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„The Coroner“, ZDFneo Das Böse unter der Sonne Devons

Auch die Briten lieben Regionalkrimis. Die in Agatha Christies Heimatregion Devon angesiedelte Serie „The Coroner“ kommt jetzt auch nach Deutschland.

The Coroner
Die clevere Jane Kennedy (Claire Goose) arbeitet als Coroner in ihrer Heimatstadt Lighthaven und löst zusammen mit ihrer alten Jugendliebe DS Davey Higgins (Matt Bardock) verschiedene Kriminalfälle. Foto: ZDF/Mike Hogan

John Nettles, ehemals Hauptdarsteller der Erfolgsserien „Bergerac“ und „Inspector Barnaby“, lästerte einmal, britische Fernsehkrimis müssten am Meer spielen, dann käme der Erfolg ganz von allein. In der Entwicklungsabteilung von BBC Birmingham scheint man diese Erkenntnis beherzigt zu haben. Die dort entwickelte, von der Autorin Sally Abbott ausgearbeitete Krimiserie „The Coroner“ wurde im südwestlichen England, in Devon, angesiedelt, in einem fiktiven Städtchen namens Lighthaven. Kaum eine Folge, in der nicht die Kamera über die See Richtung Küste fliegt. Viele Episoden haben maritime Themen – dubiose Geschäfte bei Seebestattungen, Strandräuberei, Schatzsuche. Und gleich in der ersten Folge stürzt ein 16-Jähriger von einem Leuchtturm.

Die Umstände des Todes sind unklar, und in solchen Fällen tritt in Großbritannien ein Coroner in die Ermittlungen ein. Anders als verschiedentlich zu lesen war, ist ein Coroner kein Rechtsmediziner. Vielmehr übt die Person ein juristisches Amt aus. Sie kann über eine Ausbildung in forensischer Medizin verfügen, aber das ist nicht verpflichtend. Coroner sind damit betraut, die Anliegen der Krone – die Berufsbezeichnung geht zurück auf „The Crown“ – und die Interessen der Toten zu wahren. Sie arbeiten an der Seite der Polizei, aber nicht in Diensten der Strafverfolgung.

In der Serie „The Coroner“ geht Jane Kennedy (Claire Goose) dieser Aufgabe nach. Sie ist Juristin und nach einer gescheiterten Ehe mit ihrer gelegentlich rebellischen, aber noch einigermaßen erträglichen 15-jährigen Tochter Beth (Grace Hogg-Robinson) aus London ins stillere Lighthaven heimgekehrt, wo sie mit ihrer Mutter Judith (Beatie Edney) unter einem Dach lebt. Judith ist eine quirlige, fidele Person, die ihre Liaison mit dem gemütlichen Pub-Wirt Mick Sturrock (Ivan Kaye) freizügig und mit jugendlicher Verve auslebt. Judith kann anstrengend sein und hält nicht viel von Diskretion, weshalb ihre Tochter zeitweilig mit dem Gedanken spielt, das mütterliche Nest ein weiteres Mal zu verlassen.

Wenn Jane Kennedy zu einem nicht auf Anhieb erklärbaren Todesfall gerufen wird, arbeitet sie mit Detective Sergeant Davey Higgins (Matt Bardock) zusammen. Eine pikante Kombination, denn beide waren als Jugendliche ein Paar. Ein ums andere Mal keimt die alte Zuneigung wieder auf, gewisse Zögerlichkeiten und Verlegenheiten im Umgang lassen erkennen, dass die Beziehung nicht ausschließlich auf Kollegialität beruht. Man sorgt sich spürbar umeinander, und es kommt auch mal zu kleinen Eifersüchteleien, die durch freundschaftliche Frotzeleien überspielt werden.

Serie mit Meerblick

„The Coroner“ entstand für das Tagesprogramm der BBC, wo die Serie am frühen Nachmittag ausgestrahlt wurde. Nachmittagsserien müssen mit kleineren Budgets auskommen als Prime-Time-Sendungen, aber das sieht man dieser Produktion nicht an. Wohl aber die vom Sender gewünschte Leichtigkeit, die sich vor allem in den flotten und gewitzten Dialogen niederschlägt. Erklärtermaßen diente der Serienklassiker „Das Modell und der Schnüffler“ als Vorbild. Und „The Coroner“ ist eine „Schön-Wetter-Serie“. Glaubt man den Bildern, scheint in Devon ständig die Sonne. Was, wie England-Reisende wissen, so nicht zutrifft.

Schon in den Drehbüchern ist verankert, die Schönheit dieses Landstrichs herauszustellen; die Protagonisten halten sich auffällig oft im Freien auf. Jane Kennedys Ermittlungen führen sie an Strände und Steilklippen, in mondäne Villen mit Blick übers Meer oder in prächtige Anwesen, wie man sie aus den Pilcher-Verfilmungen des ZDF kennt. Besprechungen ereignen sich an der kopfsteingepflasterten Promenade am Dart-Ufer, im Biergarten des fiktiven Pubs „The Black Dog Inn“, vor historischen Tudor-Fassaden. Tatsächlich wurden, ähnlich praktizieren es die Produzenten der Erfolgsserie „Inspector Barnaby“, attraktive Drehorte in ganz Devon und Cornwall gesucht und im Schnittraum zu der fiktiven Kleinstadt Lighthaven zusammengefügt. Die Dreharbeiten fanden außerhalb der Saison statt, bevor Straßen und Strände von Urlaubern bevölkert werden. Die lokale Tourismusbranche freut’s: Im Zuge der Erstausstrahlung, so berichten britische Medien, stiegen die Zugriffe auf die einschlägigen Web-Seiten um 40 Prozent.

Im Reich der Krimikönigin

Im Zentrum des Geschehens stehen zwei reale Orte. Jane Kennedys Dienststelle befindet sich in Dartmouth, das direkt am Strand gelegene Haus ihrer Mutter im kleinen Badeörtchen Hope Cove, das nicht zum ersten Mal im Film erscheint – Mitte der 1980er entstanden hier die Außenaufnahmen für die Kultkomödie „Supergrass“. In Dartmouth wandeln Jane Kennedy und der bodenständige Davey Higgins – zumindest aus der Warte eingefleischter Krimifans – auf geweihtem Boden: Hoch über der Mündung des Dart liegt in einem weitläufigen Park Greenway Estate, der Landsitz Agatha Christies, der 2009 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.

Die 1976 verstorbene Königin des deduktiven Krimis fand in der Region viele Anregungen für ihre Romane, nahbei in ihrer Geburtsstadt Torquay, nebenan in Churston, auch in Bigbury-on-Sea mit der vorgelagerten Halbinsel Burgh Island, Vorbild für die Inseln in den Christie-Bestsellern „Und dann gabs keines mehr“ und „Das Böse unter der Sonne“. Manche der jeweils in sich abgeschlossenen Episoden von „The Coroner“ atmen ein wenig vom Geist Agatha Christies. Und enthalten sogar Anspielungen für Kenner. So beginnt Folge 2 mit einem Leichenfund am Strand von Bigbury-on-Sea, vor dem Hintergrund eben von Burgh Island, einer Pilgerstätte für Christie-Fans aus aller Welt. In Staffel 2 rückt Burgh Island erneut und etwas ausgiebiger ins Bild.

Die Kriminalfälle in „The Coroner“ – nicht immer handelt es sich um Mord – sind oft ein wenig skurril, die Ermittlungsmethoden konventionell. Dennoch wirkt die Serie nicht altbacken, die Verteilung der Geschlechterrollen und die Themen sind zeitgemäß, und gelegentlich wagen sich die Autoren sogar an die Tagespolitik heran, wenn es um die Schicksale von Flüchtlingen geht und darum, wer von illegalem Menschenschmuggel profitiert.

„The Coroner“ erreichte im Heimatland außergewöhnlich hohe Zuschauerzahlen und wurde mehrfach ins Ausland, unter anderem nach Australien, verkauft. Dennoch entschied die BBC, die Serie nach der zweiten Staffel, die ZDFneo ebenfalls ausstrahlen wird, einzustellen. Womit der Sender einen heftigen Proteststurm auslöste. Vielleicht ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

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