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TV-Kritik Charles Manson-Doku setzt auf billige Effekthascherei

„Inbegriff des Bösen“: Die Dokumentation über den Sektenführer und Massenmörder erliegt der voyeuristischen Faszination des Grauens.

Charles Manson
Charles Manson ist nicht nur ein einfacher Krimineller, er entwickelte sich zu einem spirituellen Sektenführer. Foto: ZDF/Let's Pix

Wenn ein Sender eine Dokumentation in Auftrag gibt, nimmt er selbstverständlich Einfluss auf Inhalt und Gestaltung; spätestens bei der sogenannten Abnahme zeigt sich, ob nachgebessert werden muss. Bei einem im Ausland eingekauften Film gibt es diese Möglichkeit natürlich nicht; allerdings könnte die Redaktion beim Kommentar, der ja übersetzt und neu eingesprochen wird, korrigierend eingreifen. Die mitunter kaum erträgliche Effekthascherei des französischen Films „Charles Manson – Sektenführer und Massenmörder“ ist also sowohl Autorin Stéphanie Burlot als auch der zuständigen ZDFinfo-Redaktion anzulasten. 

„Diabolische Legende“, „Ikone des Verbrechens“, „Inbegriff des Bösen“: Schon in den ersten zwei Minuten erliegt das Porträt jener Faszination des Grauens, die Manson schon vor knapp 50 Jahren zum Medienstar gemacht hat. Wes Geistes Kind die Dokumentation ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Detailfreude, mit der die Verbrechen von Mansons Bande geschildert werden: Die schwangere Schauspielerin Sharon Tate ist nicht einfach bloß erstochen worden, sondern an 20 Messerstichen gestorben; interessanterweise waren es kurz drauf nur noch 16.

Vordergründig will Burlot das Phänomen Manson ergründen; in Wirklichkeit aber entspricht ihr Werk der Bigotterie der Boulevardpresse, die Entrüstung und Empörung heuchelt, ihrer Leserschaft aber keins der blutigen Fakten vorenthält: Einen Tag nach Tate wurden ein Supermarktbesitzer und seine Frau „niedergemetztelt“, in Los Angeles „regierte die Angst“.

Der Zorn des Charles Manson

Viel interessanter als die Untaten (und auch sachlicher geschildert) ist Mansons Werdegang. Den Schlüssel zum Verständnis seiner Persönlichkeit liefert der Film erst ganz am Schluss: Manson wollte ins Showgeschäft und verstand sich offenbar als verkanntes musikalisches Genie; einer seiner Songs ist sogar von den Beach Boys übernommen worden, allerdings in veränderter Form. Dies sowie die Zurückweisung durch den Produzenten der Band haben offenbar großen Zorn in dem vorbestraften Kriminellen geweckt. Irgendjemand sollte dafür büßen, und das Anwesen des Produzenten mittlerweile anderen gehörte, mussten eben die dran glauben. Sharon Tate und ihre Gäste waren zur falschen Zeit am falschen Ort.

Reizvoll ist auch die Betrachtung Mansons als Kind seiner Zeit. Eine amerikanische Journalistin, die damals über den Prozess gegen ihn berichtet hat, bezeichnet ihn und die in seinem Auftrag durchgeführten Morde als „Symbol für den verrotteten Geist der 60er.“

Was genau sie damit meint, wird nicht nachgefragt; Burlots Gesprächspartner dürfen ohnehin viele Dinge in die Welt setzen, ohne dass die Autorin nachhakt. Jedenfalls war Manson anscheinend ein begnadeter Manipulator, der viel von der Sekte Scientology gelernt hat. Wie ein Rattenfänger scharte er eine Gruppe von bis zu zwanzig Jüngerinnen um sich; junge heimatlose Frauen, denen er angesichts einer von ihm selbst prognostizierten Apokalypse Geborgenheit gab. Und LSD, um sie sexuell gefügig zu machen; ein weiteres Detail, dass der Film weidlich ausschlachtet und als Vorwand für viel nackte Haut nutzt.

Auch sonst bleibt die Dokumentation ihrer Linie treu. Manson ist „das personifizierte Böse“, eine der Kapitelüberschriften lautet „Hexer, Guru, Sexgott“, weil sich der Sektenführer gegenüber seinen Jüngerinnen als „Gott des Beischlafs“ zu bezeichnen pflegte.

All das aber kann man auch anderswo nachlesen, und dafür braucht man keineswegs eins der rund 200 Bücher über Manson zu erstehen; im Grunde vermittelt Burlots Films nicht viel mehr Wissen als der entsprechende Wikipedia-Beitrag. Einen Mehrwert hat er auch in anderer Hinsicht nicht zu bieten: Während Dokumentationen beispielsweise über den Holocaust dazu beitragen sollen, die Erinnerung an das Grauen wach zu halten, damit sich so etwas nicht wiederholt, bleibt Burlots Arbeit sämtliche Bezüge zur Gegenwart schuldig; sie betreibt nicht mal Medienkritik. Der Film ist Boulevardfernsehen für Zuschauer, die sich gern über Sendungen wie „Brisant“ mokieren.

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