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„Tatort: Tschiller – Off Duty“ Eilen, leiden, lachen

1. UpdateDer kindsköpfige Kino-Tatort „Tschiller – Off Duty“ Mit Til Schweiger ist jetzt auch im Fernsehen zu sehen.

Tatort: Tschiller - Off Duty
Til Schweiger als Tschiller in Aktion. Foto: NDR Presse und Information

Die Kindsköpfigkeit der Tatort-Kinofolge „Tschiller – Off Duty“ von 2015, die jetzt im Sommer die tatortlose Zeit mit einem 130-Minüter gar nicht so kurz unterbricht, besteht vor allem im „24“-Spielen Til Schweigers. Tschillers (und Schweigers) Tochter, Luna Schweiger, baut wie Jack Bauers Tochter Kim ziemlichen Mist. Mit drei, nein, zwei Minuten Nachdenken wäre das nicht passiert. Nun gerät sie sofort in die Hände international operierender Mädchen- und Organhändler und in Gefahren, die man sich am Anfang in dieser Form gar nicht vorstellen kann. 

Tschiller, gegenwärtig nicht im Dienst, lässt keinen Zweifel daran, dass er sie retten wird. Dafür reibt er sich fürchterlich auf, wird verhauen und gepiesackt und flüchtig notärztlich versorgt (wenn es wirklich ein Notarzt ist, kann er noch von Glück reden). Denn Eile ist das höchste Gebot. Immer wieder ist der Aufwand auch erheblich. Es ist dabei von großem Vorteil, dass er praktisch untreffbar ist, wenn Schusswechsel über den Dächern von Istanbul toben.

Die Familie ist ihm im Prinzip das Höchste 

Aber es gibt auch komplexere Aufgaben: Den drehenden Teil eines Mähdreschers von einem Auto aus in voller Fahrt zu überspringen, sich im und am Gehäuse der landwirtschaftlichen Maschine stundenlang mit einem extrem muskulösen Mann zu schlagen, während alles immer weiter braust und im längst schrägstehenden Auto vorne der beste Freund und eine Audrey-Hepburn-artige Helferin bald zerquetscht oder zerraspelt werden könnten. Oder natürlich beides. Die Szene endet dann entspannt und Aufsehen erregend mit der Fahrt auf dem Mähdrescher durch Moskau. 

Denn mit Jack Bauer hat Tschiller auch gemeinsam, dass ihm die Familie im Prinzip das Höchste ist, dass er sich aber dennoch irgendwie nicht richtig um sie kümmern kann. Es geht immer erst dann, wenn die Dinge schon eskalieren, man könnte auch sagen: Wenn er das Berufliche mit dem Privaten sinnvoll und actionhaltig verbinden kann. Tschiller würde das natürlich nicht so sehen, da er „off duty“ ist und außerdem kein Actionheld, sondern ein Schmerzensmann. 

Ein gut gebauter Schmerzensmann, wie man, ob man will oder nicht, im Verlauf der insgesamt aber jugendfreien Handlung immer wieder feststellen wird. Zu seinem sympathischen, nur scheinbar etwas schläfrigem Freund Yalcin Gümer, Fahri Yardim, hat er ein ironisches Verhältnis, wie es unter Männern in Filmen ganz gerne dargestellt wird. Tschiller fotografiert Gümer nackt in prekärer Lage, Gümer greift Tschiller an den Hintern. Sagt der eine: Ich hab dich lieb, sagt der andere nach einem Weilchen: Ich dich auch. Man hört das Kinopublikum kichern, und es ist ein pennälerhaftes Kichern, so dass einem selbst vielleicht psychologisierend und skeptisch ums Herz wird. Und die Frage aufkommt, was genau daran eigentlich komisch ist. 

Auch interessiert man sich als Tatort-Zuschauer und Literaturinteressierter eher für den Sandmann genannten Schurken. Christoph Darnstädt (Buch) und Christian Alvart (Regie), von denen auch alle vier Fernseh-Tschiller-Folgen sind, gehen aber mit der Thriller-Handlung in Maßen raffiniert um. Das Ausmaß, in dem es darum geht, Tschiller in Szene zu setzen und sonst gar nichts, wird zum Beispiel deutlich, wenn der Sandmann sich endlich zeigt, und man kann es glatt verpassen. 

Ein weiterer schlimmer Verbrecher, der interessant sein könnte und penetrant pfeift, liefert sich ebenfalls ein Showdown mit den Fäusten, was angesichts seiner zierlichen Statur ein Kuriosum darstellt. Er entwischt sogar noch einmal. Das Gute muss selbst in der Gestalt Tschillers in Wallung sein, um das Böse zu besiegen.

Die Orte sind international (Istanbul, Moskau) und chic (ein Boxstudio, eine Yacht, glamouröse Partys). Manchmal wird es kurz politisch – „Die Türkei verändert sich“ –, und während die Hatz schon weiter geht, vorbei an Dutzenden frischoperierten Frauen, hört man noch jemanden rufen, dass man die Polizei und den Krankenwagen rufen müsse. Es ist schon so, dass Tschiller nach rechts und links schauen kann, den Krankenwagen will allerdings Gümer bestellen. Man hat zwischen dem einen und dem nächsten Geballer Zeit, auf Details zu achten, so viele Details sind es aber gar nicht. 

 

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