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TV-Kritik "Blutgeld" Blutkonserven-Skandal im ZDF

Das ZDF widmet sich in "Blutgeld" einem "vergessenen Skandal": In den 80er Jahren hatte das Bundesgesundheitsamt zugelassen, dass HIV-verseuchte Medikamente auf den Markt kommen. Rund 1500 Bluter infizierten sich, nur 400 sind noch am Leben.

29.10.2013 08:46
Ninette Krüger
Mit einer Totenkopfmaske und einem Schild mit der Aufschrift: "HIV im Blut und Ihr guckt zu" nimmt ein Mann 1994 an der Demonstration der Deutschen Hämophiliegesellschaft in Bonn teil. Foto: dpa

"Ich hab' immer Angst, wenn meine Söhne spielen, wenn sie rennen. Aber ich kann sie doch nicht einsperren." Alle drei Söhne einer Familie sind Bluter, und als der Mann im weißen Kittel Mutter und Kindern verspricht  "Ab heute beginnt für euch ein neues Leben", ist die Freude groß. "Faktor VIII" heißt das Medikament, ein Blutgerinnungsmittel, das aus Blutspenden gewonnen wird. Doch alles kommt anders: Alle drei infizieren sich mit HIV, zwei der Brüder sterben.

Regisseur René Heisig widmet sich in seinem Fernsehfilm "Blutgeld" dem "vergessenen Skandal": In den 80er Jahren hatte das Bundesgesundheitsamt zugelassen, dass HIV-verseuchte Medikamente auf den Markt kommen. Rund 1500 Bluter hatten sich damals infiziert, nur 400 sind heute noch am Leben. Juristisch wurde niemand zur Verantwortung gezogen.

Aufs Genaueste seziert Heisig in "Blutgeld" den kleinbürgerlichen Wertekanon, dem sich die Opfer gezwungenermaßen unterwerfen: Bloß nichts zugegeben, damit die anderen nichts merken. Deshalb wird gelogen. Der jüngste Bruder ist an einer Lungenentzündung gestorben. Dass AIDS die Ursache war, darf keiner wissen. Vor allem Thomas (David Rott) will die Situation nicht wahrhaben, er denkt an seinen Job, an seine Familie. Dass der Heilsbringer, Professor Schubert (Rudolf Kowalski), vielleicht etwas von den infizierten Blutkonserven gewusst haben könnte – undenkbar für ihn. Und als die grauen Herren der Pharmaindustrie die Opfer mit 60.000 Mark abspeisen wollen, ist Thomas hauptsächlich daran gelegen, "dass alles anonym" bleibt. 

So entspinnt sich am unterschiedlichen Umgang mit der mysteriösen Krankheit ein Bruderzwist: Während Thomas am gefürchteten Stigma zerbricht, nimmt Ralf (Max Riemelt) den Kampf um Gerechtigkeit auf, unterstützt von seiner Freundin, der jungen Ärztin Martina Meissner (Lavinia Wilson). Ihr Charakter wirkt im sonst so bleiernen  Milieu der Verdrängung wie aus einer anderen Zeit: Als Ärztin weiß sie viel über die Krankheit, über die Übertragungswege, und geht offen und unerschrocken damit um.

Doch die Angst vor Diskriminierung ist nicht unbegründet: Als der kleine Sohn von Thomas vom Sportunterricht ausgeschlossen werden soll, weil in der Schule das Gerücht kursiert,  "dass es AIDS in der Familie gab", wird deutlich, wie groß die Unwissenheit über die Krankheit und die Vorverurteilung seitens der Öffentlichkeit war.

Düstere Herren in hohen Räumen

Auf der anderen Seite die Verantwortlichen: Ein Arzt, der einfach nicht einsehen will, dass er einen Fehler gemacht hat, Professor Kleinert (Jürgen Tarrach) vom Bundesgesundheitsamt, dessen Drang nach Aufklärung von den perfiden Überzeugungstiraden des Pharmavertreters Arndt Dobler erstickt wird. Heikko Deutschmann verkörpert diesen eiskalten Typus nur allzu gut. Man möchte ihn an seiner Hybris packen und ihm mit Löffeln etwas Einfühlungsvermögen verabreichen. Wie in einem Kammerspiel sitzen die düsteren Herren in hohen Räumen an großen Tischen und tauschen hanebüchene Argumente aus.

"Es gibt immer eine Lösung", sagt die Pharma-Bestie und meint damit das "Trinkgeld", das als Einmalzahlung an die Opfer gezahlt werden soll, damit sie sonst auf alle Ansprüche verzichten. Der Deal gelingt. Als Thomas ebenfalls stirbt, zeigt sich eine weitere tragische Komponente des Skandals: Die Leute sterben, noch bevor sie überhaupt gerichtliche Schritte einleiten können. Mit viel Zynismus wird das im Film kommentiert: Durch die drastisch verkürzte Lebenszeit eines HIV-infizierten Bluters machen sogar die Krankenkassen noch einen Schnitt. 

Mit dem heutigen Wissen um die nicht immer lupenreinen Verbindungen zwischen Pharmalobby, Krankenkassen, Ärzten und Politik wirkt die Geschichte in sich so schlüssig, dass es wenig Zweifel gibt, dass sie sich nicht genauso zugetragen haben könnte. Doch die Macher von "Blutgeld" haben sich abgesichert: "Alle handelnden Personen und ihre beruflichen und privaten Handlungen und Konflikte sind frei erfunden", heißt es im Vor- und Abspann.  Der im Jahr 2007 produzierte Fernseh-Zweiteiler über den Contergan-Skandal "Nur eine einzige Tablette" durfte nämlich erst nach einigem juristischen Tauziehen ausgestrahlt werden. Gegen die Ausstrahlung hatte der Pharmakonzern Grünenthal, der das als harmloses Schlafmittel angepriesene Medikament Contergan bis Anfang der 60er Jahre vertrieb, zunächst erfolgreich geklagt. 

Im Fall des Blutkonserven-Skandals gab das Bundesgesundheitsamt später zu, dass es nicht getestete Präparate auf dem Markt gegeben habe. Der Bundestag setzte einen Untersuchungsaussschuss ein, im Abschlussbericht heißt es, "dass rund 60 Prozent der durch kontaminierte Blutprodukte ausgelösten HIV-Infektionen hätten verhindert werden können". Die Opfer leiden bis heute, auch an der fehlenden finanziellen Unterstützung. Eine monatliche Rente aus der "Stiftung Humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte HIV-infizierte Personen", in die Bund, Länder, Rotes Kreuz und Pharmaindustrie einzahlen, läuft 2017 aus, heißt es in der an den Film anschließenden Dokumentation über den Skandal. "Man hat einfach nicht damit gerechnet, dass wir so lange leben", sagt ein Betroffener.

 

 

 

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