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Tatort „Im toten Winkel“ Sie können einfach nicht mehr

Der still-intensive Bremen-Tatort „Im toten Winkel“ widmet sich der Überforderung pflegender Angehöriger.

Tatort "Im toten Winkel"
Sven Claasen nimmt Abschied von seiner Mutter. Foto: Radio Bremen/Christine Schröder

Der neue Bremer „Tatort“ zeigt die Realität der Altenpflege so ungeschönt, dass jeder, der sich jemals um alte oder schwer kranke Angehörige gekümmert hat, eigenes Erleben darin wiederfinden wird. „Im toten Winkel“ ist außerdem ein vorzüglicher Titel dafür, denn wer nicht betroffen ist, nimmt das Problem – wie der Autofahrer einen Radfahrer im toten Winkel des Außenspiegels – nicht wahr.

Die, die unauffällig, unsichtbar in ihren Wohnungen bleiben, fallen entweder in die Kategorie der Verdämmernden oder die der tagaus, tagein Sorgenden. Auch Letztere nehmen praktisch nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teil. 

Ein alter Mann erstickt seine demente Frau – er kann einfach nicht mehr –, dann versucht er, sich das Leben zu nehmen. „Warum haben Sie mich nicht sterben lassen?“ wird er bald im Krankenhaus fragen. Eine alte Frau schreit wie am Spieß, als die Pflegerin sie zu waschen versucht. Die Tochter gibt ihrer schreienden Mutter eine Ohrfeige. Sie kümmert sich seit vier Jahren, sie kann einfach nicht mehr, sie brüllt nun ihrerseits: „Wann stirbst du endlich, Mama!“ Sie bindet ihre Mutter zeitweise ans Bett, die ermittelnde Kommissarin sagt: „Das ist Freiheitsberaubung, was Sie da machen.“ 

Nach dem Buch von Katrin Bühlig, in der Regie von Philip Koch müssen die Bremer Hauptkommissare Stedefreund, Oliver Mommsen, und Inga Lürsen, Sabine Postel, „Im toten Winkel“ einen Mörder ermitteln, der gar nichts leugnet und gar nichts mehr will, nur sterben. Lürsen nennt es einen „gemeinschaftlich begangenen Suizid“ und hat Mitleid, ihre Tochter Helen, Camilla Renschke, findet, sie ist zu nachsichtig mit dem alten Mann, „weil er ein Mörder ist“. Und warum sie nun mit einem Fremden fühle, „bei Opa ging es dich fast nichts an“. Ein Vorwurf, der Inga Lürsen stumm macht. 

Auch die Realität der Pflegedienste kommt hier selbstverständlich ins Bild, das Bei-uns- zählt-jede-Minute und das Überfordertsein von Menschen, die eigentlich in keinem Moment, keiner Sekunde überfordert sein dürfen. Die Kommissare (und die Kollegen von der Wirtschaftskriminalität) müssen herausfinden, ob falsche Qualifikationen angegeben, falsch abgerechnet wurde. 

Auch die, die die Pflegedienste kontrollieren und die Pflegestufen festlegen sollen, kommen ins Bild und unter Verdacht, dass nicht alles mit rechten, nämlich unbestechlichen Dingen zugeht. Sie sollen nicht zu viel Geld ausgeben, einerseits. Sie werden von den Angehörigen angefleht, die Pflegestufe zu erhöhen, andererseits. Auch die erschöpften Pflegenden kommen ins Bild und später unter Verdacht. 

Denn es bleibt nicht bei der erstickten alten Frau, ein zweiter Mensch wird tot aufgefunden. Aber dieser Tatort entscheidet sich einmal wieder für stille, unspektakuläre Intensität. Logischerweise ist er vor allem ein Kammerspiel. 

Der alte Mann, Dieter Schaad spielt ihn mit konzentrierter Entschlossenheit, fand denn auch am Belastendsten, dass durch die Demenzerkrankung seiner Frau niemand mehr da war, „mit dem man sich austauschen konnte“. Jahrelang pflegte er sie – und verschwieg es dem Sohn, der einmal die Woche anrief -, dann konnte er nicht mehr. 

 

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