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TV-Kritik „Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab“ Nichts geht mehr

Produzent Oliver Berben erzählt die große Pleite nicht nur von Schlecker als aufwändiges Wirtschafts- und Familiendrama.

13.10.2014 06:46
Tilmann P. Gangloff
Firmenchef Max Faber (Robert Atzorn) und Ehefrau Ingrid (Imogen Kogge, r.) beim Kotrollbesuch in einer Filiale: Verkäuferin Janine (Josefine Preuß, l.) hat jeden Grund sich über die miserablen Arbeitsbedingungen zu beklagen... Foto: ZDF/Hans-Joachim Pfeiffer

Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch seine Arbeit: Es ist nicht zu übersehen, dass Stoffe über familiäre Verwicklungen eine große Faszination auf den Produzenten Oliver Berben ausüben. Gerade in seinen Mehrteilern fürs ZDF standen regelmäßig Familienbande im Vordergrund, was meist auch der Titel verdeutlichte („Der Wagner-Clan - Eine Familiengeschichte“, „Das Adlon. Eine Familiensaga“, „Familiengeheimnisse - Liebe, Schuld und Tod“, „Krupp - Eine deutsche Familie“). Stets ging es in diesen Produktionen auch um Macht und Geld. Kein Wunder, dass die großen Pleiten familiär geführter Konzerne in den letzten Jahren als Filmstoff wie geschaffen für Berben sind, und auch diesmal lässt der Titelzusatz keinen Zweifel am eigentlichen Thema: „Alles muss raus - Eine Familie rechnet ab“. Die Umsetzung des Stoffs erfolgte mit angemessenem Aufwand; die Inszenierung besorgte Dror Zahavi („Mein Leben – Marcel Reich-Ranicki“). Der Israeli gehört hierzulande schon seit einigen Jahren zu den besten Fernsehfilmregisseuren; „Alles muss aus“ ist seine zweite Zusammenarbeit mit Berben nach „Das Jerusalem-Syndrom“.

Wahl der Perspektiven

Natürlich ließ sich Kai Hafemeister, der für den Produzenten auch „Der Wagner-Clan“ geschrieben hat, bei seiner Geschichte vor allem durch die Schlecker-Pleite inspirieren, aber auch andere große Insolvenzen der jüngeren Vergangenheit (Karstadt, Continental, Quelle) haben ihre Spuren hinterlassen. Der Reiz des Erzählkonzepts besteht vor allem in der Wahl der Perspektiven: Man erlebt den Untergang der Drogeriekette sowohl aus Sicht der Geschäftsführung wie auch aus dem Blickwinkel einer Verkäuferin. Dass die Sympathien nicht beim Firmengründer Max Faber (Robert Atzorn) liegen, versteht sich fast von selbst; der Mann hat sich an der Börse verzockt und nun 200 Millionen Euro Schulden bei der Bank, kann die Lieferanten nicht bezahlen und beutet seine Angestellten aus. Gegenentwurf ist Janine Krause (Josefine Preuß), die sich bei einem Überfall sogar für ihren Arbeitgeber anschießen lässt; leider ist sie mit einem komplett nichtsnutzigen Freund (Florian Lukas) geschlagen, von dem sie zu allem Überfluss auch noch ein Kind erwartet.

Die Rollenverteilung wirkt schlicht, und letztlich ist sie es auch: hier der skrupellose Kapitalist, der selbstverständlich seine Frau betrügt, dort die patente Proletarierin, arm, aber sexy; dank der natürlichen Herzlichkeit von Josefine Preuß ist sie selbstredend Sympathieträgerin und Identifikationsfigur. Ähnlich klischeehaft fällt der Repräsentant von Fabers Hausbank aus, ein junger Schnösel (Stefan Konarske), der erst mal Kokain schnupft, bevor er sich seinen prominenten Kunden zur Brust nimmt. Die spannendere Figur ist daher die Frau in der Mitte: Kerstin Faber (Lisa Martinek), die Tochter des Patriarchen, der seine Läden regelmäßig als Testkäufer kontrolliert, nutzt die Gunst der Stunde, als der Konzern Insolvenz anmelden muss, zieht die Gläubiger mit einer engagierten Rede auf ihre Seite und entmachtet den Alten. Um ihre Pläne umzusetzen, braucht sie allerdings einen Investor. Sie hofft auf den Holländer Oscar Etsch (Barry Atsma), der tatsächlich interessiert ist; die Frage ist bloß, ob sein Engagement wirklich dem Unternehmen oder nicht doch eher dessen Leiterin gilt. Außerdem gibt sich der alte Faber noch lange nicht geschlagen.

Der Reiz der Rolle liegt in ihrer Vielschichtigkeit, so dass man lange nicht schlau aus Kerstin wird: Sie scheint die Ausbeutermethoden ihres Vaters abzulehnen, kennt aber die Mechanismen der Macht und wendet sie auch an. Ihr wichtigster Verbündeter ist daher der Journalist Henry Bergmann (Benjamin Sadler), der mit seinen Artikeln Stimmung für sie macht und außerdem ihre Reden schreibt. Die beiden waren mal zusammen und kommen sich nun erneut näher, aber auch hier lässt Hafemeister zunächst offen, ob es um Leidenschaft oder bloß um strategische Spielchen geht, zumal die Vergangenheit sie nicht nur verbindet, sondern auch trennt.

Chaotisch, bunt und behaglich

Zahavi und sein bevorzugter Kameramann Gero Steffen – „Alles muss raus“ ist bereits ihre dreizehnte Zusammenarbeit – haben dem Film ein visuelles Konzept gegeben, das der Figurenzeichnung entspricht: Die Welt Fabers ist konsequent in kühlem Graublau gehalten, das Leben der kleinen Verkäuferin ist etwas heruntergekommen, aber chaotisch, bunt und behaglich. Davon abgesehen ist die fließende Bildgestaltung ungemein sorgfältig und wesentlich subtiler als die oftmals unnötig überspitzte Zeichnung gerade der Randfiguren; Bibiana Beglau zum Beispiel spielt die Chefin von Henry Bergmann wie die Karikatur einer Revolverblatt-Chefredakteurin. Im Vergleich zum thematisch fast verwechselbaren Sat.1-Film „Schlikkerfrauen“ ist „Alles muss raus“ dennoch bedeutend komplexer; und das liegt nicht nur daran, dass Berbens Produktion doppelt so lang ist.

Im Anschluss zeigt das ZDF die Dokumentation „Die Schlecker Story – Karriere, Kosmetik und Konkurs“. Der zweite Teil des Films folgt am Mittwoch.

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