Lade Inhalte...

TV-Kritik: "Black Sails" ProSieben Bagaluten der Karibik

Mit „Die Schatzinsel“ schuf Robert Louis Stevenson einen Klassiker des Jugendbuchs. Mit der achtteiligen Serie „Black Sails“ erfährt der Stoff eine Auffrischung - die ist jedoch alles andere als jugendfrei.

Eine Gesellschaft der Gesetzlosen, aber nicht ohne Regeln: Die Piraten in "Black Sails". Foto: obs

Der vom ZDF koproduzierte Vierteiler von 1966 mit Michael Ande in der Rolle des Jim Hawkins war nicht nur in Deutschland ein Erfolg. Früh entstand die Idee zu einer Fortsetzung; Ivor Dean, der britische Darsteller des Long John Silver, verfolgte den Gedanken einige Jahre lang. Aber die Produktionsgeschichte war kompliziert, „Die Rückkehr zur Schatzinsel“ entstand erst zwölf Jahre nach seinem Tod, als Serie mit zehn Folgen. Ivor Deans Beitrag wird in den Stabangaben postum gewürdigt.

In dieser Fortsetzung segeln der erwachsene Jim Hawkins und der durchtriebene Long John Silver erneut zu dem karibischen Eiland, auf dem ein Teil des sagenumwobenen Schatzes zurückgeblieben war. Die US-amerikanischen Autoren und Produzenten Robert Levine und Jonathan E. Steinberg, die schon mit „Jericho – Der Anschlag“ eine bemerkenswerte TV-Serie in ihrer Vita haben, nähern sich, wie zuvor schon einige Abenteuerschriftsteller, Stevensons Mythologie aktuell mit einer anderen Fragestellung: Wer war dieser Captain Flint eigentlich, der den ungeheuer wertvollen Schatz hinterlassen hat? Und wie könnte die Geschichte des jungen John Silver lauten?

Schatz an Bord

Die Abenteuerserie „Black Sails“ springt zurück in das Jahr 1715. Von der karibischen Insel New Providence aus machten Piraten die Frachtrouten unsicher. Ihr Schlupfwinkel ist Nassau, eine Kolonie aus Außenseitern, Freibeutern, entflohenen Sklaven, Prostituierten. Eine Gesellschaft der Gesetzlosen, aber nicht ohne Regeln. John Silver (Luke Arnold) ist ein einfacher Seemann, der sich den Piraten anschließt, nachdem sein Schiff von den Männern Captain Flints (Toby Stephens) gekapert wurde. Vorher konnte Silver noch eine Seite aus dem Logbuch an sich bringen, die er nicht zu deuten weiß, die aber einen hohen Wert zu haben scheint. Nicht wegen der unbedeutenden Ware in den Laderäumen hatte Flint das Schiff überfallen, sondern eben dieses Logbuches wegen. Für den listenreichen, redegewandten und stets auf seinen Vorteil bedachten John Silver wird sein Zufallsfund zur Lebensversicherung.

Der Schatz, der Jahre später dem jungen Jim Hawkins ein großes Abenteuer bescheren wird, befindet sich noch an Bord einer schwerbewaffneten Galeone mit Namen Urca de Lima. Flint hat vor, sie zu kapern, kein einfaches Unterfangen. Die geheime Route muss ermittelt und genügend Feuerkraft aufgebracht werden, um das von vielen für unmöglich gehaltene Unterfangen zu verwirklichen. Flint benötigt Partner, Verbündete, Komplizen, muss taktieren, verhandeln, betrügen, sogar morden, um sein Ziel zu erreichen.

Feinde der Menschheit

„Black Sails“, mit beträchtlichem Aufwand in Südafrika gedreht, bietet alles auf, was von einer zünftigen Piratenserie zu erwarten ist – es wird gekapert und gerauft, Entermesser und Säbel sitzen locker. Aber im Vergleich zu Robert Louis Stevenson, der erklärtermaßen ein Buch für Knaben im Sinne hatte und darum auch keine weiblichen Hauptfiguren auftreten ließ, weiten Robert Levine und Jonathan E. Steinberg die Perspektive. Captain Flint ist eine Fantasiegestalt, andere Charaktere wie Charles Vane, Benjamin Hornigold und Anne Bonny hat es tatsächlich gegeben. Die Geschichte spielt zu einer Zeit, als die Seemächte, die zeitweilig die Korsaren für ihre eigenen militärischen und wirtschaftlichen Zwecke eingesetzt hatten, dem Piratenwesen ein Ende bereiten wollen. Die Seeräuber wurden zu „Feinden der Menschheit“ erklärt – heute würde wohl der Begriff „Terroristen“ verwendet.

Captain Flint hat einen klaren Blick für die kommenden Entwicklungen; auch deshalb will er die wertvolle Fracht – nicht allein aus Habgier, sondern um New Providence in die Unabhängigkeit zu führen und die Insel mit den nötigen Wehranlagen auszurüsten, um gegen Eroberungsversuche der Kolonialmächte Spanien und England gerüstet zu sein. Bagalutentum trifft auf Politik – spannend für alle, die mehr möchten als ein pures Action-Spektakel.

Ein anderer wesentlicher Unterschied zu Stevensons Vorlage: Auf New Providence gibt es Frauen – die wehrhafte Piratin Anne Bonny, zahlreiche Prostituierte, aber auch die ehrgeizige Eleanor Guthrie (Hannah New), die gemeinsam mit ihrem Vater als Hehlerin fungiert und Nassaus Ökonomie kontrolliert. Denn selten nur erbeuten die Piraten Gold und Silber, meist sind es Kaufmannswaren, die in den regulären Wirtschaftskreislauf eingeschleust werden müssen – eine Vorform der Geldwäsche, vorgenommen von angesehenen Bürgern, die von den mörderischen Raubzügen der Freibeuter profitierten.

Nichts für Zimperliche

Anders als Stevensons Roman „Die Schatzinsel“, der übrigens zunächst auch in einzelnen Kapiteln, also als Serie, erschien, ist „Black Sails“ alles andere als jugendfrei. Die Serie wurde von dem Abonnementsender Starz in Auftrag gegeben. In Deutschland werden die US-Bezahlkanäle vor allem wegen ihrer Qualitätsserien thematisiert; für das US-amerikanische Publikum aber sind sie attraktiv, weil sie nicht denselben Auflagen wie die frei empfangbaren Senderketten unterliegen. Während dort selbst auf reinliche Sprache geachtet wird, dürfen die Kabelkanäle Sex und Gewalt recht freizügig präsentieren.

Deshalb finden sich in deren Eigen- beziehungsweise Auftragsproduktionen oft sporadisch eingestreute explizite Nackt- oder Sexszenen, die nicht zwingend von der Handlung vorgegeben werden. Starz hat sich auf diesem Gebiet mit den Serien um die historische Figur des Spartacus besonders hervorgetan. Dank moderner Computertechnik blieb bei den dort gezeigten Gladiatorenkämpfen nichts mehr der Fantasie überlassen – Menschen wurden durchbohrt und zerstückelt, das Blut prasselte förmlich auf die Linse der Kamera; bei sexuellen Darstellungen gingen die Regisseure bis knapp an die Grenze zur Hardcore-Pornographie. Mit vier Staffeln war die „Spartacus“-Mythologie die bislang erfolgreichste Starz-Serienproduktion, wenn auch bei weitem nicht die beste. Kein Sonderfall: Es sind nur selten die Serienlieblinge der Feuilletons, die die meisten Zuschauer finden.

„Black Sails“ ist deutlich gemäßigter, hier stehen eindeutig die Geschichte und die Psychologie der Figuren im Mittelpunkt. Doch auch diese Serie ist nichts für Zimperliche. Ob Amputation mit der Streitaxt, von Kugeln zerrissene Körper oder auch Verrichtungen wie das Ausspülen der Vagina zur Vermeidung von Schwangerschaften – hier herrscht ein Realismus, der Freunde altertümlicher Hollywood-Piratenfilme, in denen die Gegner nie sichtbare Verwundungen davontrugen, schockieren muss. Nach Senderangaben waren zwecks Jugendfreigabe zwei Schnitte erforderlich, ein blutiger Säbelkampf und eine erotische Szene wurden gekürzt.

Beim US-Publikum kam diese Mischung aus Abenteuer, politischer Parabel und realistischem Seeräuber-, Soldaten- und Hurenalltag an. Bereits nach ersten Voraufführungen der achtteiligen ersten Staffel gab Starz weitere zehn in Auftrag.

„Black Sails“, freitags, 20.15 Uhr, ProSieben, je drei Folgen (Wiederholung im Nachtprogramm)

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen