Lade Inhalte...

„The King – Elvis und der amerikanische Traum“ (ARD) Mit dem Oldtimer durchs heutige Amerika

Der Dokumentarfilmer Eugene Jarecki reiste auf den Spuren von Elvis Presley im „Rock ‘n‘ Rolls Royce“ durch die USA und schuf für die ARD einen originellen Essayfilm.

Elvis - The King
Emilie Condamime in Las Vegas, Nevada. Foto: NDR/David Kuhn

Über Koproduktionen ist das deutsche Fernsehen häufiger mit dem internationalen Filmgeschehen verquickt als gemeinhin öffentlich wird. Aber dieses Aufgebot an bekannten Namen vor und hinter der Kamera ist schon etwas Besonderes. Hinter dem von deutschen Sendern koproduzierten Filmessay „The King - Elvis und der amerikanische Traum“ des Autors und Regisseurs Eugene Jarecki stehen zum Beispiel als Ausführende Produzenten die renommierten Regisseure Steven Soderbergh und Errol Morris sowie die Musikerin Rosanne Cash. Als Mitwirkende konnte Jarecki unter anderem die Schauspieler Alec Baldwin, Mike Myers und Ashton Kutcher sowie Musiker wie John Hiatt, Emmylou Harris und Chuck D gewinnen. Ethan Hawke fungierte als Produzent und ist auch im Bild zu sehen.

Wie er an die Luxuslimousine gelangte, lässt Jarecki offen – jedenfalls stand ihm ein 1963er Rolls Royce aus dem Besitz von Elvis Presley zur Verfügung. Der Oldtimer wurde mit Kameras bestückt und von Jarecki auf den Spuren des „Kings“ auf einer großen Rundfahrt durch die USA gelenkt. Das hätte nun eines dieser leicht wehmütigen, schwer nostalgischen dokumentarischen Roadmovies werden können. Es gibt viele davon – auf den Spuren von „Easy Rider“, Jack Kerouac, Bob Dylan … Ob es so geplant war oder sich erst aus dem Schnittmaterial ergab, lässt sich dem Film nicht entnehmen. Jedenfalls beschränkt sich Jarecki nicht auf eine Reisereportage in farbsatten Bildern, sondern verfolgt den zunächst einmal abenteuerlich klingenden Gedanken, die Biografie Elvis Presleys mit der Geschichte der USA abzustimmen. In Armut geboren, aus eigener Kraft aufgestiegen zu weltweitem Ruhm. Dem Geld erlegen, die Ideale verloren, in Agonie verfallen.

Eine verwegene Analogie, aber Jarecki findet Belege, die sie stützen. Die Reise beginnt in Tupelo, einer Kleinstadt im Bundesstaat Mississippi, von der nie jemand gehört hätte, wäre nicht der spätere Weltstar Elvis Presley dort geboren worden. Ein Umstand, der Tupelo heute touristischen Zulauf beschert. Klingt nach guten Geschäften, aber Jarecki hält gleich mal einen bitteren Tropfen bereit: Eine der Fremdenführerinnen berichtet, dass sie von ihrem Job nicht leben kann. Einen anderen findet sie nicht. Nur die Rente aus ihrer Militärzeit hält sie über Wasser. Ansonsten wäre sie obdachlos.

Auch die Presleys mit dem kleinen Sohn Elvis hätten beinahe auf der Straße gestanden, nachdem der Vater wegen Scheckbetruges ins Gefängnis musste. Im Schwarzenviertel fand sich eine billige Wohnstatt. Hierhin aber gelangen die Pilgerscharen nicht. Jarecki muss sich durchfragen. Die Besitzerin des fraglichen Hauses wusste bis vor kurzem gar nicht, das Elvis Presley dort zeitweilig gelebt hatte.

Immer wieder steigen Fahrgäste zu. Der erste ist James Carville, Politikberater, TV-Persönlichkeit, einst erfolgreicher Wahlkampfmanager Bill Clintons und als solcher Protagonist des Dokumentarfilmklassikers „The War Room“. Einmal mehr beweist Carville sein Talent zur Pointierung: „Jemand hat mal gesagt, wenn Mike Tyson dich trifft, bist du danach nicht mehr derselbe. So ist es Amerika mit Elvis ergangen.“ Zum sogenannten „Amerikanischen Traum“ hat er nur fünf Worte zu sagen: „Den gibt es nicht mehr.“

Elvis Presley hat diesen Traum erfahren. Jareckis Reise führt über Parchman, wo Vater Presley im Gefängnis saß, nach Memphis, der Blues- und Soul-Metropole. Früher ein wichtiger Handelsplatz, daher auch Schnittpunkt vieler verschiedener Kulturen. Rapper Chuck D von Public Enemy hat für Schmelztiegelromantik nichts übrig: „Ein Scheißpflaster. Doktor Martin Luther King wurde in Memphis umgebracht, nur weil er gesagt hat, ich bin ein Mensch.“

Einige Stunden ostwärts liegt Nashville. Der großartige Songautor John Hiatt („Riding with the King“ – sic!) nimmt im Fond Platz. Rührung überfällt ihn. „Er war ein armes Muttersöhnchen aus Mississippi. Und dann landet er bei diesem Jahrmarktstypen.“ Gemeint ist Presleys gerissener Manager, Colonel Tom Parker, der seinen Schützling zu einem reichen, aber auch unglücklichen Mann machte.

Die Route beschreibt einen großen Bogen über New York, Detroit, Hollywood, Las Vegas und wieder zurück nach Memphis. Ein Abstecher ohne Rolls Royce führt ins deutsche Bad Nauheim, wo Presley seine Armeezeit verlebte. Jarecki filmt Zufallsbegegnungen, arrangiert aber auch Treffen mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und chauffiert sie ein Stück. Nicht alle tragen Relevantes bei, die eine oder andere Szene ist verzichtbar. Der Schnitt gerät mitunter unausgewogen und weckt passagenweise den Eindruck, als hätte sich Jarecki für die Passanten nur beiläufig interessiert. Über einige Personen hätte man gern mehr erfahren. Andererseits erscheint auch die prominente Country-Sängerin Rosanne Cash nur kurz im Bild. Offenbar fielen weitere Szenen der Schere zum Opfer.

Musikalische Beiträge, ebenfalls im Rolls gefilmt, runden den Film ab, der zudem mit einer assoziativen Montage aufwartet. Jarecki erlaubt sich da zuweilen gewagte Vergleiche, so wenn er auf der visuellen Ebene Elvis Presleys erstes New Yorker Konzert mit der Präsentation des Riesengorillas King Kong aus dem Filmklassiker von 1933 gleichsetzt. Provokant, aber durchaus schlüssig.

Solche Collagen machen den Film trotz einiger Längen und Redundanzen sehenswert. Er unterhält – und sagt am Ende tatsächlich etwas aus über den Weg, den die USA in den letzten siebzig Jahren genommen haben.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen