Jürgens erteilt in eigener Sache offen Auskunft, verbreitet dabei keine Gewissheiten, sondern zeigt sich, auch im Alter von beinahe 80 Jahren, als künstlerisches Individuum, das weiterhin nach Antworten sucht. Innerhalb des gewählten populären Genres hat sich Jürgens – er bewegt sich auf eigene Art zwischen Schlager und Chanson, Singer-Songwriter-Manier und Musical – eine rebellische oder doch zumindest Bourgeoisie-skeptische Attitüde bewahrt. Auf den ersten Blick kein sonderliches Verdienst für einen Plattenmillionär. Aber Jürgens hat schon in der Vergangenheit Risikofreude bewiesen, beispielsweise 1970 mit der provokanten, von Eckart Hachfeld getexteten Single-Veröffentlichung „Lieb Vaterland“, die ihm heftige Reaktionen eintrug und die, was im Film unerwähnt bleibt, aber die Brisanz veranschaulicht, seinerzeit von Hörfunksendern wie Radio Luxemburg boykottiert wurde. Wie so vieles, hat er auch das eigene Credo musikalisch umgesetzt: „Ich will den Text, der sich was traut“, heißt es in einem seiner Lieder, „ich will das Wort, so wie ein Schnitt“.

Neben Jürgens selbst treten im Film Zeitzeugen auf, die belangvolle Dinge beizutragen wissen, unter anderem seine Kinder Jenny und John, sein Bruder, der Fotograf und Maler Manfred Bockelmann, der Orchesterchef Max Greger, der Fotograf Hansi Hoffmann, der Manager Freddy Burger. Und es gibt noch einmal ein Wiedersehen mit dem jüngst verstorbenen Joachim Fuchsberger, der für Udo Jürgens einige Texte schrieb und im Film von der gemeinsamen Arbeit berichtet.

„Der Mann, der Udo Jürgens ist“, Sonntag, 21.9., 21.40 Uhr, auf Arte, und Montag, 29.9., 20.15 Uhr im Ersten

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