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Tatort „Land in dieser Zeit“ Lechts und rinks

Der neue Frankfurt-Tatort führt ins rechtsradikale Milieu. Er zeigt, wie fließend die Übergänge vom besorgten Bürger zum Rassisten sind. Und vielleicht auch die vom traurigen Flüchtling zum Attentäter.

Gemeinsam lecker essen bei Fanny (Mitte) entspannt sogar Hauptkommissar Paul Brix (2. v. r.). Foto: HR/Degeto/Bettina Müller

Unvermittelt taucht nachts am Tatort ein neuer Chef auf. „Sie sollten doch erst morgen anfangen“, sagt Kommissarin Janneke vernünftig. „Jetzt ist morgen, es ist“ (Blick auf die Uhr) „null Uhr eins“, sagt der neue Chef. Dann sagt er zu Kommissar Brix: „Sie sind ein Clown“.

Einigermaßen originell mag das ja sein. Und nichts gegen Bruno Cathomas, der den Neuen spielt. Aber man vermisst doch sofort die stille Nonchalance Roeland Wiesnekkers – dies vollends, als sich Fosco Cariddi, der Neue, als Ernst-Jandl-Fan entpuppt (Drehbuch: Khyna el Bitar, Dörte Franke, Stephan Brüggenthies). Seine Untergebenen erstaunt er mitten in der Arbeit mit einer, zugegeben, furios ge-efften „etude in f“: „eile mit feile / eile mit feile / eile mit feile / durch den fald / durch die füste / durch die füste / urch die füste / bläst der find“. Da guckt das Ermittlerteam. Da guckt auch die Zuschauerin. Es wird zwar in diesem Frankfurt-Tatort (ja, schon wieder einer, nach „Wendehammer“ im Dezember) letztlich nicht viel gealbert, dafür aber an unpassenden Stellen.

Als es in „Land in dieser Zeit“ also zügig recht ernst geworden ist, geht es um rechtsradikale junge Menschen, um drei Frauen vor allem, die sich (böse Menschen haben hier durchaus Lieder) unter anderem als harmlose Chorsängerinnen deutschen Liedguts tarnen. Übrigens können sie auch „Die Gedanken sind frei“; es geht darin ja nicht um die Art der Gedanken.

Vera, Jasna Fritzi Bauer, arbeitet in einem Friseursalon, hat sich am Tag, ehe dieser angezündet wurde, vor dem Laden mit einem Afrikaner gestritten und sagt Sätze wie: „Deswegen sind wir doch noch lang keine Nazis“. Sie benutzt auch Fremdenfeindlichkeits-Begründungen – jedem sein eigenes Land und seine eigene Kultur –, die von den sogenannten Identitären propagiert werden (im Film tauchen sie seltsamerweise als „Die Kongruenten“ auf).

Zu intellektuell für die Friseuse?

Die Argumentation Veras ist viel zu intellektuell für eine Friseuse, finden die Kommissare (die selbstverständlich keine Vorurteile haben), das muss ihr jemand eingeflüstert haben. Im Nazi-Discotreff, den die junge Frau besucht, geht es freilich eher gar nicht geistig zu, vor allem in den dunklen Ecken.

Der neue Chef der Kommissare liest indessen eindringlich „babba / toobaba /toobaba / tohuubaba“ oder so ähnlich und so weiter.

Auf das Pflaster vor dem ausgebrannten Salon, in dem Veras Kollegin ums Leben kam, hat jemand „Kill All Nazis“ gesprayt. Ein bisschen offensichtlich vielleicht? Und warum sollte der afrikanische Drogendealer – ob er einer ist, steht nicht zur Debatte, interessiert die Kommissare auch nicht – sich rächen, statt einfach ein Straßeneck weiterzuziehen? Janneke, Margarita Broich, jedenfalls traut den jungen Frauen nicht. Brix, Wolfram Koch, schwankt noch.

Der Ausgewogenheit in der Geschichte wegen nimmt Fanny, Zazie de Paris, drei Flüchtlinge auf; in deren Wohnheim gab es, so Fanny, einen Wasserrohrbruch. Brix muss nun morgens vor dem Bad warten und ärgert sich. Brix sitzt aber auch vergnügt mit an der Tafel, die Migranten haben gekocht. Einer, er kann schon Deutsch, bringt für den anderen gelbe Post-its auf den Dingen an: „Stuhl“, „Tisch“, „Apfelsine“. Die dritte möchte gern Polizistin werden, „you should talk to the Personalabteilung“, sagt Janneke. Als ob das so einfach wäre.

Auch dieser Tatort, bei dem erneut Markus Imboden Regie führte, geht über einiges hinweg. Er zeigt aber immerhin, wie fließend die Übergänge vom besorgten Bürger zum Rassisten sind. Und vielleicht auch die vom traurigen Flüchtling zum Attentäter. „Messer“ steht auf einem der Post-its.

Die Polizei klingelt bei Fanny, um den einen jungen Mann abzuschieben. Er hatte inzwischen Freunde. Zuletzt passt Jandls Kurzgedicht „lichtung“ (und wird natürlich vom Chef vorgetragen): „manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum“. Wohin Jandl in den nächsten Frankfurt-Tatorten noch führen wird?

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