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Tatort "Rebecca", ARD Der gute psychopathische Junge

Der Bodensee-Tatort „Rebecca“ erzählt von einem Fall wie dem von Natascha Kampusch, die acht Jahre lang von ihrem Entführer festgehalten wurde.

Manchmal tut er das Richtige, manchmal macht er Fehler: Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) mit der traumatisierten jungen Rebecca (Gro Swantje Kohlhof). Foto: SWR/Patrick Pfeiffer

Der Zufall – dass nämlich Til Schweigers actiongeladener Doppel-Tatort an den Jahresanfang verschoben wurde – lässt nun das vollendete Kontrastprogramm entstehen: Stille folgt auf Lärm, Behutsamkeit auf Geballere, ein verunsicherter und das auch zeigender Ermittler auf einen Haudrauf und Schießschnell. Der vorletzte, kammerspielartige Fall für Eva Mattes und Sebastian Bezzel als Klara Blum und Kai Perlmann heißt nach seiner Hauptfigur „Rebecca“ und lehnt sich ein wenig an die Geschichte von Natascha Kampusch an, die acht Jahre lang von ihrem Entführer festgehalten wurde.

Mit zwei Jahren wurde die fiktionale Rebecca entführt. Als ihr „Erzieher“ stirbt (und von ihr, so ist es befohlen, angezündet wird), ist sie 17 und gedrillt, sich an Regeln zu halten wie: „Dann wird sie zu ihrem Erzieher beten, ob er anwesend ist oder nicht.“ Aus Perlmanns Auftreten schließt sie, dass er ihr neuer „Erzieher“ ist.

Bezzel zeigt, wie schrecklich unangenehm das dem Polizisten ist, ja auch sein muss. Wie er trotzdem, zögernd, versucht, seine Sonderstellung bei der jungen Frau (intensiv und nuanciert: Gro Swantje Kohlhof) zu nutzen, um sie zurückzuholen in ein normaleres Leben. Wie er dabei manches richtig macht. Wie er dabei Fehler macht. Und einmal sogar geohrfeigt wird von Kommissarin Blum, der ihrerseits die Nerven durchgehen.

Die Stimmung ist gereizt zwischen den beiden Kollegen, aber sie ist es aus gutem Grund: Sie sind doch keine Psychologen (sie haben freilich sofort eine hinzugezogen, gespielt von Imogen Kogge). Und sie müssen trotzdem versuchen, die extrem verstörte junge Frau zu befragen. Denn es hat wohl noch ein zweites Kind gegeben in dem Haus des toten „Erziehers“. Der Vater dieses Mädchens – längst von seiner Frau getrennt, über die schreckliche Seelenwunde ist Schorf gewachsen – sagt: „Lassen Sie mich einfach in Ruhe mit Ihrer Hoffnung.“ Und hofft dann doch. 

Differenziert, vielschichtig, berührt

Der ehemalige Geschäftspartner des Toten hat weggesehen, diesen vielleicht auch ein bisschen erpresst. Die Nachbarn fanden den Mann höflich und zurückhaltend. Der Vater sagt: „Olaf ist ein guter Junge“ und „für meinen Sohn hatt’ ich immer Zeit“. Das Kind Rebecca glaubte fest daran, dass jemand mit einer so perfekten Handschrift vollkommen ist. Die perfekte Handschrift war heimlich am Computer ausgedruckt – aber woher sollte das Kind wissen, was ein Computer ist und kann? In 90 Tatort-Minuten wird Rebecca nicht nur volljährig, sondern macht auch gewaltige Fortschritte. Letzteres mag nicht sehr glaubwürdig sein; allerdings hat ja auch Natascha Kampusch verblüfft mit ihrer Resilienz.

Mit dezentem Nachdruck zeigt Regisseur Umut Dag, wie Rebecca zurückkehrt ins Leben, eine feuchte Kuhnase berührt, sich um eine Taube kümmert, einen Kakao trinkt. Die Dinge passieren, nach einem Drehbuch von Marco Wiersch, mit Bedacht. Nach eher schwachen Bodensee-Folgen dürfen Eva Mattes und Sebastian Bezzel hier noch einmal differenziert, vielschichtig, berührt sein – ganz ohne künstliche Aufgeregtheiten, Schießereien, Verfolgungsjagden. 

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