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TV-Kritik: „Mordkommission Berlin 1“ Krokodile im Kanal

Sat.1 zeigt einen Krimi über Berlin in den Goldenen Zwanzigern, der auf  Ästhetik setzt, aber an Schwächen des Dehbuchs leidet.

"Mordkommission Berlin 1" auf Sat.1: Ein toter Staatsanwalt im Krokodilbecken, ein inhaftierter Unterweltboss und ein gebrochener Mordkommissar, dessen Schicksal mit beiden verwoben ist: Als Kommissar Paul Lang ermittelt Friedrich Muecke im schillernden Berlin der zwanziger Jahre. Foto: Sat.1/Jan Hromadko

Es ist dunkel im Berlin der zwanziger Jahre. Licht gibt es hier nur in Innenräumen, etwa im Varieté. Das heißt, in Anlehnung an ein reales Hauptstadt-Etablissement, „Irrgarten“. Dort treffen sich die Vergnügungssüchtigen, mit Schampus und Koks in Stimmung gebracht. Nur einer steht starr und stumm herum: Kommissar Paul Lang (Friedrich Mücke). Er ist dienstlich hier, und ihm ist der Spaß vergangen am Leben, seit er Frau und Tochter verloren hat. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht, weil die beiden noch zu sehen sind in der Parallel-Montage. Aber dann tritt Sängerin Irma ans Mikro des „Irrgarten“, und wie Paul sie anstarrt und sie ihn, wissen wir dank der eindeutigen Kamera: Da wird etwas passieren mit den beiden. Und deshalb ahnen wir auch gleich: Es wird etwas passieren mit den anderen beiden, mit Frau und Kind.

Und so ähnlich wird es immer wieder sein im neuen Sat.1-Film „Mordkommission Berlin 1“. Das Publikum wird stets darauf vorbereitet, was demnächst geschieht, sei es durch die aufdringliche Musik, sei es durch den Schnitt oder die Bild- und Lichtführung. Bleibt die Kamera auf einem Rucksack, wissen wir: Da ist was drin, vermutlich eine Bombe. Als ob die Regie (Marvin Kren) die Spannung in Grenzen halten wollte – oder den Zuschauern nicht mehr Krimi-Verständnis zutraut.

Dabei folgt die Geschichte ziemlich konventionell den Genre-Usancen. Ein seelisch wie  körperlich lädierter Polizist jagt den Mörder seiner Familie und bald auch seines Freundes, Staatsanwalt Barnekow. Als Täter im Visier hat er Immanuel Tauss (vor allem dank der Maskenbildnerin dämonisch: Tobias Moretti).  Der war einst Chef des Vereins „Die Krokodile“ und damit so etwas wie der König der Berliner Unterwelt. Nun aber sitzt Tauss im Gefängnis, die Fäden hat jetzt der halbseidene Viktor Parkov (Oliver Masucci) in der Hand, der – nicht eben überraschend – auch der Geliebte von Sängerin Irma ist.

Reales Vorbild des Ermittlers

Polizist Lang versucht Gauner Parkov zum Verbündeten gegen Tauss zu machen, getrieben vom Bedürfnis nach Rache und unterstützt von seinem Assistenten Conrad Ruppert (Frederick Lau) und seiner Sekretärin Masha Kampe (Emilia Schüle). Aber damit ist die „Mordkommission“ auch schon komplett; für weitere Beteiligte hat das Drehbuch (Arndt Stüwe und Benjamin Hessler) kaum Interesse, bis auf eine Sequenz mit Lang und einem Gerichtsmediziner. Denn der Ermittler soll ein reales Vorbild haben, Ernst Gennat, der die moderne Polizeiarbeit erfunden habe, wie die Produzenten wissen lassen.

Doch im Fortgang der Handlung wandelt der Kommissar zusehends und entgegen aller Vernunft auf Solopfaden. Vor allem die Rolle, die man Antje Traues Irma als Handlung vorwärts treibender Charakter zugedacht hat, zeigt die Mängel des Drehbuchs. So geht der Kommissar ausgerechnet die Sängerin um Morphium wegen seiner Schmerzen an.  Irma wechselt umstandslos die Seiten und darf am Ende im Kanal auch noch durch ihr widersinniges Eingreifen für die Entscheidung sorgen. Lücken bei Logik und Moviven  (warum wurde der Staatsanwalt getötet?) lassen die Konstruktion dieser Räuber- und Gendarm-Erzählung nur um so deutlicher durchscheinen.

Nun geht es in einer großen Zahl von Kriminalfilmen, etwa beim ARD-Tatort, längst nicht mehr um Kohärenz und Wahrscheinlichkeit, und vielleicht hat das Produktionsteam dergleichen auch vernachlässigt, weil es auf die Kraft der Bilder vertraute. Denn Regisseur Kren und  Kameramann Armin Franzen haben nicht wenig Mühe darauf verwendet, ihrem Film einen „look“ zu verpassen. Es gibt kaum einmal Szenen bei Tage, und die Nacht in den Straßen ist  meist in ein tiefes Blau gehüllt, die Figuren oft als Schatten oder Silhouetten sichtbar, während ein warmes Braun den Interieurs schummerige Stimmung verleiht. Dazwischen gibt es kaum andere Farben – Ausnahme: wenn die Leiche des Staatsanwalts im Berliner Zoo gefunden wird, und zwar im Krokodilbecken, dessen Wasser nun blutrot leuchtet...

Die Ästhetik wirkt allerdings auf ihre Weise ähnlich forciert wie der Plot. Das Bemühen darum, etwas vom herkömmlichen TV-Krimi sich Abhebendes zu schaffen, ist zwar erkennbar, die Stilisierung als Nachtstück kann aber nicht die Schwächen des Buchs verdecken. Und wenn Sängerin Irma am Ende ins Mikro haucht „maybe Tuesday will be my good newsday", möchte man dem durch so einige Misserfolge der jüngsten Zeit gebeutelten Sender Sat.1 sagen: leider nicht.

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