Lade Inhalte...

„Tod einer Polizistin“ ARD-Film zeigt Widersprüche im Fall Kiesewetter

Zwei Filmautoren gehen der Frage nach, warum der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter nie richtig aufgeklärt worden ist.

Tod von Michèle Kiesewetter
Ermittler sichern Spuren am Tatort in Heilbronn. Foto: Bernd Weissbrod (dpa)

Am 25. April werden es genau zehn Jahre sein, seit Michèle Kiesewetter auf einem Parkplatz an der Theresienwiese in Heilbronn erschossen wurde. Mit ihr im Dienstwagen saß ihr Kollege Martin A., der schwer verletzt überlebte. Und noch immer ist nicht eindeutig geklärt, wer die Täter waren. 

Offiziell gelten die Nazi-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt von der NSU-Bande als Mörder. Aber das ist keineswegs so sicher, wie es dargestellt wird von Polizei und Politik. Das zeigen nun auch die Autoren Clemens und Katja Riha mit ihrem Film „Tod einer Polizistin – Das kurze Leben der Michèle Kiesewetter“.

Sie schildern Indizien, die mehr als geeignet sind, die alleinige Täterschaft der beiden NSU-Verbrecher zu bezweifeln. Zunächst passt die Tat nicht in die Serie der rassistischen NSU-Morde an Bürgern mit ausländischen Wurzeln. Angeblich wollte sich das Duo Mundlos/Böhnhardt in Heilbronn Waffen besorgen. Dass sie dabei auf Michèle Kiesewetter trafen, muss nicht so zufällig sein wie offiziell behauptet.

Kollegen im Ku-Klux-Klan

Der Onkel der jungen Polizistin, ein Thüringer Staatsschützer, hatte schon wenige Tage nach ihrem Tod vermutet, die Tat habe etwas mit den „Türkenmorden“ (also der NSU-Mordserie) zu tun – was sich erst Jahre später erwies. Dieser Onkel kannte sich aus im rechtsextremen Milieu, ebenso wie seine Freundin, die mit Neonazis gut bekannt – und eine Vertraute Kiesewetters war. Und einige ihrer Kollegen hatten rechtsextreme Einstellungen, gehörten einem Ku-Klux-Klan-Bund im Schwäbischen an.

Zwar brüsten sich Mundlos/Böhnhardt auf einem Video mit ihren „Trophäen“ wie der Waffe und den Handschellen Kiesewetters. Aber das ist kein Beweis für die Täterschaft. Zwar fanden sich – nach vier Jahren – Blutspuren der Polizistin an einer Hose von Mundlos. Aber in einer Höhe, die gegen ihn als Schützen spricht, wie die Rihas darlegen.

DNA-Spuren am Tatort waren nicht zuzuordnen, Zeugenaussagen, nach denen es in Heilbronn mehr als zwei Täter gegeben haben muss, wurde nicht geglaubt, die Staatsanwaltschaft hielt Phantombilder unter Verschluss, die den Mördern des NSU nicht ähnelten. Die Terrortruppe muss mehr als die drei bekannten Mitglieder gehabt haben, da sind sich viele Beobachter einig.

Die Rihas widmen sich auch dem seltsamen Verhalten des damaligen Gothaer Polizeichefs Michael Menzel. Der verstieß beim Auffinden des Wohnmobils mit den Leichen von Böhnhardt und Mundlos auf geradezu groteske Weise gegen alle Standards kriminaltechnischer Ermittlung. So ließ er den Wohnwagen – also den Tatort – abtransportieren und damit viele Spuren zerstören.

Eine Notärztin durfte nicht in das Gefährt, das Menzel zuerst alleine betrat; darin will er die Waffen Kiesewetters und ihres Kollegen gefunden haben. Allerdings nennt er vor der Kamera Rihas die falsche Pistole. Dabei wird auch das Problem des Films deutlich: Die Autoren suggerieren meistens, es sei so manches vertuscht oder verfälscht worden, scheuen aber vor eindeutigen eigenen Aussagen zurück.

Wolfgang Drexler, seinerzeit Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses Baden Württemberg, findet es auch nur „ausgesprochen merkwürdig, wenn Leute ... sterben“, die als Zeugen geladen waren. So gab es den jungen Florian Heilig, der behauptet hatte, den Mörder Kiesewetters zu kennen, sich am Tag vor der Vernehmung aber umbrachte – angeblich aus Liebeskummer.

Er war nicht der einzige im NSU-Komplex, der auf ungeklärte Weise ums Leben kam. Wie in anderen Fällen wabere auch bei den NSU-Morden manches an der Grenze zur Verschwörungstheorie, sagt der Kriminologe Thomas Feltes.

Aber dafür sind auch Verfassungsschützer und Politiker verantwortlich, die den zahlreichen Untersuchungsausschüssen oft Akten lieferten, die vor allem geschwärzte Seiten aufwiesen.

Der Fall erinnert an andere Affären in der deutschen Geschichte, etwa das „Celler Loch“, das der Verfassungsschutz am 25. Juli 1978 in die Mauer des Gefängnisses in Celle gesprengt hatte, um einen Anschlag der RAF vorzutäuschen. Und nach wie vor behauptet der ehemalige Verfassungsschützer Andreas Temme, dass er 2006 nichts vom Mord an Halit Yozgat mitbekommen haben will, in dessen Kasseler Internet-Café er zur gleichen Zeit saß.

So ist es das Verdienst das Films, dass er erneut die Frage nach den Verflechtungen zwischen rechtsextremem Milieu und Verfassungsschutz aufwirft.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Neonazi-Terror

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen