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„The Team II“, ZDF Selbst-erklärend

Niemand hat aus dem Fiasko der ersten Staffel gelernt, und so geht die Europol-Serie mit neuen Figuren aber den gleichen Qualitätsmangeln in die zweite Runde.

The Team II
Drei Länder, drei Ermittler und ein Fall von organisierter Kriminalität: In "The Team II" ermittelt ein neues Joint Investigation Team (JIT). Foto: MIKLOS SZABO/ZDF

Die erste Staffel dieses ehrgeizigen pan-europäischen Krimiserienprojekts war ein Lehrbeispiel, wie man sich im internationalen Serienbereich mit viel Geld künstlerisch lächerlich macht. Grässliche Erklär-Dialoge, hölzerne Schauspieler, ein 08/15-Plot um Menschenhandel und persönliche Kommissars-Wehwehchen und endlos vergeudetes Potenzial... aber endlich eine Antwort auf die Frage, wie eine international produzierte, achtstündige „Tatort“-Folge aussehen würde.

Nachdem man diesen ZDF-Betriebsunfall in den letzten vier Tagen nochmal als Wiederholung erleben durfte, stellt sich nun, drei jahre später, die Frage, was man von der zweiten Staffel erwarten darf. Die Serie hat sich ja von Beginn an sehr stark am amerikanischen Vorbild „True Detective“ orientieren wollen. Erkennbar ist das schon am Vorspann, der in der exakt gleichen Ästhetik wie das Original stilvolle Foto-Portraits der Figuren mit Superzeitlupen-Industriebildern überblendet, während im Hintergrund eine bluesige Reibeisenstimme vom Höllenfeuer singt – ein schönes Beispiel, ab wann Hommage in die Pastiche kippt.

Aber in dieser Parallele liegt auch eine Hoffnung: „True Detective“ tauscht in jeder Staffel das Personal aus – und auch „The Team“ hat eine komplett neue Ermittler-Riege. „True Detective“ behält dabei aber einen festen Showrunner in Nic Pizzolatto – und auch bei „The Team“ sind die kreativen Kräfte hinter der Kamera um die Showrunner Mai Brostrøm, Peter Thorsboe und Jesper Bernt intakt geblieben, ebenso wie die Regie von Kasper Gaardsøe. Und „True Detective“ unterliegt immensen Qualitätsschwankungen, von einer streckenweise visionären ersten zu einer völlig inkohärenten zweiten Staffel – könnte „The Team“ vielleicht ein ähnliches Kunststück schaffen, nur umgekehrt? Von einer banal-langweiligen ersten zu einer visuell und erzählerisch aufregenden zweiten Staffel?

Diese Hoffnung, vage und poetisch wie sie war, wird leider sofort zerschlagen. Erneut ist es die haarsträubende Qualität des Drehbuchs, die einen daran verzweifeln lässt, wie diese Serie jemals aus der Redaktionssitzung kommen konnte. Es gibt Regalmeter an Literatur über die Kunst der Exposition im Film: über die „show, don't tell“-Regel, die lange Monologe zugunsten von vielsagenden Bildern verbietet; über die Etablierung von Figuren und ihren Backstories durch Handlungen statt Worte; über den Realismus, das zwei Figuren nicht in einem normalen Gespräch ihre lebenslange Beziehung revue passieren lassen, nur um den Zuschauer auf den neuesten Stand zu bringen. Leider betreibt „The Team“, wie schon in der ersten Staffel, eine so ungelenke, gezwungene und unnatürliche Exposition, dass es ans Unprofessionelle grenzt. Und leider besteht ein Krimi fast ausschließlich aus ständiger Exposition und Auflösung von Spannungselementen.

In Schweden gibt es ja böse Stimmen, die sagen, dass Ingmar Bergmans Dialoge durch die Untertitelung immens gewinnen würden und für schwedische Muttersprachler hölzern und gestelzt klingen. Umgekehrt fragt man sich bei den deutschen Dialogen von Brostrøm, Thorsboe und Co, ob sie vielleicht im dänischen Original mal raffiniert und originell klangen. Anders kann man es sich nicht erklären, wenn ein Kommissar in seiner ersten Szene von seiner Frau mit dem Satz angerufen wird: „Claudia ist unsere Tochter, wir müssen mal darüber reden, was mit ihr passiert.“ Wann haben Sie, lieber Leser, das letzte Mal ihrem Ehepartner en passant erklärt, wer die gemeinsamen Kinder sind? Als eine Informantin ermordet wird, sagt ein Kollege: „Sehr bedauerlich. Sie war eine gute Informantin.“ Es gibt inzwischen ganze Satire-Episoden über solche Szenen, in denen sich die Angesprochenen dann umschauen und ausrufen: „Mit wem redest du? Sagst du gerade mir etwas, das wir beide seit Jahren wissen? Warum?“

Es gibt also Vorgesetzte, die die Ereignisse zusammenfassen, die wir in den letzten fünf Minuten selbst gesehen haben. Es gibt Flüchtlinge, die ihren Eltern ihre kompletten Reisepläne erklären, als würden sie das erste Mal drüber reden und wären nicht schon seit Monaten unterwegs. Es gibt Presse-Fragen, die praktischerweise so absurd konstruiert sind, dass sie dem Zuschauer ausführlich erklären, welche Zusammenhänge zwischen den fiktiven Terrororganisationen bestehen. Es gibt eine affektierte Kunsthändlerin, die einen halbseidenen Käufer in ein geheimes Keller-Abteil führt, wo sie offensichtlich die illegale Ware vertickt, und völlig unnötigerweise sagt: „Voila. Hier sind unsere wirklich einzigartigen Stücke.“ Warum? Wer hat das nicht verstanden? Was dachte er, wo er hingebracht wird, in die ständige Ausstellung des Stadtmuseums?

Das alles passiert in den ersten 15 Minuten, und es geht geschlagene acht Stunden so weiter: Die Ermittler erzählen sich gegenseitig ohne Aufforderung ihre Lebensgeschichte, rekapitulieren für einander schier endlos all die Ermittlungsergebnisse, die wir längst gesehen haben. und kündigen in enervierendem Detail die nächsten Ermittlungsschritte an, die wir noch sehen werden. Es ist ein Testament für die Bedeutung des Drehbuchs bei der Serienproduktion, dass durch dieses eine, katastrophale Fehlleistung alles andere sofort zerstört ist: Die Grundgeschichte um erneut drei europäische Ermittler, die sich zusammenraufen müssen? 

Bleibt ein sträflich ungenutztes Potenzial. Jürgen Vogels Schauspielleistung? Geht genauso in den doofen Dialogen unter wie das letzte Mal der große Lars Mikkelsen. Die kunstvolle Ästhetik? Wirkt angesichts dieser hölzernen Substanz angestrengt und prätentiös. Der erneute Versuch, die Form, die Ästhetik und das Budget internationaler Erfolgsserien zu kopieren, ohne den außergewöhnlichen, komplexen, poetischen Inhalt anderer internationaler Serien zu haben – er ist vorhersehbar gescheitert. Erneut. Bitte keine dritte Staffel.

 

 

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