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TV-Kritik: „Tatort: Deckname Kidon“ (ARD) Dinge unter der Hand regeln

Ein iranischer Nuklearwissenschaftler stürzt aus dem Fenster und eine Spezialeinheit des israelischen Mossad mischt auch mit: Der Wiener Tatort dreht nicht zum ersten Mal am großen Weltpolitik- und Verschwörungsrad.

Die Ermittler Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seine Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) platzen in einen Maskenball rein. Foto: ARD Degeto/ORF/Petro Domenigg

Während die deutschen Kollegen aus Weimar ermittlungstechnisch Jahreswechsel-Geisterbahn-Quatsch machten, drehen die Nachbarn aus Wien nicht zum ersten Mal am großen Weltpolitik- und Verschwörungs-Rad.

Ein verdächtig weltläufiger iranischer Nuklearwissenschaftler ist das aus dem Fenster stürzende (vielmehr: gestürzte) Opfer (Teheran – Istanbul – Jakarta – Wien, aber nun eben nicht mehr zurück). Eine Spezialeinheit des israelischen Mossad namens „Kidon“, Bajonett mischt mit. Dazu eine österreichische Firma, die sich aparterweise K + K abkürzt, sowie ein einheimischer Waffenschieber, der sich fein lächelnd als „Landwirt“ ausgibt und mahnt, dem „Wirtschaftsstandort Österreich“ nicht durch Ermittlungseifer zu schaden. Udo Samel macht hier als Johannes Leopold Trachtenfels-Lissé – Jolly für seine Freunde – auch beim Wohltätigkeits-Barock-Maskenball eine hinreißend jovial-schmierige Figur.

Wohltuend nüchtern – obwohl einmal die Frage „hast a Klopfer“? gestellt wird, frei übersetzt: hast du einen Dachschaden? – ermitteln Oberstleutnant Moritz Eisner, Harald Krassnitzer, und Kollegin Bibi Fellner, Adele Neuhauser. Überhaupt gefällt Neuhausers von Fisimatenten freie Figur immer besser. 

Über die Details illegaler Deals (wie kann ein Zug mit „Ventilen“ einfach über die Grenze fahren?) wird von Autor Max Gruber und Regisseur Thomas Roth ein wenig hinweggewischt. Ebenso letztlich über die Frage, warum Eisner und Fellner nonchalant über etwas hinweggehen, was glasklare Selbstjustiz in ihrem schönen und friedlichen Land ist. Weil Mord das kleinere Übel ist? Allerdings ist „Deckname Kidon“ längst nicht mehr der erste TV-Krimi, in dem man eine Rechtfertigung dafür entdecken kann, die Dinge, sagen wir mal, unter der Hand zu regeln. Wie das auch bei Drohneneinsätzen geschieht.

Die Korruption blüht

Nicht zum ersten Mal blüht im „Tatort“-Österreich auch die Korruption. Da glaubt Eisner noch, „ein ganz normaler Trottel aus Krems“ (werden da die Kremser beim ORF anrufen?) habe ihn auf Führerschein und Erste-Hilfe-Kasten kontrolliert, da ist dem Zuschauer schon klar, dass diese penible Fahrzeug-Kontrolle kein Zufall war. Überhaupt ist dem Zuschauer so Einiges vor den Ermittlern klar, aber das macht „Deckname Kidon“ keineswegs zu einem schlechten Krimi.

Großes Kino etwa ist, wie Eisner versucht, den Zug mit den „Ventilen“ dadurch aufzuhalten, dass er sich winkend mitten auf die Gleise stellt. Großes Kino auch, wie Bibi Fellner einen jungen K + K-Arbeiter becirct, mit ihr ein Bier trinken zu gehen. Und wie am Ende der Taxler, auf dessen ehrwürdige Karosse der Nuklearwissenschaftler in den ersten Krimi-Sekunden gekracht war, mit einem nagelneuen „Vollhybrid“-Wagen ankommt, stolz wie Oskar.

Schön vor allem auch, wie man bei den Österreich-„Tatorten“ doch immer ein wenig das Idiom lernen kann; diesmal unter anderem die hübschen Wendungen: „geh, sei ned lustig“ (wenn man doch genau das nicht vorhat) und „da kemma uns brausen gehn“ (sinngemäß: da können wir einpacken). So ist es aber nicht. 

„Tatort: Deckname Kidon“, ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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