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TV-Kritik ARD „Liebe! Kinder! Hoffnung!“

Die Filmemacherin Sigrid Faltin will ein Jahr lang eine Familie mit der Kamera begleiten. Ein plötzlicher Schicksalsschlag macht, so zynisch es klingt, den Film erst richtig bemerkenswert.

19.06.2013 22:07
Tilmann P. Gangloff
Marion (32) und ihr Sohn Lars (5, links) sind bei Kai (43) und seinen vier Kindern Liv (11), Bela (9), Enid (7) und Amon (5) vor einem halben Jahr eingezogen. "Ein dramatisches Jahr mit einer Patchwork-Familie", Dokumentarfilm im Ersten Foto: SWR

Der Titel ließ keine Fragen offen. „Liebe! Kinder! Hoffnung!“, alles zudem mit einem aufmunternden Ausrufezeichen versehen: Das musste ein rundum lebensbejahender Film sein, und so war es auch; zunächst jedenfalls. Sigrid Faltin hatte für ihren Film eine Patchwork-Familie gesucht, „wo die Konflikte noch zu spüren sind, wo die Kämpfe noch ausgefochten werden.“

Kai (43), Marion (32) und ihre insgesamt fünf Kinder waren perfekt: Zu Beginn der Dreharbeiten lebten sie erst ein halbes Jahr zusammen und waren noch frisch verliebt. Weil die beiden Erwachsenen ausgesprochen kommunikativ waren und die Kinder offenbar rasch Zutrauen zu Autorin Sigrid Faltin als achtem Familienmitglied gefasst hatten, wäre dieser Dokumentarfilm unter normalen Umständen vielleicht ganz interessant, aber bestimmt auch viel zu lang geworden.

Neunzig Minuten Idylle, gemeinsames Musizieren, Friede, Freude, Eierkuchen: Das hält doch kein Mensch aus. Außerdem braucht jede Geschichte einen Konflikt, der gelöst werden muss; keine Heldenreise ohne Herausforderung. Und die gab es dann auch. Während der Dreharbeiten ist ein Ereignis eingetreten, dessen positive Folgen für den Film nur schwer in Worte gefasst werden können, ohne dass es zynisch klingt.

Diagnose: Lungenkrebs

Ein Jahr lang, natürlich mit Unterbrechungen, wollte die Filmemacherin die Familie begleiten. Als sie sich während der ersten Drehpause erkundigte, was denn „die Widrigkeiten des Lebens“ machten, bekam sie eine schockierende Antwort: Bei Kai war zwischenzeitlich Lungenkrebs diagnostiziert worden; das Adenokarzinom, der so genannte Nichtraucherkrebs, der vor einigen Jahren auch bei Christoph Schlingensief entdeckt worden ist.

Faltin hatte zuvor „Die letzte Saison“ gedreht, einen Film über unheilbar an Krebs erkrankte ältere Menschen. Man kann sich lebhaft ausmalen, wie groß ihr Bedürfnis war, sich nun einem ganz anderen Sujet widmen zu können; und dann diese Nachricht, die im Normalfall auch das Ende des Projekts bedeutet hätte.

Aber Kai und Marion machten weiter. Mit der Idylle war es naturgemäß schlagartig vorbei, und damit wurde auch der Film spannend: Zunächst setzte sich Kai, selbst Mediziner, noch sehr abgeklärt mit der Krankheit auseinander, aber dann wurde er immer dünnhäutiger.

Dass das Paar Sigrid Faltin und ihren Kameramännern trotzdem nicht die Tür gewiesen und wohl auch nicht darauf bestanden hat, die weniger schönen Seiten des Familienlebens auszusparen, ist ausgesprochen respektabel; ebenso wie die Offenheit, mit der beide über den psychischen Knacks und die Folgen für ihr Liebesleben sprachen. Dass sie trotzdem geheiratet haben, war ein sympathisches Zeichen trotziger Zuversicht.

Und so wurde das dokumentarische Drama seinem Titel doch noch gerecht, selbst wenn es wenig Anlass zur Hoffnung gibt: Schlingensief ist zweieinhalb Jahre nach der Diagnose im Sommer 2010 gestorben; Kai hat sein Tagebuch der Krebserkrankung, „So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!“, während der Chemotherapie gelesen. In Folge der Behandlung ist der Krebs bei ihm zur Hälfte zurückgegangen, aber er machte sich keine falschen Hoffnungen: Es ist ein Spiel auf Zeit, kein Spiel auf Heilung. Ein bemerkenswerter Film.

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