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Tatort „Im Schmerz geboren“ (ARD) „Bester Tatort ever“

Die HR-Produktion „Im Schmerz geboren“ aus dem Jahr 2014 begeistert auch nach seiner Wiederholung viele Zuschauer, wie Reaktionen auf Twitter zeigen. Der Murot-Tatort greift tief in die Zitate-Kiste, wird mit großen Gesten inszeniert - und wird dadurch (auch) ein Spaß.

Felix Murot (Ulrich Tukur) und Magda Wächter (Barbara Philipp). Foto: ARD

So mancher wird vielleicht an diesem Sonntag gleich nach dem wohlvertrauten „Tatort“-Vorspann denken, er habe sich auf die Fernbedienung gesetzt und dabei ein anderes Programm eingeschaltet.

Ein Gemälde, es zeigt ein Stück Urwald, wird lebendig, ein Mann mit Gewehr zittert und schwitzt, erschlägt eine Mücke. So weit, so bis dahin noch einigermaßen krimimäßig. Sekunden später aber ist man nicht mehr in „Bolivien 1982“ und spricht ein Erzähler, zum Publikum gewandt: „Alles Trug, kein Blut, nichts ist real.“

Er besteigt eine kleine Bühne, redet vom Spiel und von uns Narren darin, er gibt den freundlichen Rat: „Liebe Freunde, schickt eure Kinder rasch zu Bette.“ Das nun müsste tatsächlich schnell gehen, denn gleich kommt es auf einem schäbigen hessischen Provinzbahnhof zu einem Western-Showdown, wie man ihn in einem „Tatort“ noch nicht gesehen hat. Kein Kind, das jetzt noch freiwillig ins Bett ginge.

Hirntumor und Halluzinationen

Des ungewöhnlichen Anfangs Lösung: Ulrich Tukur darf wieder einmal in und um Wiesbaden ermitteln als Felix Murot vom LKA. Anfangs hatte Murot einen Hirntumor und Halluzinationen, jetzt ist er offiziell geheilt. Dafür könnte nun der Sonntagabendkrimi-Gucker seinerseits glauben, er habe Halluzinationen.

Denn ein Mann (unser Erzähler vom Anfang, Alexander Held) wird erschossen und spielt schwupps, schon wieder mit. Ein anderer Mann (Ulrich Matthes, grandios schurkisch-schillernd) hat Angst vor – Gemälden und macht im Frankfurter Städel eine „Konfrontationstherapie“. Drei junge Männer tragen  Namen von „Hamlet“-Figuren. Es gibt einen  Handlanger, er  ist „Caliban“ und/oder „Ariel“. Auch der Kaufmann von Venedig wird zitiert. Es lässt sich vorhersagen: Nicht wenige werden diesen Film hassen. Er ist ein wenig manieriert und wunderbar geeignet, das Tatort-Publikum zu spalten.

Der Hessische Rundfunk im Verein mit Florian Schwarz, Regie, und Michael Proehl, Buch, traut sich was mit „Im Schmerz geboren“; mehr noch als bei den anderen Murot-Folgen, die doch auch schon ziemlich abgedreht waren. Vorab gab man sich brutal – von mehr Toten denn je wisperte es   –, jetzt stellt sich heraus: Sie wollen doch nur spielen.

Mit uns, den Zuschauern. In einer Einstellung des Films wird ein Buch in Zeitlupe von einer Kugel durchschlagen (dann  die Brust, vor die es gehalten wird): Der  zerlesene Band ist Sherwood Andersons „A Story Teller’s Story“ (Eines Geschichtenerzählers Geschichte). Zu diesem Zeitpunkt braucht man den Wink mit dem Buchtitel freilich nicht mehr, um zu verstehen:  Die ganze Welt ist hier Bühne.

Und zwei Großschauspieler treten miteinander, gegeneinander an: Ulrich Tukur und Ulrich Matthes. Letzterer spielt einen, der seine Rache spät und kühl genießen will. Ersterer begreift lange nicht, dass er gemeint ist. Aus Matthes’ Augen meint man, den kalten Wahnsinn der Figur namens Harloff blitzen zu sehen. Tukur glänzt mit ironischer Murot-Dezenz. Ein feines Duell.

Bilder, Sätze, Handlungsschnipsel

Man kann die Handlung unglaubwürdig finden, und wie. Aber die große Geste, mit der sie serviert wird, ist doch (auch) ein Spaß: Das Ausziehen eines T-Shirts wird zum Menetekel, die Schießerei zur Choreografie à la Quentin Tarantino. Und wenn die Herren Harloff und Murot, Matthes und Tukur, auf einer Parkbank eine gute Flasche Wein genießen, steht das halbe SEK drumrum. Schwarz und Proehl graben und räubern in der kulturellen Zitate-Kiste (Bilder, Sätze, Handlungsschnipsel), wie man es lange nicht gesehen hat.

Aber am Ende ist die Geschichte eben doch nicht nur Schall und Rauch. Vielmehr changiert sie apart zwischen altem Drama und postmoderner Distanz, zwischen Jux und blutigem, traurigem Ernst. Nur gut, dass es Frau Wächter, Barbara Philipp, gibt. Und nur gut, dass wir uns erinnern: „Alles Trug, kein Blut, nichts ist real.“

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