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„Top of the Lake: China Girl“, arte Der weibliche Blick aufs Verbrechen

Jane Campion lässt sich zur Fortsetzung von „Top of the Lake“ hinreißen und schafft die richtige Serie zu richtigen Zeit.

Top of the Lake - China Girl
Verzweifelt versucht Julia (Nicole Kidman, li.) zu ihrer Adoptivtochter Mary (Alice Englert, re.) durchzudringen. Foto: See-Saw Films

Als Jane Campion 2013 nach einer Fortsetzung zu „Top of the Lake“ gefragt wurde, lehnte sie rundherum ab: Die Geschichte um die sensible Polizistin Robin Griffin, die bei ihren Ermittlungen gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen ihr eigenes Jugendtrauma erneut verarbeiten musste, war keine Dauerkrimi-Reihe, sondern eine ganz klar abgeschlossene Miniserie.

Und auch wenn sie für ihren Ausflug ins TV allerlei internationale Preise einsammeln durfte, so war Campion eigentlich keine Fernsehregisseurin, sondern in ihrer epischen Bildsprache und komplexen Erzählung eindeutig eine Oscar-prämierte Kino-Autorin, die zurück auf die Leinwand wollte.

Aber als Campion vier Jahre später dann doch eine Idee hatte, wie man die Geschichte der stets getriebenen Heldin abseits von Neuseeland in Sydney als neuem Schauplatz weitererzählen könnte, ließ sie sich glücklicherweise darauf ein – und mit ihr eine ganze Riege der weltbesten Darstellerinnen.

Ihre Hauptdarstellerin Elisabeth Moss hatte für die ursprüngliche Miniserie den Golden Globe erhalten und war inzwischen durch „Mad Men“ und „The Handmaid's Tale“ zum Superstar geworden.

Nicole Kidman, die ebenfalls bereits mit Campion gearbeitet hatte, bettelte um eine Rolle. Und „Game of Thrones“-Star Gwendoline Christie zeigt, dass sie auch außerhalb des Fantasy-Kosmos' eine beeindruckende Präsenz ist. Sie alle kriegen von Campion komplexe, kluge, vielfältige Figuren auf den Leib geschrieben, und sie alle glänzen auf derart hohem Niveau, dass man schon allein wegen der Darstellerinnen den Blick nicht vom Bildschirm nehmen will. Die erneut betörende Kamera von Germain McMicking tut ihr übriges, auch wenn diesmal nicht die pittoreske Seenplatte Neuseelands, sondern die schmutzigen Gassen und Hinterhöfe von Sydney zu sehen sind.

Angriff auf das Patriarchat

Vor allem aber ist „China Girl“ genau die richtige Serie zu rechten Zeit. Wie schon in der ersten Staffel ist das hier ein ungeschminkter Angriff auf das Patriarchat, von dem institutionalisierten Machismo der Polizeikollegen über die zynische Gewalt der Zuhälter und die kulturell geprägte Abscheu gegen Frauen unter der asiatischen Migrantenbevölkerung bis hin zum gelangweilten Sexismus der Porno- und Bordellbenutzer.

Dazu kommt die gerade volljährige Tochter der Heldin, entstanden aus einer minderjährigen Vergewaltigung, aufgezogen bei liberalen Adoptiveltern und nun knietief in einer Beziehung zu einem brutalen, widerlichen Zuhälter namens „Puss“. In jedem anderen Jahr wäre eine solche Häufung negativer Männerklischees und angegriffener Frauen auf Widerstand und Leugnung gestoßen – aber 2017 fragt man sich unweigerlich, warum andere Fernseherzählungen eigentlich nicht alle einen so ungeschönten, rabiaten Blick auf die Geschlechterverhältnisse haben. Wer die Verbrechensstatistiken von Männern und Frauen und die Statistiken zu Belästigung am Arbeitsplatz lesen kann, der hätte schon viel früher eine so klare Stellungnahme in den Krimiserien erwartet.

Es braucht also einiges an Mut und Durchhaltevermögen, um in die nicht immer appetitlichen Vorgänge in der Prostitution und im Frauenhandel von Sydney durchzustehen. Aber es lohnt sich: „Top of the Lake: China Girl“ ist viel mehr als nur eine Krimi-Miniserie. Es ist ein Kunstwerk von großer Meisterschaft, ein atemberaubendes Schaulaufen der Darstellerinnen und eine Erforschung von Weiblichkeit im Beruf, in der Familie und in der Sexualität; als Mutter, als Tochter, als Kollegin, als Vorgesetzte, als Objekt, als Opfer und als Heldin. Und es ist ein überfälliges Statement von großer persönlicher und gesellschaftlicher Bedeutung.

 



 

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