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TV-Kritik: Bewegte Republik Deutschland Gegen das Gestern, gegen das Vergessen

3sat wird seinem Ruf als Kultursender auch mit seinem Rückblick auf die deutsche Geschichte gerecht und zeigt, welche Rolle die Künstler bei der Entwicklung der Bundesrepublik spielten.

Oberhausen Kurzfilmtage 1962. Foto: ZDF

In den Amtsstuben, in den Gerichten und in der Politik saßen sie nach Kriegsende bald wieder wie die Laus im Pelz: die alten Nazis. Adenauer holte gar einen Gesinnungstäter wie Globke in sein Kanzleramt. Anders ein großer Teil der Künstler. Sie grenzten sich scharf ab gegen die braune Vergangenheit. Die Maler etwa wandten sich nun, nachdem Hitler und seine Schergen bilderreich das Deutschtum gefeiert hatten, der Abstraktion zu, blickten nach den USA, wo Jackson Pollock zum Star der jungen Kunstszene geworden war. Karl Otto Götz, im vergangenen Februar 100 Jahre alt geworden, wurde neben Bernhard Schultze und Otto Greis zum profiliertesten Vertreter des Informel, deren Maler vor allem eines einte: der Drang nach Freiheit im Ausdruck.

Thomas von Steinaecker ist es in seiner vierteiligen Dokumentation „Bewegte Republik Deutschland“ sogar gelungen, den inzwischen nahezu erblindeten Karl Otto Götz zu einem Statement vor die Kamera zu holen. Er ist, wie auch der 87-jährige Günter Grass, einer der Zeitzeugen für die Absetzbewegung der Künstler von der Hitlerzeit, eine Bewegung freilich, die in den einzelnen Bereichen unterschiedlich lange brauchte, um sich in anspruchsvollen Werken Ausdruck zu verschaffen. Wie unsicher das Terrain war, das etwa die Schriftsteller nun betraten, lassen Szenen von den Treffen der Gruppe 47 erkennen. Da geht es erst einmal darum, dass die Arbeit am Text überhaupt anerkannt wird. Und als Paul Celan dort 1952 sein Meisterwerk vorträgt, die „Todesfuge“, wird er wegen seiner Art zu sprechen als Gestriger diffamiert.

Szenen wie die Lesung Celans sind ein Beispiel für die Schätze, die der Autor aus dem Archiven von Kino, Funk und Fernsehen heben konnte, in Folge 1 vom ersten Farbfilm nach dem Krieg, der eskapistischen Heimat-Schnulze „Schwarzwaldmädel“, bis zu den Aufnahmen vom Kennedy-Besuch in Berlin.

Das Material ist reichhaltig, und es bietet die Möglichkeit zu einem Kaleidoskop vieler Farben. Film und Theater etwa sahen, so berichtet es Volker Schlöndorff, noch „dieselben Leute“ auf den Bühnen und vor der Kamera, wie etwa Heinz Rühmann oder Gustav Gründgens. „Es gab nur ein einziges Prinzip: Überleben“ gesteht der Regisseur Wolfgang Staudte, der gleichwohl mit einem 1946 veröffentlichten Film „Die Mörder sind unter uns“ eine Ausnahme bildete. Das Theater besann sich auf die Klassiker, allen voran Goethe, als Rettung aus dem Dilemma, dass „das Humane in Asche“ lag, wie Roger Willemsen als Kommentator formuliert. Und auch das Fernsehen startet sein Programm mit einem Stoff des Weimarers: „Vorspiel auf dem Theater“.

Selbsterkenntnis: nicht gesellschaftsfähig

Die Historikerin Ute Frevert weiß wichtige Hinweise geben, so erinnert sie an die Haltung großer Teile der Bevölkerung, die sich in ihren zerbombten Städten erstmal als Opfer sahen; die Täter waren ja scheinbar in Nürnberg abgeurteilt worden – die Erkenntnis, dass die Verbrechen im „Dritten Reich“ nicht von einigen wenigen begangen wurden, sondern dass „die Mörder unter uns“ lebten, war noch lange nicht gesellschaftsfähig, sondern drang erst mit dem Auschwitz-Prozess 1963 ins Bewusstsein. So fand der Wiederaufbau der Städte großenteils unter dem Diktum der Wiederherstellung des Vorkriegsbildes statt, zumal in München. Denn auch die Architekten hatten sich zu weiten Teilen nicht von der unseligen Tradition entfernt, wie Architekt Stephan Braunfels erklärt.

Die Gegenbewegungen entstanden eher in der Provinz, wie in Ulm die in der Tradition des Bauhauses errichtete Hochschule für Gestaltung, so in Kassel die documenta; in Köln und Darmstadt experimentierten die „Neutöner“ um Stockhausen, und bei Füssen gab es das erste Treffen der Gruppe 47. Und einer der Teilnehmer ist es, der 1959 den ersten großen Roman vorlegt, der die Deutschen „laut mit ihrer Vergangenheit konfrontiert“, wie Daniel Kehlmann formuliert: Günter Grass mit der „Blechtrommel“.

Autor von Steinaecker hat dank gründlicher Recherche in den Archiven einen anschaulichen Rückblick erarbeitet, dessen Bildreichtum durch die erhellenden Kommentare von Ute Frevert und Roger Willemsen die nötige Tiefe bekommt. Der Film, das Kino, kommen etwas zu kurz dabei, aber vielleicht sind die Werke dieser Kunst ja dank des Fernsehens noch am ehesten präsent. 3sat zeigt heute Abend auch den zweiten Teil der Dokumentation, die allemal sehenswert ist.
„Bewegte Republik Deutschland“, Teil 1: Schuld und Wunder, 1945 bis 1965, 3sat, 20.15; Teil 2: Zur Waffe, Schätzchen, 1962 bis 1983, 21 Uhr.

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