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TV-Kritik: „Der Andi ist wieder da“ Häuslebauer zu Hause

Genug geredet über die Verschwabung der Berliner Szeneviertel, jetzt ist der Rückfluss angesagt: Friederike Jehns Fernsehfilm über einen gescheiterten Berliner Architekten, der Zuflucht bei seiner schwäbischen Familie sucht, ist eine bittersüße Dramödie voller schlechter Nachrichten und guter Laune. 

18.03.2015 10:12
D.J. Frederiksson
Peter (Tilo Prückner, li) tobt seinen Zorn auf die hochfliegenden Pläne seines Architektensohns Andi (Nicholas Reinke, re.) an der Designer-Hundehütte aus, die Andi seinem Bruder Ecki (Emanuel Fellmer) zuliebe gebaut hat. Wie immer fragt Hilde (Tatja Seibt) sich, warum ihr Mann und ihr Ältester sich so gar nicht verstehen … Foto: SWR/Alexander Kluge

Es gibt zwei Szenen, die diesen Film sehr schön zusammenfassen: In der ersten lehnt eine Mutter und Hausfrau nachdenklich in einem Türrahmen und murmelt mit einer Lakonik, die nur junge Eltern kennen: „Naja, wenn nicht alles schlecht wär, wär eigentlich alles gut.“ In der zweiten erfährt ein Architekt, daß sein preisgekrönter Entwurf nicht gebaut wird, also steckt er kurzerhand das Pappmodell mit einem Feuerzeug in Brand und läuft dramatisch weg, worauf ihm eine Kollegin hinterherrufen darf: „Nun pinkel doch wenigstens noch dein Museum aus. Ich bin'n Mädchen, ich kann das nich.“

Man wünscht sich deutlich mehr solcher Dialoge im deutschen Fernsehen – originell, respektlos und energiegeladen, strotzend von jugendlicher Weisheit und reifem Blödsinn. Und auch wenn der Film nicht in jeder Szene solche Sprachkunststücke auf Lager hat, so ist man doch für jedes davon dankbar. Denn, und auch das merkt man bei den erwähnten Szenen vielleicht schon: Die Handlung und die Themen kennt man irgendwie schon. Tatsächlich ist die Geschichte vom vermeintlichen Überflieger aus der großen Stadt, der nach Hause kommt, sein berufliches Versagen verschweigt und stattdessen die Familientraumata aufarbeitet, wahrlich nicht neu. Aber Mittwoch abends in der ARD erwartet man auch nicht unbedingt die Neuerfindung des Rads. Statt dessen hofft man auf eine kompetente Erzählweise – und eben auf ein paar Dialogperlen. Beides liefert „Der Andi ist wieder da“ durchaus.

Regisseurin Friederike Jehn, die sich schon mit Kinofilmen wie „Weitertanzen“ und „Draußen ist Sommer“ empfohlen hat, ist Teil dieser Generation junger deutscher Filmemacherinnen, deren frische und lebendige Arbeit viel zu selten ihren Weg auf die von manchmal schwerfälligen Redaktionen bestückten deutschen Fernsehschirme findet. Auf den ersten Blick fällt vor allem ihr (erneut) souveräner Umgang mit deutscher Popmusik auf: Diesmal dürfen Kid Kopphausen, Die Sterne und Gisbert zu Knyphausen die passende Stimmung für einen Protagonisten liefern, der nicht nur am Ende seiner Dreißiger, sondern auch ganz generell am Ende ist. Aber auch Jehns Umgang mit Schauspielern ist bemerkenswert: Es scheint kein Zufall, daß nicht nur etablierte Kinogrößen wie Nicholas Reinke und Michael Kranz, sondern auch weniger bekannte Darsteller wie Dagmar Leesch oder die wunderbare Anne von Keller hier groß aufspielen.

Manchmal grämt man sich ein wenig über die anscheinend notwendigen Versatzstücke deutscher Familienfilme, die der Heimkehrer Andi in Ellingen vorfindet: Der junge Bruder ist leicht geistig behindert, was natürlich mit einem Tabu der Familie zusammenhängt; der ältere Bruder ist sauer, weil Andi seine heutige Schwägerin damals fast selbst mit nach Berlin genommen hätte und sein Interesse natürlich immer noch nicht erloschen scheint. Das Verhältnis zum Vater ist oberflächlich kalt und tief drunten natürlich von schweren Traumata geprägt. Und selbst der Opa, der inzwischen tot ist, hat eine mysteriöse Erbschaft hinterlassen, auf die natürlich alle spekulieren. So viele Wunden der Vergangenheit aufzuarbeiten, so wenig Zeit. 

Aber Drehbuchautor Wolfgang Stauch und Regisseurin Jehn lassen sich einfach nicht unterkriegen von den bösen Geistern, die sie selbst beschworen haben. Und sie hüten sich dankbarerweise auch, durch eine glückliche Fügung alle Probleme verschwinden zu lassen. Statt dessen gelingt ihnen vom ungewohnt beschwingten Anfang bis zum unergründlich gutgelaunten Ende einer dieser seltenen Filme, die eigentlich nur aus schlechten Nachrichten bestehen und trotzdem sowohl die Figuren als auch den Zuschauer mit einem zutiefst zufriedenen Gefühl aus dem Film entlassen. Wenn nämlich nicht alles schlecht wäre, wäre eigentlich alles gut.

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