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„Unter Verdacht: Betongold“, Arte Kartell des Schweigens

In dem fesselnd gespielten Krimi führt ein vermeintlicher Selbstmord in die Abgründe des Baumilieus.

05.02.2016 07:27
Tilmann P. Gangloff
Feinde fürs Leben: Monika Weißhaupt (Saskia Vester) und Ministerialdirigent Lindengruber (Tim Seyfi) Foto: ZDF / © ZDF/Barbara Bauriedl

Es gehört zum Muster der stets vorzüglichen Filme aus der ZDF-Reihe „Unter Verdacht“, dass den Ermittlern regelmäßig nur die kleinen Fische ins Netz gehen; die eigentlichen Drahtzieher, die nicht selten in den bayerischen Ministerien sitzen, kommen meist ungeschoren davon. „Betongold“ ist der 25. Fall für das Duo Eva Prohacek und André Langner (Senta Berger, Rudolf Krause) aus der Abteilung Interne Ermittlung. Der Mann, der im Hintergrund die Fäden zieht, an denen unter anderem auch Abteilungsleiter Claus Reiter (Gerd Anthoff) zappelt, ist ein Ministerialdirigent, den Tim Seyfi fast schon hingebungsvoll maliziös verkörpert.

Die Leiterin des Münchener Bauamts ist dem Intriganten schon lange ein Dorn im Auge, und ausgerechnet der Suizid ihres Stellvertreters entpuppt sich als Chance, die ehrgeizige Beamtin abzuschießen: Der Mann hatte sich kaufen lassen, um einen Bauunternehmer (Martin Umbach) großzügig mit öffentlichen Aufträgen zu versorgen. Womöglich hat ihn ja sein schlechtes Gewissen in den Tod getrieben. Prohacek und Langner glauben allerdings nicht an die Selbstmordtheorie, gerade weil dies die für alle Beteiligten praktischste Lösung wäre; aber die Ermittler treffen auf ein Kartell des Schweigens.

Weil „Betongold“ wie fast alle Episoden der Reihe mehr als ein gewöhnlicher TV-Krimi sein will, gibt es viel Erklärungsbedarf. Diesmal geht es um die Missstände in der Bauwirtschaft, angefangen von der Korruption ganz oben bis hin zur Ausbeutung der Arbeiter ganz unten, weil so viele Subunternehmen beschäftigt werden, dass schließlich auch der für diese Dinge zuständige Zoll die Übersicht verliert.

Da das Ermittler-Duo von der Materie genauso wenig versteht wie die meisten Zuschauer, muss ein Zollkollege in Form zweier kleiner Referate erläutern, wie das System funktioniert. Anderswo wird so was leicht zum Spannungskiller, aber Nervenkitzel steht auf der Agenda der „Unter Verdacht“-Macher ohnehin allenfalls an dritter Stelle. Wichtiger ist die Chemie zwischen Prohacek und Langner; ihre gegenseitige Sympathie, die nie in Kumpanei ausartet, äußert sich auch diesmal wieder dank vieler Beiläufigkeiten und schöner Dialoge.

Ebenbürtiger Gegenspieler von Senta Berger und Rudolf Krause ist Samuel Finzi als ebenso schurkischer wie charismatischer Kopf der bulgarischen Bau-Mafia. Angeblich ist Dimitar Zvetanov bloß Polier, tatsächlich jedoch geht er über Leichen. Die Idee, diesen Mann mit Finzi zu besetzen, ist schon allein deshalb brillant, weil er den Verbrecher mit dem gleichen Charme versieht wie seine Sympathieträger etwa aus den „Kokowääh“-Filmen oder die Titelfigur aus der ZDF-Serie „Flemming“; außerdem ist er gebürtiger Bulgare und kann die Rolle entsprechend zweisprachig verkörpern.

Für Rührung sorgt ein Nebenstrang mit einem kleinen bulgarischen Jungen, der dringend eine Herzoperation braucht, weshalb sich sein Vater (Metodi Nontchev), ein Handlanger Zvetanovs, zu einer Verzweiflungstat hinreißen lässt. Wie sich das für einen Paten gehört, hält sein Chef ihm erst mal einen Vortrag über Werte wie Treue und Loyalität, bevor er ihn liquidieren lässt. Auch Finzis Dialoge sind ein Genuss.

Ulrich Zrenner verdeutlicht mit seiner Inszenierung, dass es ihm nicht auf Schauwerte, sondern auf den Inhalt ankommt; die einzige Verfolgungsjagd des Films wirkt daher fast ein wenig halbherzig, genauso wie die Suche von Zvetanovs Killern nach dem kleinen Jungen.

Fesselnd ist der Krimi trotzdem, aber die Spannung ist gewissermaßen subkutaner Natur, zumal Michael Gantenbergs Drehbuch von vornherein keinerlei Zweifel daran lässt, wer in dieser Geschichte die Guten und wer die Bösen sind. Abgesehen vom Sujet sind es vor allem die Schauspieler, die „Betongold“ zu einem besonderen Film machen.

Für das feste Ensemble gilt das ohnehin, aber auch Saskia Vester, gern unterschätzt, weil oft im leichten Fach besetzt, kann hier endlich mal wieder zeigen, dass sie in den sechs Jahren seit „KDD“ meist unterfordert war. 

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