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Tatort „Der Tatort ist unverwüstlich“

Literaturprofessor Stefan Scherer schaut beruflich den Tatort. Den Fernsehkrimi hält er für den wahren Gesellschaftsroman.

18.10.2013 07:29
Foto: WDR

Herr Scherer, Sie beschäftigen sich in einem groß angelegten Forschungsprojekt mit dem ARD-Tatort. Worum geht es da genau?

Unser Thema ist die Serialiät, wobei das Tatort-Projekt ein Teil eines größer angelegten Vorhabens der Deutschen Forschungsgemeinschaft ist. Drei Jahre lang habe ich mit den Kollegen Christian Hissnauer und Claudia Stockinger von der Universität Göttingen fast 500 Tatort-Folgen unter die Lupe genommen und die Faszination des ARD-Formats zu ergründen versucht – die tatsächlich nicht zuletzt aus dem Umgang der Macher mit dem besonderen Tatort-Gesetz der Serie hervorgeht.

Das müssen Sie erklären.

Wir hatten zuerst eine Hypothese, die sich dann als so nicht haltbar erwies. Selbst als jahrelange Tatort-Zuschauer kam es uns in der Rückschau so vor, als ob die Charaktere der Kommissare sich weiterentwickelten. Das tun sie aber eigentlich nicht. Mit jeder neuen Lena-Odenthal-Folge aus Ludwigshafen, mit jedem neuen Batic-Leitmayr-Tatort aus München wird die wieder auf Null gestellt – das gilt aber nicht für das Gedächtnis, sondern eine neue Handlung, während man sich schon an einzelne Elemente einer Figur erinnert, die aber für die neue Handlung nicht notwendig relevant ist. Abwechslung entsteht vor allem durch das, was wir „vernetzte Serialität“ nennen – die große Zahl der einzelnen Serien mit ihren jeweiligen Schauplätzen, die jeweils ihrer eigenen Serialität unterliegen. Aber auch durch interserielle Verweise wird das Prinzip abgeschlossener Folgehandlungen mit Elementen der Fortsetzungsgeschichte verknüpft. Und diese Verknüpfung bildet sich im Laufe der Geschichte heraus. Sehr spannend.

Wie kommt es überhaupt, dass Sie als Literaturprofessor sich mit einer Fernsehserie beschäftigen?

Der Tatort gilt völlig zurecht als der wahre Gesellschaftsroman bundesdeutscher Verhältnisse, zu dem es in der Literatur und in anderen Medien kein Gegenstück gibt. Seit ihrem Beginn 1970 gibt die Reihe Einblicke in die sozial- und mentalitätsgeschichtlichen Verhältnisse der Bundesrepublik Deutschland, an ihren Folgen lässt sich ein Stück deutscher Geschichte studieren. Nicht zuletzt deshalb, weil der Tatort die Organisationsstruktur der ARD abbildet, die wiederum die föderale Struktur der Bundesrepublik reflektiert. Aufgrund der langen Laufzeit bietet sich der Tatort für Untersuchungen an, in denen es um Dokumentation, Darstellung und Analyse der historischen Verfahren populär-seriellen Erzählens in synchronen wie diachronen Vergleichen geht. Mit so etwas beschäftigen wir uns in der Germanistik ja ebenfalls häufig.

Die Reihe gehört zur Sonntagabendunterhaltung, seit 1970 die erste Folge „Taxi nach Leipzig“ ausgestrahlt wurde. Seitdem ist durchschnittlich 31 Mal im Jahr Tatort-Zeit. Was hat sich im Laufe der Zeit verändert?

Jede Menge. Zum einen nahm das Privatleben der Ermittler von Jahr zu Jahr mehr Platz ein, das begann mit dem Essener Ermittler Heinz Haferkamp, der von 1974 bis 1980 zu sehen war, und seiner geschiedenen Ehefrau. Schimanski in den 80er Jahren war als junger Haudrauf, der ins Milieu verstrickt war, ein ganz anderer Typ als der distanziert-autoritäre Derrick. Eine Besonderheit des Tatorts, die sich durch alle Epochen zieht: Es gab immer wieder Ausflüge ins ambitionierte Kunstkino.

Zum Beispiel?

Das jüngste Beispiel ist der Hessen-Tatort „Das Dorf“ vom Dezember 2011. Justus von Dohnányis Film ist der zweite Fall des Wiesbadener LKA-Ermittlers Felix Murot, der von Ulrich Tukur gespielt wird. Große Teile des Films spielen sich in seinem Kopf ab, er hat einen Gehirntumor, Fantasie und Wirklichkeit waren nicht mehr auseinanderzuhalten. Dieser Tatort hat stark polarisiert. Ein anderes Beispiel für das Tatort-Experiment eines renommierten Regisseurs ist Dominik Grafs Episode „Frau Bu lacht“ aus dem Jahr 1995, die einen Missbrauch thematisiert. Den Film kann man sich zehnmal anschauen, man entdeckt immer etwas Neues.

Erstaunlich, denn der Erfolg des Tatorts besteht ja nun gerade nicht darin, dass man etwas Neues entdeckt.

Nein, aber die Folgen, die aus dem Rahmen fallen, gehören genauso zur besonderen Serialität der Reihe. Darüber reden dann am nächsten Tag alle im Büro. Ich glaube, man geht nicht zu weit, wenn man sagt: Der Tatort ist das letzte kollektive Erlebnis, das die bundesrepublikanische Gesellschaft regelmäßig erreicht. Viele jüngere Zuschauer allerdings entziehen sich dem kollektiven Fernseh-Erlebnis Tatort und weichen auf US-amerikanische Serien aus. Eine Gefahr für den Sonntagabend in der ARD ?

Nein. Der Tatort begegnet dieser Gefahr ja ganz offensiv: mit neuen Ermittlerteams oder neuen Standorten, mit der konzeptionellen Veränderung etablierter oder der Einführung neuer Serien. Ansonsten ist der ewig gleiche Sendeplatz natürlich ein Pfund, mit dem die Reihe wuchern kann, dazu der einheitliche Vorspann und die Kernmelodie. Der Tatort ist unverwüstlich. Und wenn ein deutscher Sender tatsächlich mal eine Serie nach dem Vorbild von „Breaking Bad“ oder „Homeland“ wagen würde?

Diese Frage ist rein hypothetisch, daran glaube ich nur bedingt, weil es im deutschen Fernsehen bislang nicht den Mut zu einer qualitätvollen Fortsetzungsserie gibt. Dominik Grafs grandiose Serie „Im Angesicht des Verbrechens“, die problemlos mit „Breaking Bad“ mithalten kann, ist beim deutschen Publikum gefloppt. Wenn die deutschen Fernsehanstalten einmal wie hier mutig sind, kommt es nicht an. Deutsches Fernsehen funktioniert anders, das merkt man doch auch daran, wie sehr sich etwa die hochgelobten skandinavischen Krimiformate vom Tatort unterscheiden.

Schauen Sie eigentlich auch selbst gern Tatort?

Ja, sehr. Vor allem liebe ich die Folgen aus München. Ich mag das Ermittler-Gespann Batic und Leitmayr. Die Geschichten sind durchweg auf hohem erzählerischem Niveau und von einer herrlichen anarchistischen Komik in der Linie von Karl Valentin durchzogen. Das ist keine Konfektionsware.

Interview: Anne Lemhöfer

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