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„Tatort: Söhne und Väter“, ARD Keine Wurst fürs nächste Schulfest

Der Tatort „Söhne und Väter“ kommt unverfänglich daher, birgt eine ordentliche Portion Männerromantik und hat vor allem geradezu ostentativ die Nase voll von sozialkritischen Ansätzen.

Renate wird gleich das Motorrad ihres ungezogenen Sohnes erschießen. Christine Zart mit Emil Reinke, Marie Bendig und Thomas Schweiberer. Foto: Manuela Meyer/SR

Vielleicht sollte es nicht versehentlich nach dem Roman von Iwan Turgenjew klingen, jedenfalls heißt der neue Tatort aus Saarbrücken „Söhne und Väter“, beschäftigt sich aber mit Vätern und Söhnen. Denn bei denen, die zuerst da waren, hat das Unheil auch hier immer angefangen. Einer ist ein Schläger. Einer ist ein Fiesling. Einer ist ein Schwächling. Die drei jugendlichen Söhne sieht man zu Beginn des Films dabei, wie sie in schwer angesoffenem Zustand eine Leiche schänden. Einer schläft ein, die anderen finden das irgendwie ganz lustig und lassen den Freund nach klassischem Vorbild der „Fledermaus“ gut gelaunt zurück. Am nächsten Morgen liegt er erfroren im Kühlraum.

Nun geht es kaum schlimmer, aber „Söhne und Väter“ möchte es nicht zu schwer nehmen, möchte auch nicht zu sehr problematisieren, hat vor allem geradezu ostentativ die Nase voll von sozialkritischen Ansätzen, von dramatischem Gegenwartsbezug – nicht zufällig kam er kurz ins Gespräch, als nach dem Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt nach unverfänglichem Ersatz für einen nun zu gegenwärtigen WDR-Beitrag gesucht wurde. Die Gesellschaft des Saarbrücken-Tatorts ist im Buch von Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli, der auch Regie geführt hat, tatsächlich ein kurioses, zeitloses Biedermeier, nicht goldig, aber übersichtlich. Man kennt und droht sich nach Dörfler-Art – keine Wurstspezialitäten für das nächste Schulfest, wenn Sohnemann tatsächlich von der Schule fliegt. Frappierender ist nur, dass es sofort funktioniert. Überhaupt übernehmen Frauen die rabiaten Rollen, vor allem, wenn man bedenkt, dass die gewalttätigen Väter aus verschiedenen Gründen nicht mehr aktiv werden können.

In einer Flintenweib-Szene erschießt eine erboste Mutter das schicke Zweirad des Sohnes. „Renade, das ist unverhältnismäßig“, sagt der Mann, der Schwächling unter den Vätern. Bebildert ist das nach bewährtem Komödienmuster, flotte Schnitte, hochgezogene Augenbrauen, manches Stutzen und Staunen. Das ist nicht so überkandidelt wie im Münster-Tatort, aber schon munter. Devid Striesow als Ermittler Stellbrink ist es offensichtlich ein Vergnügen, die Dinge unernst angehen zu dürfen. Die Leichenschändung, der tote Junge, so richtig mag sich hier keiner aufregen. Das ist eine Abwechslung, gewissermaßen eine Entspannung im Meer der Sonntagabenddramen.

Es gibt aber noch eine andere, romantische, im Rückblick merkwürdige Seite. Vershinin und Spirandelli nehmen ja nicht alles leicht. Auf dem weiten Feld der Väter und Söhne werden sie bei allem Grausen und allen Hieben – beides reinste Behauptung, wie gesagt, einer der bösen Väter ist tot, der andere hat keinen Sohn mehr – nachgerade zu Träumern. Sie führen einen schachspielenden Koch (Jophi Ries) ein, der einem der Jungen längst zum Ersatzvater geworden ist. Kenntnisse aus seiner zurückliegenden Verbrecherkarriere helfen ihm im Verlauf der Handlung, aber er scheint sie nurmehr zu unterm Strich als rechtschaffen deklarierten Zwecken einzusetzen. Auch der Kommissar wird durch das Auftauchen seines eigenen Sohnes in der titelgebenden Konstellation befangen. Es läuft im Großen und Ganzen lässig und gut zwischen den beiden.

Wenn es männliche und weibliche Tatorts geben würde, wäre das ein männlicher. Reine Spekulation natürlich und reines Klischee. Auch am Sonntagabend wird man davon am Ende aber eine gute Portion abbekommen.

„Tatort: Söhne und Väter“, ARD, So., 20.15 Uhr.

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