Lade Inhalte...

TV-Kritik "Anne Will" Macht's wie die Käßmann!

Rosa von Praunheim nennt die katholische Kirche eine Diktatur, Hans-Ulrich Jörges will sich von Katholiken nicht an die Wand reden lassen. Eine turbulente Diskussion über Kirche, Papst und Missbrauchsfälle. Von Marie-Sophie Adeoso

Anne Will Foto: ddp

Es ist fünf Jahre her, dass Bildzeitungsdeutschland jubelte "wir sind Papst". Anno 2010 fragt Anne Will angesichts "Benedikts Schweigen" zu den deutschen Missbrauchsfällen: "Sind wir noch Papst?"

Diese Frage kann in der sonntäglichen Talkrunde nicht abschließend geklärt werden. Was daran liegen könnte, dass Gäste wie Rosa von Praunheim oder der Stern-Vizechefredakteur Hans-Ulrich Jörges wohl auch vor fünf Jahren das Papst-Bekenntnis nicht unterschrieben hätten. Oder daran, dass Essens Bischof Franz-Josef Overbeck und die Sprecherin der "Generation Benedikt", Sophia Kuby, mit Kritik am Oberhaupt der katholischen Kirche ihre eigene Position in Frage stellen würden. So lassen die Äußerungen des Papstes es denn auch in ihren Augen "an Aufklärung nicht mangeln".

Dabei hatte Papst Benedikt sich in seinem jüngsten Hirtenbrief gar nicht zu den deutschen Missbrauchsfällen geäußert. Stattdessen sprach er am Ostersonntag mit indirektem Bezug auf die Vorwürfe gegen seine Person, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben, "vom Geschwätz der vorherrschenden Meinung". Von dem werde er sich - mit Gottes Hilfe - nicht einschüchtern lassen.

"Unglückliche Kommunikation der Kirche"

Ein klares Bekenntnis sieht in der Tat anders aus. Bei Anne Will bekennen sich indes alle Gäste in der ein oder anderen Form - ob sie nun die Krise der katholischen Kirche hemmungslos ausschlachten wie Rosa von Praunheim, der sie als "Diktatur" geißelt und verlangt alle Priester durch Frauen auszutauschen, weil "Testosteron aggressiv macht". Oder ob sie so bedingungslos zur Institution Kirche stehen, wie die junge Katholikin Kuby, die zwar ihre Betroffenheit ob des massenhaften Missbrauchs durch Priester deutlich macht, zugleich aber eine "Unterscheidung zwischen menschlichen Verfehlungen und der unglücklichen Kommunikation der Kirche" verlangt.

So geht es bald nicht mehr um den Papst, sondern um die altgewohnten Fragen nach der Sinnhaftigkeit des Zölibats oder einer möglichen Reform der Kirche. Naturgemäß kommen Kirchenvertreter und -kritiker auch hier auf keinen grünen Zweig. Stattdessen liefern sie sich einen Schlagabtausch, den Anne Will streckenweise nur mit Mühe bändigen kann - indem sie aufsteht und vor der Hintergrundkulisse wild durcheinander redender Männer direkt in die Kamera spricht.

Da wettert Bischof Overbeck gegen die "sündhafte" und "widernatürliche" Homosexualität und beharrt darauf, die "Eindeutigkeit und Klarheit der Kirche innerhalb einer pluriformen Gesellschaft" als Stärke zu sehen. Spiegel-Redakteur Matthias Matussek mag zwar immerhin zugeben, dass er "als schlichter Katholik nicht glaube, dass der liebe Gott etwas gegen Homosexuelle hat" - gleichwohl hält er allzu weitreichende Reformen einer "auf Traditionen und Riten beruhenden Kirche" für unangemessen.

Hans-Ulrich Jörges fühlt sich "als Staatsbürger" festgefahren zwischen den redefreudigen Christen. "Lassen Sie mich bitte ausreden, Sie Christenmensch!", fährt er den Bischof an. Und als Matussek ihn wiederum unterbricht, ruft er verzweifelt aus "Ich lasse mich nicht von euch Katholiken an die Wand quatschen!"

"Ganz viel Geschwafel"

Hallelujah, was für eine Diskussion. Missbrauchsopfer Alexander Probst, kann darin nur "ganz viel Geschwafel" erkennen. Er hat selbst erlebt, wie der Regensburger Bischof Müller auf die Missbrauchserlebnisse von Menschen wie Probst entgegnete, er werde nicht zulassen, dass "die Domspatzen in den Dreck gezogen werden". Die Entgegnung Bischof Overbecks bei Anne Will, er habe in dieser Äußerung nur einen Versuch gesehen "den Ruf Gottes zu schützen" klingt schlicht zynisch. Ob die Kirche tatsächlich nur ein Kommunikationsproblem oder auch eines der moralischen Haltung habe, wird zurecht von Anne Will gefragt.

Das Schlusswort einer denkwürdigen, sich jedoch letztlich im Kreise drehenden Diskussion liegt beim einstigen Kirchenmitglied Alexander Probst, auf dessen Missbrauchs-Erfahrungen nicht einer der anderen Gäste direkt eingegangen ist. Er würde wieder in die katholische Kirche eintreten, sagt er, wenn sie auf begangene Fehler mit so viel Ehrlichkeit reagieren würde, wie die einstige Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche, Margot Käßmann, die nach einer Trunkenheitsfahrt vor einigen Wochen von allen Ämtern zurücktrat.

Damit endet die Talkrunde. Die Diskussionen werden sich hoffentlich weiterbewegen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen