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„Teurer Wohnen“, ZDF „Für urbane Freigeister“

Die Reportage aus der „Frontal“-Redaktion beschreibt die Gründe für die Explosion der städtischen Mieten und die Folgen für die Mieter.

„Teurer Wohnen“
Wolfgang Hoth (81) wohnt seit 40 Jahren im Haus in der Lützowstraße in Berlin-Tiergarten. Jetzt soll sich seine Miete fast verdoppeln. Foto: ZDF/Ken Kabelitz

Im November letzten Jahres hat die ZDF-Reihe „37 Grad“ drei Familien vorgestellt, die sich das Leben in der Stadt nicht mehr leisten konnten; „Zu teuer, zu klein, schon weg“ hieß die Reportage. „Es ist überall dasselbe“, hieß es damals: „In den Metropolen spielen die Mietpreise verrückt. In den vergangenen Jahren sind sie geradezu explodiert.“ Die Redaktion von „Frontal 21“ reicht nun mit „Teurer Wohnen“ einen der Hauptgründe für eine Entwicklung nach, die vor dreißig Jahren eingesetzt hat. Damals begann die Regierung Kohl, sich aus dem sozialen Wohnungsbau zurückzuziehen. Die neoliberale Überzeugung, der Markt werde es schon richten, entpuppt sich im Nachhinein als fatale Fehlentscheidung, für die die Mieter, die auf Unterstützung angewiesen sind, nun büßen müssen.

Das Reporterteam rund um das federführende Autorenpaar Martina Morawietz und Michael Haselrieder hat zwölf Monate lang mehrfach die Bewohner eines Hauses in der Berliner Lützowstraße besucht. Nach vier Jahrzehnten ist dort 2017 die Mietpreisbindung gefallen; der Besitzer, eine Investorengruppe, darf jetzt die ortsüblichen Mieten verlangen. Das Haus im Bezirk Tiergarten und somit in bester Lage wird derzeit grundsaniert; anschließend werden die Mieten selbstredend erheblich steigen. „Leben heißt Veränderung“, heißt es fast schon zynisch im entsprechenden Schreiben an die Hausbewohner, die ein Modernisierungszuschlag von 74 Prozent erwartet.

Die Besitzer spekulieren darauf, dass die Wohnungen für „urbane Freigeister“ frei werden, wie es auf ihrer Website heißt. Als das „Frontal“-Team im Juni das letzte Mal in der Lützowstraße war, hatten die meisten Mieter das Haus bereits verlassen. Protagonisten der Reportage sind diejenigen, die sich nicht vertreiben lassen wollen; kein Wunder, dass sie mit ihrem Mut zum Widerstand an die unbeugsamen Gallier aus den „Asterix“-Comics erinnern.

Während sich „37 Grad“ sonst gern auf einzelne Schicksale konzentriert und das große Ganze dabei meist ausspart, sorgen Morawietz und Haselrieder auch für das nötige Hintergrundwissen. In anschaulichen Grafiken verdeutlichen sie die großstädtischen Entwicklungen der letzten Jahre: Die Mieten steigen, die Zahl der Sozialwohnungen nimmt ab. Gesprächspartner aus verschiedenen Fachbereichen erläutern, warum die politischen Gegenmaßnahmen verpuffen: weil beispielsweise die Mittel für die von der Bundesregierung ausgerufene „Wohnraumoffensive“ viel zu niedrig seien. Wirkungslos sei auch die sogenannte Mietpreisbremse.

Sie besagt, dass Mieten in einem angespannten Wohnungsmarkt höchstens zehn Prozent über der ortsüblichen Vergleichsmiete liegen dürfe. Das könne aber nicht funktionieren, wenn sich viele Menschen schon diese Vergleichsmieten gar nicht leisten könnten. Als Alternative stellen Morawietz und Haselrieder das „Münsteraner Modell“ vor: In der ostwestfälischen Stadt werden städtische Grundstücke nur an Investoren vergeben, die eine niedrige Startmiete garantieren.

Bei allem Respekt vor dem Engagement der Autoren, die den Betroffenen in der Lützowstraße im Verlauf der diversen Besuche sicher näher gekommen sind, als das üblicherweise der Fall ist: Wie so viele Reportagen dieser Art enthält auch „Teurer Wohnen“ ein paar Aspekte, die überflüssig sind oder den optischen Erzählfluss stören. Ein Frühjahrsausflug an die Côte d’Azur zur Immobilienmesse in Cannes hat zwar sicher Spaß gemacht, aber sein Beitrag zur Wahrheitsfindung ist doch recht überschaubar.

Das völlig unergiebige Interview mit der zuständigen Wohnungsbausenatorin Katrin Lompscher (Die Linke) hätte sich sicher auch in Berlin führen lassen und wäre dann womöglich ergiebiger gewesen. Immer wieder blödsinnig, aber als Stilmittel nicht auszurotten sind auch die gänzlich unnötigen Zwischenschnitte auf die Hände eines Gesprächspartners. Vermutlich sollen die Gesten für ein wenig optische Dynamik sorgen, deshalb werden Interviews auch gern beim Autofahren geführt. Das ging diesmal natürlich nicht, schließlich ist ja die Botschaft des Films, dass die Menschen ihre Wohnungen nicht verlassen wollen. Zum Glück gibt es noch so ein Versatzstück: die Zubereitung des Mittag- oder Abendessens.

Dabei hat die Reportage solche Tricks ebenso wenig nötig wie die Suggestivfragen („Und war das für sie ein Schock?“), denn einige der Mieter sind interessante Persönlichkeiten, deren Schicksal automatisch zur Empathie anregt. Die Maßnahmen der Hausverwaltung wirken ohnehin schikanös: Wer sich nicht vertreiben lassen wollte, musste damit leben, dass es regelmäßig kein Wasser gab oder dass im Winter die Heizung ausfiel; der Aufzug ist ohnehin ständig außer Betrieb. Kurz vor Weihnachten kam die Ankündigung, dass die Toiletten ab Januar nicht mehr benutzt werden dürften;  als Alternative haben die Hausbesitzer auf dem Parkplatz Dixie-Klos aufgestellt.

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