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„The Missing – Wo ist Oliver?“ Ein Vater gibt nicht auf

„The Missing“ geht dem Verschwinden eines fünfjährigen Jungen nach. Das britische Krimidrama ist nicht nur für Genrefans sehenswert.

Verschwunden
Tony Hughes (James Nesbitt) ist in heller Panik: Sein Sohn Oliver ging in der Menschenmenge verloren. Foto: Liam Daniels

Schicksale ergeben sich aus den Verkettungen zufälliger Umstände. Hätte die Familie Hughes nicht Frankreich als Urlaubsland gewählt … Wäre ihr Auto nicht unterwegs liegengeblieben … Vielleicht hätten sie woanders eine Werkstatt finden können als in Châlons du Bois … Und musste das ausgerechnet während der Fußballweltmeisterschaft passieren?

Nur ein Glied in dieser Kette müsste herausgeknippst werden, und der fünfjährige Oliver (Oliver Hunt) befände sich noch im Kreise seiner Familie. Sehr viele Dinge wären völlig anders verlaufen.

Im Sommer 2006, Europa befindet sich im Fußballfieber, reist die Londoner Familie Hughes durch Nordfrankreich. Eine Panne zwingt sie zu einer Unterbrechung, in der Kleinstadt Châlons du Bois geben sie das Auto zur Reparatur und beziehen ein Zimmer im gemütlichen Hotel „L'Eden“.

Abends gehen Tony Hughes (James Nesbitt) und Sohn Oliver noch im Freibad schwimmen. Oliver möchte etwas trinken. Im Café des Bades läuft ein Fußballspiel, die Gaststätte ist überfüllt, die beiden Briten haben Mühe, bis zur Theke vorzudringen. Da fällt ein Tor, Jubel brandet auf, Tony ist einen Moment abgelenkt. Als er sich Oliver wieder zuwenden will, ist der verschwunden.

Und er bleibt es, über viele Jahre hinweg. Daraus machen die Autoren Harry und Jack Williams von Anfang an kein Hehl. Ihre Geschichte beginnt acht Jahre später. Tony und seine Frau Emily (Frances O‘Connor) haben sich getrennt. Tony hat die Suche nach Oliver nicht aufgegeben, ist darüber zum Trinker geworden und verarmt. Wieder ist er nach  Châlons du Bois gereist, um einem neuen Hinweis nachzugehen.

Tony Hughes kontaktiert Julien Baptiste (Tchéky Karyo), der seinerzeit als Experte für Vermisstenfälle herangezogen worden war. Mittlerweile lebt er im Ruhestand und züchtet Bienen. Aber auch ihn hat der unaufgeklärte Fall nie losgelassen.

Geschickt verteilen die Autoren das Geschehen auf mehrere Zeitebenen. Im Jahr 2006 wird unter höchstem Druck in unterschiedlichste Richtungen ermittelt. Bald gibt es Hinweise, dass Oliver entführt wurde. Ein Pädophiler steht unter Verdacht, ein Tipp führt in Kreise des organisierten Verbrechens, auch Tony Hughes selbst gerät ins Visier der Kriminalbeamten, als seine gewalttätige Vergangenheit ans Licht kommt.

Von der Presse verfolgt

Gewisse Übereinstimmungen mit dem Verschwinden der kleinen Madeline McCann im Jahr 2007 sind wohl kein Zufall. Dort, in der Realität, wurde das Elternpaar wie in der Fiktion die Familie Hughes von Journalisten verfolgt und regelrecht ausspioniert, jedes Detail des Falles erbarmungslos an die Öffentlichkeit gezerrt.

2014 ist Olivers Verbleib noch immer ungeklärt, Tony Hughes auf sich allein gestellt. Damals hatte man sich in Châlons du Bois rührend und großzügig um Tony und Emily gekümmert. Inzwischen ist Tony dort nicht mehr gern gesehen. Der Ort möchte nicht länger mit dem Verbrechen identifiziert werden, abgeschreckte Touristen zurückgewinnen.

Julien Baptiste zieht nun ein Bein nach, 2006 gab es diese Behinderung noch nicht. Ein an den Ermittlungen beteiligter Polizist sitzt im Gefängnis. Ein Verdächtiger lebt in Großbritannien und lässt seine pädophilen Neigungen medikamentös behandeln. Eine beinahe todgeweihte Drogenabhängige ist eine artige Lehrerin geworden. Emily Hughes hat eine neue Familie und bereitet ihre Hochzeit mit Mark Walsh (Jason Flemyng) vor. Sie haben sich kennengelernt, weil Walsh als Verbindungsbeamter zwischen der französischen und britischen Polizei fungiert hatte.

Erst nach und nach enthüllen die Gebrüder Williams, wie es zu diesen Veränderungen kam – einer der Spannungsfaktoren der im Original achtteiligen, von der britischen BBC und dem US-Abokanal Starz produzierten Serie, die das ZDF sonntags als Vierteiler mit je zwei gebündelten Episoden, ausstrahlt. Es ist eine Fortsetzungsgeschichte auf hohem Niveau, von der Erzählhaltung sehr verwandt mit britischen Krimidramen wie „Broadchurch“, „Glue“ oder „Amber“.

Grenze zwischen Gut und Böse verschwimmt

Mit höchstem Einfühlungsvermögen schildern die Autoren neben den Bemühungen um Aufklärung auch den Wellenschlag der Tat, die Auswirkungen über die unmittelbar Beteiligten hinaus. Selbst jenen, die möglicherweise verstrickt sind wie der einschlägig vorbelastete Vincent Bourg (Titus De Voogdt), wird menschliche Tragik zugestanden. Die Haupt- und auch viele Nebenfiguren dienen nicht allein der Handlungsmechanik, sie gewinnen im Verlauf der Geschichte an Persönlichkeit, sind soziologisch genau verortet, zeigen positive wie negative Eigenschaften.

Die Grenze zwischen Gut und Böse verläuft in dieser Serie in unregelmäßigen Schlangenlinien. Diese Ambivalenz schließt den Zuschauer ein, dessen Sympathien wechseln, dessen Wahrnehmung der Charaktere immer wieder auf die Probe gestellt wird.

Ohne die herausragenden Leistungen der Schauspieler, darunter der auch in Hollywood präsente Franzose Tchéky Karyo und der ebenfalls international tätige Belgier Johan Leysen, würde so ein Konzept nicht funktionieren. Regisseur Tom Shankland wurde in den USA für einen Emmy nominiert. Er hätte ihn verdient gehabt. Seine Inszenierung erlaubt ebenfalls den Vergleich mit „Broadchurch“, nicht in epigonalem, sondern positivem Sinne. In beiden Serien sind Landschaften und Stadtbilder nicht einfach schmückende Prospekte im Bühnenhintergrund.

Sie stehen in Wechselwirkung zu den Handlungschritten, kommentieren, irritieren. Was bei „The Missing“ umso erstaunlicher ist, als sich die Wahl der Drehorte ökonomischen Entscheidungen verdankt: Um in den Genuss belgischer Fördermittel zu gelangen, wurde die eigentlich in Frankreich angesiedelte Serie überwiegend in der Wallonie, teils in Flandern produziert, mit gelegentlichen Abstechern nach London und Paris. Châlons du Bois ist ein fiktiver, erst in der Montage entstandener Ort, aber wer die Schauplätze besuchen möchte, wird vor allem in den belgischen Städten Huy und Halle fündig werden.

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