Lade Inhalte...

„Tatort: Zwei Leben“, ARD Statt Kammerspiel nur Krimi-Klischees

Der halbherzige Schweiz-Tatort „Zwei Leben“ wird schnell zu einem sehr berechenbaren Krimi - mit einem Ende, das ein pures und daher ärgerliches Klischee ist.

Tatort: Zwei Leben
Noch entspannt: Die Kommissarin und die Technikspezialistin. Foto: ARD Degeto/SRF/D/Winkler

Für eine Weile schafft es der neue Schweizer Tatort „Zwei Leben“, den Eindruck zu erwecken, dass er andere als die üblichen Krimiwendungen nehmen will. Zwar ist nicht wirklich zu erwarten, dass der ältere Mann, der von einer Autobahnbrücke vor einen Bus springt, sich das Leben genommen hat. (Und schon findet die Gerichtsmedizin heraus, dass er zu einem selbstbestimmten Handeln viel zu viele sedierende Benzodiazepine im Blut hatte.) Aber dann nimmt sich dieser Tatort – nach einem Buch von Felix Benesch und Mats Frey, in der Regie von Walter Weber – scheinbar alle Zeit der Welt, um die dramatischen psychischen Auswirkungen auf den Busfahrer zu zeigen, dem just ein Mensch auf die Scheibe klatschte.

Michael Neuenschwanger spielt diesen Fernbusfahrer namens Beni Gisler als einen rechtschaffenen Malocher, der sich aber vom Schicksal verfolgt fühlt, mittlerweile fühlen muss. Er war Lokfahrer, zwei Mal ist ihm jemand vor den Zug gesprungen, beziehungsweise hat sich eine junge Frau auf die Gleise gestellt, ihn sogar angesehen und er konnte nichts machen. Zu langer Bremsweg. Danach hat er angefangen zu trinken, zerbrach seine Familie. Er riss sich zusammen, schulte um auf Busfahrer, fand eine Stelle. Nicht alles – er ist eben nun allein, wenn er nach Hause kommt –, aber einiges war wieder gut.

Aber diesen neuen Toten vor seinem Fahrzeug, das erträgt er nicht mehr. Ein Zeuge, ein Autofahrer hinter dem Bus, filmt, wie Beni Gisler schreiend und tobend nach dem blutigen Körper tritt. Nun soll er auch seinen Busfahrer-Job wieder verlieren. Beni Gisler versteht die Welt nicht mehr; und das kann man verstehen. Er schwört, sich an dem Mörder zu rächen, der den Mann von der Brücke und auf seinen Bus gestoßen hat.

Schnell zurück im Klischee

Nicht erst da schwenkt „Zwei Leben“ wieder auf die Bahn eines durchschnittlichen Tatorts ein. Der Ermordete hat zunächst keine Identität, dann stellt sich heraus, dass er angeblich – unter anderem Namen – seit Jahren tot, jedenfalls für tot erklärt ist, verschwunden beim großen Tsunami. Frau und Sohn des ehemaligen Bauunternehmers beteuern gegen allen Anschein, der Tote sei nicht der Ehemann/Vater. Das ist schon mal immens verdächtig.

Anders als der fabelhafte Stuttgart-Tatort „Stau“ vom vergangenen Sonntag traut sich dieser Schweiz-Krimi dann nicht, die übliche Ermittlerroutine drastisch runterzufahren zugunsten eines psychologischen Kammerspiels. Finanzen werden durchleuchtet, DNA-Proben genommen, Verwandte und Bekannte befragt. Verbindungsdaten beschafft. Und Beni Gisler soll sich jetzt doch bitte mal zu erinnern versuchen, was er eigentlich auf der Brücke gesehen hat. Die Psychologin möge dabei helfen.

Kommissarin Liz Ritschard (Delia Mayer) ist frisch verliebt und ein bisschen mit der Hoffnung auf eine Beziehung beschäftigt, wundert sich ansonsten diesmal überwiegend vom Rand aus über unprofessionelle Seltsamkeiten ihres Kollegen. Reto Flückiger wiederum ist deswegen ein bisschen seltsam, weil er Beni Gisler aus der Militärzeit kennt und nicht die übliche dienstliche Distanz herstellen will oder kann. Stefan Gubser zeigt also einen, der einen Schritt vor und einen zurück macht, der sich kümmern und doch auch korrekt sein will. Das hat feine Zwischentöne, auch wenn dieser Flückiger in seiner fahrigen Hilflosigkeit manchmal wirkt wie von der Regie bestellt und nicht abgeholt.

Aber zunehmend wird „Zwei Leben“ nicht nur zu einem normalen, sondern auch einem eigentümlich berechenbaren Krimi, mit einer Auflösung, die pures, eigentlich sogar ein wenig ärgerliches Klischee ist. Es ist, als hätten sich seine Macher am Ende nicht getraut, das Fernsehpublikum einmal richtig zu überraschen.

„Tatort: Zwei Leben“,
ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum