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„Tempel“, ZDFneo Rausch im roten Licht

Irrungen und Wirrungen eines braven Boxers: „Tempel“, die erste Dramaserie von ZDFneo, ist misslungen.

Hauptsache fahle Farben: Mark (Ken Duken) und seine Frau Sandra (Chiara Schoras). Foto: ZDF/Christian Stangassinger

Mark Tempel ist Altenpfleger und rast mit seinem Kastenwagen von einem Patienten zum nächsten durch ein buntes, schäbiges, lebendiges Berlin. Mark Tempel, gespielt von Ken Duken, ist aber eigentlich Boxer, nur musste er seiner Frau einst versprechen, aus dem Milieu auszusteigen. Nun steigt er wieder ein, denn während seiner Abwesenheit haben vermummte Schläger seine Wohnung zwecks Entmietung zertrümmert, darunter auch die Geige seiner Tochter Juni. Die wollte aber anderntags die Aufnahmeprüfung zur Musikschule absolvieren. Tempel braucht Geld für ein neues Instrument, und sein ehemaliger Mentor Jakob, Boxclub-Besitzer und Kiezgröße, gibt ihm die Chance zu einem Kampf. Tempel nutzt sie, aber mit dem Comeback kehren auch die Geister der Vergangenheit zurück.

So beginnt die Geschichte der Drehbuchautorin Conni Lubek. Sie will von einem heutigen Berlin und dem harten Alltag der Stadt erzählen, von Immobilienhaien, prekären Jobs und der Schattenseite der Metropole, hier in Rotlicht getaucht – und damit doch wieder von gestern. Vor allem aber interessiert sich Lubek, bekannt durch Blog und Bücher zum Thema Liebe, für die Familie Mark Tempels. Gattin Sandra sitzt im Rollstuhl, zwar liegt das Eheleben darnieder, aber die Liebe blüht nach wie vor. Umso überraschender, dass sich Sandra umstandslos auf einen anderen Mann einlässt.

Das ist nicht Tempels einziges Problem: Die Tochter, gerade 17, ist schwanger. Die ehemalige Geliebte, noch immer im Bordell, macht Avancen. Jakob will den Heimkehrer als Nachfolger installieren. Ihr Rachefeldzug gegen die Vandalen bleibt nicht ohne Folgen, zu denen eine Leiche gehört: der Bruder des Immobilienhais Milan (auch hier ist der Schurke wieder ein Balkanese).

Mord und Totschlag und mehr

Autorin Lubek knüpft ein paar Knoten zu viel, um sie in den gerade mal sechs halbstündigen Folgen wieder entwirren zu können: Wohnungsnot und Spekulanten, Sterbehilfe und Mord & Totschlag, Ehebruch und Teenager-Sex, Prostitution und Pflegedienst ... Und so geraten die Irrungen und Wirrungen des braven Boxers bisweilen zu unfreiwilligem Slapstick, etwa wenn er die Beseitigung des Toten mit der Sterbehilfe für eine seiner Kundinnen zu verbinden sucht. Über Feinheiten wie Logik und Realismus – Polizei scheint in Berlin nicht zu existieren – sieht Lubek großzügig hinweg.

Regisseur Philipp Leinemann überspielt die Lücken mit Fokussierung auf die Figuren und Christian Stangassingers variabler Kamera, die das Geschehen meist in schmutzige, düstere Farbtöne taucht. Nur das Rotlichtmilieu darf leuchten, ist aber von Klischees infiziert. Das gilt gleichfalls für die aufdringliche Musik von Boris Bojadzhiev. Vor einigen Jahren hat Dominik Grafs „Hotte im Paradies“ (2002) gezeigt, dass man die Halbwelt auch mit Ironie und Distanz zum Gegenstand zeigen kann.

Vielleicht hätten sich Regie und Buch mehr auf das raue Leben im Kiez konzentrieren sollen. Die stärkste Szene ist eine Brandrede von Thomas Thiemes Jakob, der seine Existenz als Clubbesitzer bedroht sieht und über die Gentrifizierung herzieht: Es zögen immer mehr dieser „arschlosen körnerfressenden Yoga-Fotzen“ ins Viertel, um bald darauf eine Bürgerinitiative gegen Veränderung zu gründen, ohne zu begreifen, dass sie selbst diese Veränderung seien. Daraus hätte sich doch eine Geschichte machen lassen. So ist die erste „Dramaserie“ von ZDFneo misslungen. Der Sender plant aber, das zeigt der Schluss der sechsten Folge, eine Fortsetzung. Kann er sich sparen.

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