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Tatort "Totenstille" Gut gemeint, schlecht gemacht

Erneut kann der saarländische Tatort nicht überzeugen. Der Saarbrücken-Krimi „Totenstille“ meint es gut, ist seinen Figuren gegenüber aber erstaunlich gleichgültig.

Übt heimlich Gebärdensprache: Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow). Foto: SR/Manuela Meyer

Schon lange nicht mehr hat es ein „Tatort“ so gut gemeint und so schlecht gemacht wie dieser mit dem Titel „Totenstille“. In jeder dritten Szene reckt und streckt er sich nach dem Prädikat „besonders wertvoll“, weil er doch so toll über eine Minderheit informiert: die Gehörlosen.

Zuerst lernen wir mit Kriminalhauptkommissar Stellbrink, Devid Striesow, dass man nicht „taubstumm“ sagt. Dann, dass die Gebärdensprache eine eigene, anspruchsvolle Sprache ist. Oh ja. Und dass manchen Gehörlosen mit einem Implantat ein wenig geholfen werden kann; dass andere, denen vielleicht geholfen werden könnte, das aber aus Überzeugung ablehnen.

Wir lernen, weiterhin im Schlepptau des Kommissars, dass Gehörlose tanzen können, wenn die Musik nur ordentlich laut ist und also der Boden vibriert. Man meint, Peter Probst (Buch) und Zoltan Spirandelli (Regie) müssen sich in „Totenstille“ zuallererst überlegt haben, welche Informationen über Gehörlose sie an welcher Stelle unterbringen – und dann erst, wie daraus ein guter Krimi werden kann.

Eine erstaunlich dröge Sache aber ist dieser Saarbrücken-Tatort, weil er sich am Ende für nichts und niemanden wirklich interessiert.

Da gibt es den Mann, der mit seiner Ex fremdgeht und das Zerbrechen seiner Familie fürchten muss, als die Ex beim Sex stirbt. Er wird abgefertigt mit „Hören Sie auf mit dieser Jammernummer!“ – vom sonst doch dezenten Stellbrink. Da gibt es den jungen Mann, der, wenn wir es richtig verstanden haben, in die Fremdenlegion gegangen ist, weil es angeblich „die Hölle“ war mit einer gehörlosen Schwester.

Seine Eltern haben ihn außerdem irgendwann für tot erklären lassen, der Sohn spricht von „ausradiert“. Das nimmt der Kommissar so hin. Die Mutter verdrückt ein Tränchen und sagt, sie könne nicht mehr schlafen.

Es gibt eine Tote (aus Versehen bzw. Überanstrengung bzw. Drogenkonsum), eine zweite Tote (tatsächlich ermordet), eine Erpressung. Kommissar Stellbrink hat aber noch Zeit, die Gebärdensprache zu lernen und sich in Gehörlose einzufühlen, indem er mit Kopfhörer rumrennt: „Ich muss doch unseren Tatverdächtigen verstehen“, sagt er zur Kollegin Marx, Elisabeth Brück. Es ist zum Augenrollen.

Die Dialoge bewegen sich auf dem Niveau von: „Ist ja krass.“ – „Willkommen in der Mordkommission.“ Witze gehen etwa so: „Wir gucken Filme immer ohne Frauen.“ (Es geht um die Auswertung von Überwachungskameras. Dagegen ist die Komik im Münsterschen Tatort geradezu brillant.) Und das Lernen der Gebärdensprache geht etwa so: „Ist ja einfach. Winke winke.“ Und Striesow macht winke winke. Na dann.

Gewiss hat dieser Tatort die Oberflächlichkeit nicht erfunden. Gewiss ist er bei weitem nicht der einzige, der Angehörige eines Ermordeten auftreten lässt, als wäre ihre Seele abwaschbar. Und „Totenstille“ könnte nicht mit so vielen Klischees jonglieren – in Wort und Tat –, wenn diese Klischees nicht seit Sonntagabendkrimijahren schon etabliert wären. Aber hatte es nicht beim Antritt von Devid Striesow in Saarbrücken den Anschein, man wolle sich mit einem Vespa-fahrenden, Yoga-treibenden Kommissar auf neues Ermittlerterrain begeben? Nur die Vespa gibt’s noch.

Tatort: Totenstille, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr.

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