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TV-Kritik "20 Jahre stern tv" Die Born-Identität

In der Jubiläumssendung von "stern tv" beweist Günther Jauch mal wieder: Der Mann kann über sich selbst lachen. Wie sympathisch. Nur die Born-Affäre kommt beim Rückblick auf Missgeschicke und Malaisen nicht vor. Wie symptomatisch. Von Harald Keller

Der Moderator Günther Jauch steht im RTL-Fernsehstudio von "Stern TV" in Hürth bei Köln. Foto: dpa

Das Fernsehmagazin "stern tv" feierte seinen zwanzigsten Geburtstag, und die Ausstrahlung der Jubiläumssendung war mit einer spannenden Frage verbunden: Besitzen Günther Jauch und seine Redaktion die Souveränität, im Rahmen ihrer Rückschau auch an den Born-Skandal zu erinnern? Nötig wäre es, denn die größte Schmach des deutschen Journalismus nach der Erfindung der Hitler-Tagebücher und insbesondere die unselige Rolle Günther Jauchs in dieser Affäre scheinen mittlerweile aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden.

Es gab innerhalb der Sendung mehrfach Gelegenheit, Michael Born und seine weiland von "stern tv" ausgestrahlten Lügengeschichten anzusprechen. Zum Beispiel gleich zu Beginn, als Günther Jauch Fernsehkritiken aus den Anfängen von "stern tv" zitierte. "Jauchs Stern verblasst" nörgelte demnach die "Abendzeitung", der "Kölner Stadt-Anzeiger" empfahl, "stern tv" müsse sich "gewaltig steigern. Und zwar rasch." Darin war man sich mit dem "Tagesspiegel" einig, der "stern tv" schlicht langweilig fand.

Seither ist viel Zeit vergangen, Jauch und die Presse leben inzwischen in friedlichem Einvernehmen. Die "Zeit" beschmuste ihn als jemanden, der "im Privatfernsehen glaubwürdig geblieben" sei. Der "Tagesspiegel" revidierte das einstige Urteil und gab Gefühlen Ausdruck, wonach Jauch "Vertrauen schafft und die Herzen wärmt". Rührend. Wie sagte Jauch in seiner Jubiläumssendung, wenngleich in anderem Zusammenhang: "Zum Glück vergessen wir ja auch eine ganze Menge."

Der beliebteste Fernsehmoderator deutscher Zunge weiß, wovon er spricht. Seine trampeligen Auftritte im Rahmen der Sendung "Rätselflug", seine fristlose Entlassung durch den Bayerischen Rundfunk, seine nur für den internen Gebrauch vorgesehenen Werbeauftritte für ein zum damaligen Zeitpunkt sehr umstrittenes, weil nach Angaben von Aussteigern sektenartig organisiertes Direktvertriebsunternehmen - alles aus der Erinnerung gelöscht.

Im Rahmen der Kritikrezitation blieb der Name Born noch unerwähnt. Es folgte ein Blick zurück im Spaß, ein Zusammenschnitt aus Missgeschicken, Missgriffen und Malaisen. Da hätten die Reinfälle mit den von Born beigebrachten Filmbeiträgen über einen angeblichen deutschen Ableger des Ku-Klux-Klan, über kanaillöse Katzenjäger und der sonstige Humbug des gleichen Kalibers eigentlich ganz gut hineingepasst. Doch es war dann nur zu sehen, wie Günther Jauch einmal hilflos an einer Reckstange hing oder vergeblich versuchte, eine Sumo-Kämpferin aus dem Ring zu stoßen. Der Mann kann über sich selbst lachen. Wie sympathisch.

Der nächste Block führte noch einmal vor Augen, dass auch vornehmste Zelebritäten den Weg zu "stern tv" nicht scheuen. Gorbatschow war da, Steffi Graf, Michael Schuhmacher und La Toya Jackson ... La Toya Jackson? Ja, ihr Bruder Michael war in jenen Tagen verhindert, weil er sich gerade wegen angeblichen Kindesmissbrauchs verantworten musste. Bei solchen Gelegenheiten drängte sich La Toya schon immer gern ins Rampenlicht und gab mal dies, mal jenes zum Besten.

Was macht sie nur künftig ohne ihren kleinen Bruder? Lustig dann wieder der Schnipsel mit der jungen Abgeordneten Angela Merkel, die erraten musste, welcher Kollege sie als "ausgetrocknete und unbefriedigte Kampfhenne" bezeichnet hatte. (Es war Jürgen Todenhöfer.) Merkel war nicht das einzige Opfer Jauch’scher Zumutungen. Er drang bis ans Krankenbett einer Überlebenden des Zugunglücks von Eschede vor, ferner brüstete man sich im Off-Kommentar zu den Bildern des Lawinenunglücks von Galtür: "Am Tag nach der Katastrophe spricht Günther Jauch mit Betroffenen." Die Aufnahme dieser Szenen in den Jubiläumsrückblick lässt vermuten, dass man ernsthaft stolz ist auf solche journalistischen Großtaten.

"Stern tv" ist eben entgegen anderslautenden Behauptungen vor allem ein Boulevardmagazin. Das bewies aufs Trefflichste die dritte Retrospektive, die unter anderem ein entstelltes Brandopfer, siamesische Zwillinge und eine HIV-infizierte Ärztin vorstellte. Im Bericht über die Letztgenannte übrigens wurde ein gerichtliches Dokument gezeigt, das deutlich lesbar die volle Adresse der Betroffenen preisgab. Diskretion zählt augenscheinlich nicht zu den hervorstechendsten Tugenden der "stern tv"-Redaktion.

Block vier versammelte allerlei Prominente, die bei "stern tv" zu Gast waren. Da sang Harald Schmidt die Internationale, und Oliver Pocher tummelte sich inmitten eines Wasserballetts. Wie man heute weiß, der Beginn einer wundersamen Freundschaft zwischen Jauch und dem jungen Frechdachs mit dem forschen Auftreten.

Ein Zusammenschnitt von verrückten Aktionen so genannter "Außenreporter", zu denen auch mal Hape Kerkeling gehörte und die vor allem damit befasst sind, ihre Mitmenschen mit der Kamera zu überfallen und dem Gelächter preiszugeben, hätte auch noch einmal Gelegenheit geboten, auf den "Reporter" Michael Born zu sprechen zu kommen, der unter anderem Aufnahmen aus Bethlehem mit dem Geräusch einer explodierenden Bombe unterlegt hatte, um ein Attentat vorzugaukeln.

Bei "stern tv" stieß sich niemand daran, dass die gezeigten Personen in keinster Weise auf die vermeintliche Detonation reagierten. Im späteren Gerichtsverfahren gegen Michael Born kommentierte der damalige Redaktionsleiter Günther Jauch laut "Die Woche" auf eine entsprechende Frage hin diesen erstaunlichen Umstand mit den Worten: "Dort unten kracht es sehr oft, dort haben sich die Leute schon daran gewöhnt." Bei einem Bewerbungsgespräch um eine Volontärsstelle wäre dies eine ganz, ganz schlechte Antwort.

Dann kam der sechste Zusammenschnitt, und hier nun durfte man das Thema Born-Affäre wahrlich erwarten, ging es doch um investigative Reportagen wie jene über eine verborgen gehaltene rumänische Lepra-Kolonie, schwänzende Europa-Abgeordnete, Tierquälereien bei Schlachtviehtransporten. Diese Filme sind es wohl, die einige Chronisten von "stern tv" als einem politischen Magazin sprechen lassen. Auch gilt der umtriebige Produzent Günther Jauch heute als ein Fernsehjournalist mit öffentlich-rechtlichen Qualitäten. Wobei großzügig darüber hinweggesehen wird, dass Jauch als Produzent auch die "stern tv reportage" verantwortet, in der schon mal Reporter durch die Toiletten von Großdiskotheken streifen, um kopulierende Pärchen zu erwischen.

Nein, man fand den Namen Born dann doch nicht erwähnenswert. Am Ende der Jubiläumssendung versprach Jauch, dass er mit "stern tv" weitermachen werde. Daran gab es, auch wenn vor vier Jahren im Zuge von Jauchs vermeintlichem Wechsel zur ARD vorschnell und vorlaut etwas Anderes berichtet wurde, niemals auch nur den geringsten Zweifel. Bei Alexander Kluges dctp wie bei RTL, die beide Sendezeit für "stern tv" zur Verfügung stellen, äußerte man sich damals auffallend gelassen zu dem von einigen Blättern bereits als sicher gehandelten Transfer. Denn Günther Jauch genießt bei dem von seiner eigenen Firma i & u produzierten "stern tv" die größtmöglichen Freiheiten. Dieses Privileg wird er sich nicht nehmen lassen - es erlaubt ihm eben auch, ein so maßgebliches Ereignis wie die Born-Affäre völlig zu verschweigen, wenn er zwanzig Jahre "stern tv" Revue passieren lässt.

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