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„Tokyo Idols – Die Pop Girls von Japan“, arte Es ist kompliziert

In einem Themenabend über weibliche Popkultur-Heroinen in Fernost versteckt arte dieses unerwartet nachdenklich-stimmende Juwel von einer Dokumentation.

Tokyo Idols
Sängerin Rio begeistert die Zuschauer bei einem Bandcontest. Foto: wdr

Fernost-Fieber auf arte. Im klassischen Themenabend-Stil gruppiert der Seder einen bunten Strauß Dokus rund um Abendprogramm. Das beginnt mit der letzten Folge von Gérard Depardieus bizarrem Reisetagebuch, das ihn nach Okayama führt, beinhaltet ein Japan-Spezial des Musikmagazin „Tracks“ und gleich zwei Dokus zu den „Kung Fu Girls“ aus Taiwan und den „Dragon Girls“ aus China und Taipeh. Und mittendrin eine dritte Gruppe weiblicher Popkultur-Ikonen: „Tokyo Idols – Die Pop Girls von Japan“.

Damit tut man dieser Doku ein wenig Unrecht: Die Filmemacherin Kyoko Miyake hat immerhin bereits einen Peabody Award sowie einen Nachwuchspreis auf der Berlinale gewonnen, da hätte man ihre international gefeierte Doku ruhig in ganzer Länge und zur Prime Time bringen dürfen, anstatt sie auf eine Stunde herunterzukürzen und zwischen zwei Magazinbeiträgen zu tarnen. Tatsächlich könnte dieses auf den ersten Blick nun wahrlich nicht dringlich wirkend Portrait der japanischen Popmusik-Kultur eine dieser Dokus sein, über die man noch das ganze Jahr nachdenken muss.

Wie bitte? Halbnackte, hüpfende Teenie-Mädchen, die sich im Neonlicht von einsamen mid-life-crisis-Männern anhimmeln und bezahlen lassen? Was genau sollte uns das über unsere Kultur erzählen? Nun, wie alle japanischen Trends löst auch dieses Phänomen erstmal Verwirrung und Abstoßung aus. Und wie alle japanischen Trends fragt man sich direkt danach: Warum eigentlich fühle ich mich davon abgestoßen? Welche Norm wird hier eigentlich verletzt, und ist das vielleicht eine gute Sache?

Es gibt zwei kontroverse Trends in der modernen westlichen Musikbranche, und beide haben mit Geld und Respekt zu tun. Der erste ist die willentliche Selbstausbeutung der Künstler. Die wurde vermutlich erstmals am Beispiel von Madonna anschaulich: Wenn eine Frau die männlichen Phantasien nicht ablehnt, sondern sich als Projektionsfläche zur Verfügung stellt und selbst davon profitiert – darf die das? Ist sexuelle Ausbeutung in Ordnung, wenn sie ein willentliches Geschäftsprinzip der Ausgebeuteten ist? Der zweite Trend ist die neue Patronage: Durch die digitale Distribution von Musik wirken die bisher allmächtigen Platten-Label plötzlich wie eine überflüssige Verpackungs-Industrie. Mehr und mehr Künstler lösen sich daher von diesen Einnahmequellen und vertreiben ihre Musik selbst – am besten in Form eines Abo-Systems wie auf der Patreon-Plattform. Dort kann man seine Lieblingskünstler (oder Autoren, YouTuber, etc.) mit einem monatlichen „Stipendium“ unterstützen und erhält die in der Zeit entstehende Musik gratis, sowie je nach finanzieller Unterstützung zahlreiche Extras wie Konzertbesuche, persönliche Treffen und sogar eine Erwähnung in den Credits.

Ja, man muss soweit ausholen, um zu verstehen, warum die Geschichte der „Tokyo Idols“ gerade für Westler so komplex ist. Denn auf der ersten Ebene ist diese in den letzten zehn Jahre aufblühende Kultur von ausnahmslos jungen und hübschen Mädchen auf der Bühne und ausnahmslos erwachsenen und alleinstehenden Männern davor einfach nur verwirrend und abstoßend. Aber Kyoko Miyake provoziert sofort die ersten Fragezeichen: Sie zeigt diese Superfans als kommunale, beinahe religiöse Gruppe, die gemeinsame Treffen abhalten, rivalisierende Fangruppen von anderen Mädchen übertrumpfen wollen mit eigenen Tanzchoreographien mit bunten Leuchtstäben. Miyake macht sogar den gesellschaftlichen Kontext des wirtschaftlichen Abschwungs Japans im neuen Jahrtausend auf: J-Pop als eine Art Auffangbecken für japanische Geschäftsleute, die jedes Selbstbewusstsein verloren haben? Sogar eine Punk-Parallele wird gezogen: London reagiert in den 70er auf eine Rezession mit wütender Musik, Tokyo mit lasziv tanzenden Schulmädchen?

Ein Soziolge spricht sogar von einem „heilenden Effekt“. Plötzlich wirkt es nicht nur ekelhaft sonder beinahe berührend, wenn ein 50jähriger Mann erzählt, wie er sich in ein Teenie-Mädchen „verkuckt“ hat; wenn seine Wohnung ein Schrein an seine Auserwählte ist und er davon schwärmt, dass sie seine Hand angefasst und nach seinem Namen gefragt hat. Der Mann gibt 2000 Dollar im Monat für aus „persönliche Treffen“, die vollkommen unschuldig verlaufen, bei denen er aber auch nie respektlos behandelt oder abgewiesen wird. Hat der Chiropraktiker des Mädchens recht, wenn er sagt, dass sich sein Job nicht viel von ihrem unterscheidet? Und was genau ist in der japanischen Gesellschaft ausgekugelt, das von den „Idols“ eingerenkt wird? Ein anderer Gesellschaftskritiker geht noch weiter: Besteht sogar ein Gefühl der Gemeinsamkeit zwischen diesen mittelalten männlichen Fans und den weiblichen Teenie-Idolen? Ein gemeinsames Sentiment gegen das Establishment, das beide Gruppen nicht ernst nimmt?

Die Filmemacherin türmt diese Fragen vor uns auf, und von Minute zu Minute werden sie komplexer. Darf man die Superfans gesellschaftlich ächten? Haben die Geschlechterforscher recht, die sich echauffieren über die riesigen Live-Castings, in denen 300 junge Mädchen sich darin übertreffen, den zigtausend rein männlichen Zuschauern möglichst gut zu gefallen? Oder haben jene anderen Geschlechterforscher recht, die betonen, dass die Idol-Kultur eine der wenigen Winkel der japanischen Kultur ist, wo die Frauen das alleinige Sagen haben?

Das Ende ist passenderweise eine Klimax an Komplexität. Wir sehen kleine Mädchen, die nicht nur inspiriert sind von den Teenies, sondern auch gleich selbst auf die Bühne wollen – der Trend geht plötzlich zu Grundschülerinnen. Zugleich hat das porträtierte Mädchen Rio ihre „Idol“-Zeit erfolgreich genutzt und ist nun ein echter Popstar. Ihre Superfans sind stolz und feiern sie. Sie betonen, dass Beziehungen zu echten Frauen zu anstrengend und zeitraubend sind, eine Hingabe an einen Popstar ist viel besser. „Sie sind wie Väter für sie“, sagt die Mutter. Ihr großer Durchbruch gelingt der jungen Frau dann mit einem Lied, das in der ersten Strophe sie als Person feiert, ihre harte Arbeit und ihren verdienten Erfolg. Ein Lied fürs Selbstbewusstsein, zur Inspiration, ein Lied der Stärke. Bis dann die zweite Strophe kommt, die im genau gleichen Tonfall ihre eigene Ausbeutung feiert und betont, dass sie den Männern immer gefallen wird. Der Refrain ist ihr eigener Name, untermalt von einem Dutzend Adjektiven, die sich alle gegenseitig widersprechen. Wie gesagt, es ist kompliziert.

„Tokyo Idols – Die Pop Girls von Japan“, arte, Freitag, 7. September,  21.45 Uhr; im Netz, arte+7

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