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Thomas Gottschalk Wenig würdevolle Würdigung

Zu seinem 65. Geburtstag bekommt Thomas Gottschalk von seinem derzeitigen Arbeitgeber RTL eine Geburtstagsshow geschenkt. Wenig überraschend liefert das Team einen Aufguss seiner früheren Personalityshows.

Geburtstagskind Thomas Gottschalk und Moderatorin Barbara Schöneberger in der RTL-Live-Show "Herbstblond - Gottschalks große Geburtstagsparty" im Admiralspalast in Berlin. Foto: dpa

Beweglich ist er noch, das wollte er wohl beweisen. Nach einer langen Reihe von Superlativen von Gastgeberin Barbara Schöneberger hatte Jubilar Thomas Gottschalk endlich seinen Auftritt – indem er über eine Feuerwehrstange auf die Bühne hinunter glitt. Später kletterte er dann noch über die Sitze in den ersten Reihen, um einer Saalzuschauerin eine Ananas zu überreichen. Körperlich also zeigt der seit gestern 65-Jährige Thomas Gottschalk keine Defizite. Mit dem Gedächtnis aber hapert es, und das schon seit längerem. Auch an diesem Abend. Der Name der Berliner Waldbühne wollte ihm nicht einfallen, Barbara Schöneberger, in dieser Hinsicht die Nachfolgerin Michelle Hunzikers, musste einmal mehr soufflieren. Gottschalk ist souverän genug, sich über diese Schwächen lustig zu machen, und als Unterhalter hinlänglich versiert, mit ihnen vor Publikum zu kokettieren.

So witzelte er also über das „betreute Moderieren“, und seine Gedächtnislücken warfen mancherlei Späße ab, darunter ein vorproduzierter Sketch mit Til Schweiger, in dem sich Gottschalk angeblich um die Hauptrolle von dessen Erfolgsfilm „Honig im Kopf“ bewirbt. Als Mann, der alles vergisst, sei er ja prädestiniert für die Rolle eines Mannes, der alles vergisst.

Ansonsten wurden, das war erwartbar, alte Zeiten beschworen. Die langjährig von Gottschalk moderierte Spielshow „Wetten, dass …?“ war immer wieder Thema. Gäste von damals, US-Stars wie Lionel Richie, Kevin James, Arnold Schwarzenegger, Celine Dion, grüßten per Videoeinspieler. Cher rief an, aber Gottschalk wusste so recht nichts mit ihr anzufangen. In solchen Momenten melden sich ja manchmal leise Zweifel, ob er die englische Sprache beherrscht. Persönlich gratulierten deutsche Prominente wie Til Schweiger und Sarah Connor, Otto Waalkes nebst Band sorgten für die Musik, Hugo Egon Balder stand hinter der Bar. Dorthin wurde abgeschoben, wer abgetalkt war. Selbst ein Klaus Voormann, als Musiker und Grafiker Weggefährte der Beatles, wurde dergestalt zum Statisten degradiert. Ähnlich wie früher bei „Wetten, dass …?“, wenn die Gäste ihren Beitrag geleistet hatten und nur noch als Dekoration in der Kulisse saßen. Sofern sie es nicht vorzogen, die Sendung beizeiten zu verlassen.

Die meisten eingespielten Ausschnitte stammten jedoch nicht aus „Wetten, dass …?“, sondern aus RTL-Sendungen. Zwar juxte Gottschalk, auf seine Einkommensverhältnisse angesprochen, er habe ja erst spät bei RTL angefangen zu arbeiten und vorher beim ZDF immer Geld mitgebracht. Tatsächlich war Gottschalk schon in den Neunzigern für RTL tätig und moderierte unter anderem eine Late-Night-Show. Einem dort abgehaltenen Model-Wettbewerb verdankt Heidi Klum, auch sie sandte eine Grußbotschaft, ihre Karriere. Sehr gern lud Gottschalks damalige Redaktion Starlets und Pornostars ein. Alles dienstlich, wie Gottschalk vermutlich sagen würde. So jedenfalls seine Reaktion auf Barbara Schönebergers Frotzelei über die  „Gottschalk-Delle“ oberhalb des Knies, die, kleiner Scherz, alle Frauen davontrugen, die neben ihm Platz nehmen mussten und sich seinen Schlüpfrigkeiten ausgesetzt sahen.

Günther Jauch durfte nicht fehlen und spulte zum gefühlt hundertsten Male ab, wie er als junger Mann im ungeheizten VW Käfer hingerissen Gottschalks Radiosendung lauschte. Status Quo traten auf, wie in jeder von Gottschalks Nostalgieshows. Eine der besten Live-Bands überhaupt und übrigens sehr amüsante Gesprächspartner, hier zu einem Playback-Auftritt verdammt. Nicht mal für Francis Rossis Glückwünsche wurde das Mikro geöffnet. Ähnlich erging es Slade, die das Finale bestritten. Wobei Gottschalk sie als Glamrocker ankündigte und diesen Stil in den Achtzigern ansiedelte. Zwar waren Slade auch in diesem Jahrzehnt noch ungemein rege und eroberten sich sogar ein neues Publikum, beim Glamrock aber hatte sich Gottschalk um gut zehn Jahre vertan. So wie damals in seiner Sendung bei Tele 5, als er das Ende des Zweiten Weltkriegs in die Fünfziger verlegte. Honig im Kopf. Oder: Auch ein gelernter Lehrer kann mal irren.

Die Sendung war als Würdigung gedacht, besonders würdevoll geriet sie nicht. Der Jubilar mochte sein Unbehagen kaum verbergen, als er in ein Schminkspiel mit Model Lena Gercke verwickelt wurde – Vorspiel zu seinem Auftritt als Papageno, dennoch eine trübe Nummer. Tiefpunkt war der Auftritt des Komikers Bülent Ceylan, der sich nicht entblödete, das verhalten reagierende Saalpublikum zum Klatschen zu ermuntern. Peinlich. Über die gesamte, fast dreistündige, mit viel Werbung durchsetzte Sendung hinweg haperte es beim Timing; und statt Überraschungen als solche zu inszenieren, wurden sie, vor allem vor den Werbeblöcken, immer schon frühzeitig ausposaunt. Groß waren hier allein die Ankündigungen, die Ausführung wirkte streckenweise wie eine Pflichtübung, zu der diverse Fernsehschaffende aus dem RTL-Wirkungsfeld abkommandiert worden waren. Und bei der spürbar nicht alle Beteiligten mit gleichem Vermögen und der gleichen Liebe bei der Sache waren.

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