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TV-Kritik Beckmann Die Natur des Bösen

Reinhold Beckmann holt ein Vergewaltigungsopfer und einen Mann, der einen Menschen auf dem Gewissen hat, an den Gesprächstisch und fragt beide nach der Natur des Bösen. Das neue Studio, lichtdurchflutete Studio kommt der Diskussion zugute.

02.11.2012 07:11
Ricarda Breyton
Reinhold Beckmann in seinem neuen, lichtdurchfluteten Studio. Foto: NDR/Morris Mac Matzen

Es gehört Mut dazu, ein Vergewaltigungsopfer an den Gesprächstisch zu holen und erzählen zu lassen. Noch mehr Mut verlangt es, diesem einen Mann gegenüber zu setzen, der einen Menschen auf dem Gewissen hat, und den beiden die Frage nach der Natur des Bösen zu stellen. Reinhold Beckmann hat es getan und ist an der Herausforderung nicht gescheitert.

Natürlich war es für den Erfolg der Sendung bedeutend, dass Susanne Preusker und Johannes Kneifel nicht alleine debattierten, sondern in einer Runde mit dem Psychiater Professor Frank Urbaniok, dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider und der Journalistin Carolin Emcke.

Natürlich profitierte Beckmann auch davon, dass sowohl das Opfer als auch der Täter inzwischen ein sehr abgeklärtes Verhältnis zu ihrer jeweiligen Geschichte haben. Susanne Preusker ist in ihrem neuen Leben ein Stück weit angekommen und kann über das ihr Widerfahrene gefasst berichten. Und Johannes Kneifel hat sich so weit gewandelt, dass er nicht nur Theologie studiert, sondern auch noch Mitglied in einem Begabtenförderungswerk ist. Zwei zivilisierte Menschen also. Und doch: Das Restrisiko, dass die Sendung in Schuldzuweisungen ausarten könnte, bleibt.

Intim und schockierend

Es ist kein Voyeurismus am Bösen, der Beckmann treibt. Dafür ist er zu sachlich. Dennoch bleibt die Sendung die ganzen 90 Minuten über sehr intim und schockierend. Susanne Preusker erzählt, wie sie sieben Stunden einem Frauenmörder ausgeliefert war, der sie vergewaltigte und umbringen wollte. Johannes Kneifel berichtet davon, wie er einen Mann lebensbedrohlich zusammenschlug und dann das Telefon zerstörte, um einen Hilferuf zu verhindern.

Ein Täter, ein Opfer, eine einfache Sache eigentlich. Und doch verhindert alles in Beckmanns Show, hier den Eindruck zu unterstützen, die Welt sei einfach nur schwarz-weiß. Da ist die Kriegsreporterin Carolin Emcke, die zugibt, in lebensbedrohlichen Situationen schon mal den Wunsch gehabt zu haben, zu töten. Und da ist Frank Urbaniok, der erzählt, dass die Mehrheit der Menschen in außergewöhnlichen Situationen bereit ist, Böses zu tun. Man weiß es ja. Und doch schockieren die Studien, die diese Erkenntnis immer wieder neu belegen. Schließlich gibt es den Theologen Nikolaus Schneider, der sich zwar dagegen ausspricht, Menschen ihre jeweilige Verantwortung abzunehmen. Der aber dennoch davon ausgeht, dass das Böse etwas Außenstehendes ist, das in bestimmten Situationen nach den Menschen greift.

Neues Studio kommt der Diskussion zugute

Es kommt der Diskussion zugute, dass sie in einem neuen, lichtdurchfluteten Studio stattfindet. Der dunkle Holztisch musste einem transparenten Glastisch Platz machen, die gedeckten Farben des alten Fernsehraums sind einem unschuldigem Weiß und sattem Gelborange gewichen. Der geschwungene Tisch mag in anderen Situationen zum entspannteren Plaudern einladen, heute verhindert er, dass sich die Gäste abgegrenzt gegenüber sitzen. Vor allem aber versetzt er Moderator Beckmann in die völlig neue Situation, seine Gäste nun zur Rechten, wie auch zur Linken neben sich zu haben.

Mehr noch als die alte Sitzordnung, bei welcher Beckmann ja doch gezwungen gewesen war, sich – zumindest optisch - für eine Seite zu entscheiden, unterstützt ihn die neue Formation dabei, sich völlig raus zu nehmen aus den Meinungsverschiedenheiten und von einem sehr neutralen Standpunkt aus die Dinge zu erfragen. Auf eine sehr ehrliche Art interessiert es Beckmann, wie die einzelnen Gesprächsteilnehmer zu der Frage nach Gut und Böse stehen, er gibt kein Ziel vor, bei welcher die Diskussion irgendwann anzukommen hat.

Nur einmal kritisiert er eine Aussage, als sich Johannes Kneifel allzu sehr für sein gerade erschienenes Buch „Vom Saulus zum Paulus“ zu begeistern beginnt. „Ist da nicht Berechnung dahinter?“, fragt der Moderator, doch springt er sofort auf die Ebene der Neutralität zurück, indem er sich an den Ratspräsidenten wendet: „Für wie glaubwürdig halten Sie das, Herr Schneider?“

Nikolaus Schneider glaubt Johannes Kneifel, Susanne Preusker will es glauben, Frank Urbaniok zweifelt. Es sei eine absolute Rarität, dass ein Mensch durch seinen Glauben tatsächlich einen Wandel durchlebt, ist er sich sicher. Susanne Preusker möchte ihrem Täter nicht vergeben und muss es auch nicht. Carolin Emcke greift Johannes Kneifel immer wieder an und lässt nicht zu, dass er in einem allzu guten Licht dasteht. Es ist keine friedliche Runde, die da zusammen sitzt, aber eine notwendige.

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