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TV-Kritik: Anne Will Im Netz der Schwarzen Witwe

Bei Anne Will sollte es um Europas Zukunft gehen – aber dann wurde es doch eine aufgeregte Debatte über das rechte Spektrum in der deutschen Politik.

Anne Will im Studio ihrer Talkshow. Foto: dpa/Archiv

Die Große Koalition wird kommen, darüber sind sich alle einig – bis auf die SPD. Aber solange sich die Genossen auch zieren oder den Preis hochtreiben mögen: Am Ende siegt wieder die Verlockung, mit am Tisch der Machthabenden zu sitzen. Das war der Tenor des ersten Teils von Anne Wills Talkrunde über das Thema „Euro-Kritiker auf dem Vormarsch – kann Merkel sie kleinhalten?“ Doch dieses Thema wurde schlicht verfehlt, denn es interessierte die Gäste erstmal weniger als die Frage nach der künftigen Regierungskoalition. Erst im zweiten Teil des Abends ging es um Euro-Kritiker: Da holte Anne Will den zuvor am Katzentisch plazierten Vorsitzenden der Partei „Alternative für Deutschland“, Bernd Lucke, in den Kreis der Diskutanten, und dort erwies sich, dass niemand diesen Euro-Kritiker klein halten muss: Er ist es schon und wird es bleiben.
Und an Angela Merkels Fähigkeit, irgendwen klein zu halten, zweifelt offenbar ohnehin niemand, der das politische Geschäft in der Bundesrepublik professionell betrachtet. „Mutti“, „Königin von Deutschland“ und nun „Schwarze Witwe“: So nannte Anne Will die Kanzlerin in ihrer Anmoderation. Das klingt immer noch besser als „Birne“, aber das Bild der Spinne, die ihre Partner erst umgarnt und dann umbringt, ist um so weniger schmeichelhaft, als es einen wahren Kern enthält, wie Gesine Schwan darlegte. Die Präsidentin der Humboldt-Viadrina School of Governance, Mitglied der SPD und einst deren Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, sezierte den Merkelschen Regierungsstil und legte die unfeinen Methoden der Kanzlerin bloß: Merkel sei „unfair“, wie sich etwa in der letzten Großen Koalition gezeigt habe, wo sie Frank-Walter Steinmeier als Außenminister dessen Terrain nicht gelassen habe, und geradezu „unerträglich“ sei der Zug der Kanzlerin, Alternativen zu ihren Entscheidungen moralisch zu diskreditieren. So verstärke Merkels Europa-Politik die Desintegration der Europäischen Union. Und der Einspieler mit Merkels Polemik von der „Unzuverlässigkeit“ der SPD in Europa-Fragen zeigte denn auch die eisenharte Seite der CDU-Chefin, die sie sonst zu verbergen sucht.

Verzicht auf Macht?

Dem hatten die Gäste auf der konservativem Seite wenig entgegenzusetzen. Der CSU-Ehrenvorsitzende Edmund Stoiber verteidigte erst einmal den Kurs der Union, die Sozialdemokraten nun mit der Aussicht auf Steuererhöhungen zu locken, und Ulf Poschardt, Journalist der „Welt“ und immer dann eingeladen, wenn man eine parteipolitisch nicht gebundene rechte Stimme mehr haben will, verwies darauf, dass SPD und CDU sich doch ohnehin bei wesentlichen Punkten aus dem SPD-Wahlprogramm rasch einigen würden: Mindestlohn, Spitzensteuersatz-Anhebung und Finanzhilfen für die krisengeschüttelten südeuropäischen Staaten.

Während Gesine Schwan solche „Spiele“, wie sie aktuell von Finanzminister Wolfgang Schäuble betrieben würden, fragwürdig fand, mahnte Serdar Somuncu, dergleichen fördere die Politikverdrossenheit. Der Autor und Kabarettist fiel im übrigen durch eine originelle Sicht auf das politische Geschäft auf: Politik bedeute auch, auf Macht verzichten zu können. Aber die Volksvertreter hätten doch ein Mandat und – selbstredend musste auch dieses Wort wieder auftauchen, schließlich will man ja die SPD kleinkriegen – „Verantwortung“. Mit dieser Moralkeule setzt die CDU die Genossen unter Druck – auch ein Beispiel für Merkels „Schlitzohrigkeit“, fand Gesine Schwan. Seine Worte vom Verzicht offenbar vergessen habend, fragte daraufhin Serdar Somuncu, warum denn die SPD „so dumm“ sei, die sich bietende Machtoption einer linken Mehrheit nicht wahrzunehmen: Schwan zufolge immer noch aus Angst vor der Rote-Socken-Demagogie der CDU, während Stoiber fand, das sei vorbei, und ähnlich wie die SPD-Spitze argumentierte er, mit der Linken sein Deutschland nicht regierbar.

Denken in Schubladen

War es bis dahin eine vor allem durch Schwans analytische Fähigkeiten interessante Debatte, wurde es ein aufgeregtes Durcheinanderreden, als Bernd Lucke ins Spiel kam. „Wo stehen Sie“, fragte ihn Anne Will, und während er ihrer Frage ein Denken in Schubladen unterstellte, begab er sich flugs in eine solche. Denn auf Bilder von AfD-Plakaten, die auf nationalistische Gefühle und Fremdenfeindlichkeit spekulierten, und auf den Film-Ausschnitt mit seiner Wortwahl von der „Entartung“ der Demokratie reagierte er mit einem fatalen Vergleich. Entartung werde doch auch in der Medizin gebraucht, bei Krebs etwa. Diese Verwendung eines biologischen Bildes mache es noch schlimmer, befand Gesine Schwan, da habe er einen bestimmten Assoziationshof eröffnet. Da merkte der Professor dann doch, was er gesagt hatte, wollte sich nicht vorschreiben lassen „wie ich rede“ und sprach nun von „Degenerationserscheinungen“ der Demokratie.
Wer bis dahin noch geglaubt hatte, die AfD sei, wegen der Wählerwanderung von der FDP (430000 Stimmen) so etwas wie eine liberale Partei, sah sich eines Besseren belehrt. Es half auch nichts, dass Lucke auf das CDU-Wahlprogramm verwies, obwohl Edmund Stoiber, nun voller Leidenschaft, gleichfalls ins nationalistische Horn stieß und behauptete, Staaten wie Rumänien und Bulgarien wollten ihre sozialen Probleme „auf Deutschland abwälzen“ und die Südeuropäer litten nun eben unter ihrer „fehlerhaften Politik“.
So kam das Thema Europa dann doch noch auf den Tisch. Und Gesine Schwan erinnerte daran, dass die Beschwörung nationaler Interessen noch immer dazu geeignet sei, Stimmen von allen Strömungen zu gewinnen, aber: „Wir waren schon mal weiter!“ Denn man habe schon seit Adenauer gewusst, es gebe eben keinen sinnvollen Gegensatz zwischen nationalem und europäischen Interesse.
Ulf Poschardt rechtfertigte seine Einladung dann doch noch mit dem Verdikt, dass die AfD eine typische Protestpartei sei: „Sie spielen mit den Ängsten der Bürger“. Und deshalb sei Bernd Lucke, so warf ihm Serdar Somuncu noch nach Anne Wills Schlusswort hinterher, ein „Westentaschendemagoge“. Das ist immerhin nicht so schlimm wie „Schwarze Witwe“.

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